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Politik

Keine fundierte Berichterstattung

Die Regierungskrise in Großbritannien ist inzwischen eine Krise der BBC. Ein Kommentar von Grahame Lucas.

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Die BBC hat nach dem Selbstmord des Biowaffenexperten
David Kelly erstmals zugegeben, dass der Regierungsberater die Hauptquelle für schwerwiegende Anschuldigungen gegen die Regierung Tony Blair gewesen ist. Der Sender hatte berichtet, die Regierung Blair habe ein Geheimdienstdossier über Massenvernichtungswaffen bewusst dramatisiert. Nun fragen sich viele in London, ob der Sender, der den Irak-Krieg sehr kritisch begleitet hat, sorgfältig und in angemessener Weise über das Dossier berichtete.

Premierminister Tony Blair hat den Weg für eine öffentliche Untersuchung freigemacht, wohl in der Hoffnung, dass am Ende die BBC und nicht er am Pranger steht. Aber dennoch muss er sich Fragen stellen lassen: Wie gelangte der Name David Kellys als Informant der BBC an die Öffentlichkeit? Wurde er als vermeintlicher Verräter von Regierungsbeamten unter Druck gesetzt und in den Selbstmord getrieben?

Wenn diese Fragen vor der Untersuchungskommission mit "ja" beantwortet werden, werden Köpfe in der Regierung rollen müssen. Dann stünden wohl die Rücktritte von Verteidigungsminister Geoffrey Hoon und dem Kommunikationsdirektor in der Downing Street, Alistair Campbell, an. Blair selbst stünde nur dann zur Disposition, wenn die Kommission die Anschuldungen der BBC, die Regierung hätte am Dossier der Geheimdienste herumgedoktert, bestätigen sollte. Dies scheint aber zunehmend unwahrscheinlich.

Vielmehr steht die Glaubwürdigkeit der BBC und ihre Berichterstattung inzwischen auf dem Spiel. Sie hätte zweifelsfrei David Kelly viel früher als Informationsquelle nennen können, und somit eine Klärung der Sachlage ermöglicht. Dass sie dies nicht tat, kann als Versuch gewertet werden, das Thema solange wie möglich in den Schlagzeilen zu halten. Äußerst defensiv wandte sich Nachrichtenchef Richard Sambrook letztlich am Sonntag (20.7.2003) an die Presse. Die BBC habe, so Sambrook, die Aussagen von Kelly richtig "interpretiert".

Das reicht bei weitem nicht. Der Sender muss nun klarstellen, was gesagt wurde und was der auf Verteidigungsfragen spezialisierte Korrespondent Andrew Gilligan daraus geschlossen hat. Ferner muss der Sender erklären, warum er in der Berichterstattung stets von einer Geheimdienstquelle gesprochen hat, wenn Kelly als Biowaffenexperte und Berater für das Verteidigungsministerium tätig war, nicht aber für den Geheimdienst. Kelly selbst hatte vorige Woche vor dem Untersuchungsausschuss im Unterhaus zugegeben, mit
Gilligan gesprochen zu haben, um ihm den Hintergrund der Situation im Irak zu erklären. Vor dem Ausschuss habe er seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, nicht die Hauptquelle für die Vorwürfe gewesen zu sein. Dass Kelly vor dem Ausschuss gelogen hat, wird von unabhängigen Medienvertretern so gut wie ausschlossen.

Wir werden aber möglicherweise nie erfahren, was sich zwischen Kelly and Gilligan abgespielt hat. Denn der Hauptzeuge ist seit vergangenem Freitag (18.7.2003) tot und Gilligan muss um seinen Ruf und seinen Job fürchten. So steht Aussage gegen Aussage. Auch der Stuhl von
Nachrichtenchef Richard Sambrook wackelt gewaltig. Es werden sogar Namen von Direktoren genannt, die die Berichterstattung Gilligans vorab genehmigt haben sollen.

Am Ende wird die BBC aber mit dem Vorwurf leben müssen, sie habe die Anschuldigungen Gilligans in ihrer wichtigsten politischen Hörfunksendung ausgestrahlt, ohne diese sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft zu haben, also
ohne eine Bestätigung aus anderer Quelle gefunden zu haben. Das dies die ehrenwerte BBC trifft, die seit der Gründung 1922 stets Wert auf eine ausgewogene und sachlich richtige Berichterstattung legt, sagt viel über die Veränderungen in der Medienlandschaft in Großbritannien aus. Dort herrscht inzwischen ein gnadenloser Konkurrenzkampf, wo ein schneller Exklusivbericht offenbar mehr zählt als fundierte Berichterstattung.

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