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Deutschland

"Keine Arbeit macht den Kopf kaputt"

Wir haben in Deutschland viele Geschichten über Flüchtlinge gehört, die zu uns kommen. Wir haben bisher nur wenige gehört über Menschen, die als Flüchtlinge kamen und jetzt zurückkehren in ihre Heimat. Hier ist eine.

Wissam Faraschi

Auf dem Weg zurück nach Syrien: Wissam Faraschi

Wissam Faraschi zieht nicht einmal die Tür zu, als er sein Zimmer verlässt. Der Mann aus Syrien ist 38 Jahre alt und hat die letzten 20 Monate in Deutschland gelebt. Die meiste Zeit in diesem Zimmer in Hövelhof, einer kleinen Stadt in Ostwestfalen. Er zieht die Tür nicht zu und er lässt das Licht an. Die halbvolle Tasse Kaffee bleibt auf dem Tisch stehen.

Was er in Deutschland gesucht hatte, hat Wissam Faraschi nicht gefunden: Sicherheit und - wichtig - Arbeit; in welchem Job auch immer. In Syrien, erzählt er, habe er als selbstständiger Architekt gearbeitet und noch in vielen anderen Jobs, das sei in seinem Land so üblich. "Ich bin zum Arbeitsamt gegangen, zum Job-Center - keine Chance. Ich habe alle Restaurants gefragt, alle Fabriken, alle Baustellen. Ich kann auch als Bauer arbeiten, es muss ja nicht Architekt sein. Nichts! Keine Arbeit!" Und er sagt noch: "Ein Jahr und zehn Monate ohne Arbeit. Das macht den Kopf kaputt. Ich bin krank.“ Wissam Faraschi fühlte sich in Deutschland außen vor - und das ist wörtlich zu nehmen; hier am Rande der Stadt.

"Alles Lugen"

Bett, Herdplatte, Tisch, Stuhl: Es ist ein spärliches Zimmer in einem ungemütlichen Wohnblock. Viele Flüchtlinge leben hier. "Wie soll man hier Kontakt aufnehmen zu Deutschen, die einem einen Job besorgen? Hier im Haus gab es Leute, die haben Kokain genommen und Marihuana. Und Leute, die haben in zwei Jahren nicht einmal gearbeitet. Wie soll man hier Kontakt aufnehmen zu guten Leuten?"

Wissam Faraschi

Ohne Job, ohne Perspektive: Faraschi ist enttäuscht

Wissam Faraschi sagt "gute Leute", weil ihm die richtigen Worte fehlen für das, was er meint. Sein Deutsch zu verstehen, fällt schwer. Er meint Menschen, die sich um einen kümmern, die einem einen Job besorgen. Menschen, die sich sehr wohl um Flüchtlinge kümmern, gibt es auch in Hövelhof genug. Sie sagen: Gerade alleinstehende Männer kommen nicht damit zurecht, dass sie nichts zu tun haben. Manche trinken Alkohol, manche fangen an zu spielen. Auch Wissam habe darüber geklagt. Und er habe damit auch sich selbst gemeint. Dem Reporter sagt er nichts darüber. Er lacht, wenn man ihm von der Willkommenskultur in Deutschland erzählt. "Die Flüchtlinge, die hierher kommen, denken: Deutschland ist ein Paradies. Sie glauben, sie könnten König sein in Deutschland. Als ich hierhin kam, wurde ich gefragt: Was willst du haben? Du kannst das haben und das und das - alles Lugen, Lugen, Lugen."

"Zwei Jahre ausradieren im Kopf"

Er sagt "Lugen" statt "Lügen" - mit Wissam Faraschis Deutsch ist es nach 20 Monaten nicht weit her. Dass es nicht nur an den Behörden und den Politikern liegen könnte, dass er bis heute keinen Job bekommen hatte, sondern vielleicht auch an ihm selbst - darüber mag er nicht sprechen.

Seine sieben Sachen muss Wissam Faraschi am letzten Tag nicht packen - es gibt keine sieben Sachen mehr. Er hat nur noch die Kleidung, die er am Körper trägt. Außerdem: ein paar Kekse für unterwegs, seine Papiere - und die Rückflugtickets in den Libanon; von wo ihn seine Familie abholt. In Syrien sei nicht überall Bürgerkrieg, sagt er. In seinem Dorf soll es ruhig sein. Bevor er in den Fernbus einsteigt, der ihn zum Flughafen nach Frankfurt bringt, sagt er noch: "Danke Deutschland." Ob das ehrlich gemeint ist oder ironisch - schwer zu sagen. Ein Radiergummi hätte er gern, sagt er noch: "Ich muss zwei Jahre ausradieren in meinem Kopf."