1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Keine echte Heimat mehr

15 Jahre nach dem Krieg leben im künftigen EU-Land Kroatien noch eine viertel Million Serben. Etwa 400.000 haben ihre Heimat verlassen - für immer. Viele der Verbliebenen fühlen sich benachteiligt.

Serbisches Dorf Veljun in Zentralkroatien (Foto: DW)

Das kroatische Dorf Veljun: nur die älteren Serben sind nach dem Krieg zurückgekehrt

Es herrscht Ruhe in Veljun. Das Dorf liegt am Gipfel eines der Berge der Region Kordun in Zentralkroatien. In nordwestlicher Richtung sind es knapp 35 Kilometer bis zur nächsten größeren Stadt, Karlovac. Richtung Süden gleitet der Blick über die Dinariden: Bis zur Adria reiht sich Bergkette an Bergkette. Mileta Stipic wurde hier geboren, vor 50 Jahren. Der sportliche Ex-Polizist versucht sich gerade als Lokalpolitiker einer serbischen Partei im rund 20 Kilometer südöstlich gelegenen Städtchen Slunj. Sein Heimatort Veljun lag zu Beginn des Kroatien-Krieges 1991 inmitten des von serbischen Aufständischen kontrollierten Gebietes. Diese selbsternannte Republik Krajina wurde im Sommer 1995 von kroatischen Truppen erobert. Damit war zwar der bewaffnete Konflikt beendet, nicht aber die Gewalt.

Plünderungen, Zerstörungen Morde - nach dem Krieg

Mileta Stipic (Foto: DW)

Das Zusammenleben funktioniert nicht, meint der serbische Lokalpolitiker Mileta Stipic

"Hier gab es keine Kämpfe. Aber nach dem Krieg gab es Plünderungen und Zerstörung", erinnert sich Stipic: "Fast alle sind 1995 von hier geflohen. In Veljun blieben nur sechs oder sieben Menschen zurück. Eine Mutter und ihre Tochter wurden in ihrem Bett ermordet. Einem Mann wurden die Beine zerschossen. Eine Oma wurde geköpft. Unverletzt überlebten nur zwei Kroaten." Die Morde und Misshandlungen an Serben durch die kroatischen Kräfte werden vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verhandelt. Mileta Stipic ist überzeugt, dass sich viele seiner Mitbürger vor 14 Jahren nur durch die Flucht nach Bosnien oder Serbien vor dem sicheren Tod retten konnten. Kroatien hat rund viereinhalb Millionen Einwohner. Vor dem Krieg lebten hier rund 600.000 Serben. Heute zählt diese Minderheit nur noch etwa 220.000 Menschen.

Nationalistisches Liedgut

Mindestens die Hälfte der rund 130.000 Flüchtlinge, die offiziell zurückkamen, sind nicht dauerhaft geblieben: Sie haben sofort ihr Eigentum verkauft und das Land verlassen - das behaupten jedenfalls die serbischen Verbände in Zagreb. Das Serbische Demokratische Forum spricht von einem Klima der Gewalt gegen Serben: Bis 2004 habe es jährlich durchschnittlich 80 Übergriffe gegen serbische Rückkehrer gegeben – viele davon mit Todesfolge.

Die Stimmung in Kroatien scheint Serben gegenüber noch immer alles andere als freundlich zu sein: Zehntausende Kroaten bejubeln regelmäßig die Auftritte des nationalistischen Musikers Thompson – benannt nach der gleichnamigen Maschinengewehrmarke. Dessen Texte werden von Organisationen für Menschenrechte als faschistisch eingestuft. Der Bürgermeister der zweitgrößten kroatischen Stadt Split ließ unlängst öffentlich verlauten, er sei froh, keine Serben in der Familie zu haben. Die hätten den Kroaten nichts Gutes gebracht.

Serben regieren mit

In den letzten fünf Jahren wenden sich Politik und Medien zwar immer schärfer gegen Hasstiraden oder kroatischen Chauvinismus. Geholfen hat das wenig, sagen sie in Zagreb bei der Selbstständigen Demokratischen Serbischen Partei. Eine Partei die seit 2004 immerhin an der Macht ist - als kleinerer Partner der national-konservativen kroatischen Regierung.

Seitdem die serbische Partei mitregiert, wurden die Rechte dieser Minderheit in Gesetzen fester verankert und besser geschützt. Das honorierte auch vor zwei Jahren eine OSZE-Studie. Menschenrechtler wie Jelka Glumicic sind zwar sparsamer mit Lobeshymnen. Sie blicken aber dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Kroatin Glumicic hat ein Jahrzehnt lang serbischen Rückkehrern im zentralkroatischen Kordun geholfen.

"Rückkehrer sollen sich nicht fürchten"

"Es gibt Dörfer, in die die Menschen schon früher zurückgekehrt sind, von den Hilfsorganisationen unterstützt. Sie führen ein normales Leben, haben ihre Häuser wiederaufgebaut. Es kommt zwar weiterhin gelegentlich zu Zwischenfällen, aber nicht so oft wie früher", erzählt die ebenso zierliche wie energische Glumicic: "Ich glaube, dass man sich vor dem Zusammenleben nicht fürchten soll. Meiner Meinung nach sind die Serben und die Kroaten ein Volk: Sie haben die gleiche Sprache, die gleiche Mentalität"

Mileta Stipic aber teilt ihren Optimismus nicht. In sein Dorf Veljun seien nur die Älteren zurückgekehrt. Im ganzen Land sei die Lage ähnlich. Junge Serben hätten wegen ihrer Herkunft im öffentlichen Dienst keine Chance. In der Privatwirtschaft würden ihnen nur schlecht bezahlte Jobs angeboten, erbost sich der serbische Lokalpolitiker. Er selbst war zu Beginn des Konflikts aus der Polizei gedrängt worden und schafft es heute nicht, dort wieder eine Stelle zu finden.

So wirkt die ehemals von Serben besiedelte Krajina in Kroatien zwar ruhig. Das liegt aber auch daran, dass einige Städte und Dörfer nahezu menschenleer sind. Die kroatische Gesellschaft hat knapp ein Zehntel ihrer Mitbürger verloren.

Autor: Filip Slavkovic

Redaktion: Matthias von Hein