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Amerika

Keine Angst vor dem GAU

Siedewasserreaktoren wie in dem Atomkraftwerk Fukushima I stehen auch in den USA, zum Beispiel am Delaware River zwischen New York und Washington. Für die Anwohner des Hope Creek AKW ist aber ein GAU unvorstellbar.

Die Atomanlage mit den Kraftwerken Hope Creek (Mitte) und Salem 1 und 2 (rechts), New Jersey, von der anderen Seite des Delaware Rivers aus gesehen (Foto: dw/Christina Bergmann)

Die Atomanlage mit den Kraftwerken Hope Creek und Salem 1 und 2

In der kleinen Gemeinde Lower Alloways Creek – für Einheimische nur kurz "LAC" – steht die zweitgrößte Nuklearanlage der USA. Drei Reaktoren, Salem 1, Salem 2 und Hope Creek, produzieren hier in New Jersey genug Strom für drei Millionen Haushalte. Vorbei an Feldern führt der Weg an den Fluss, wo die Kraftwerke stehen, etwa auf halbem Weg zwischen New York und Washington. Hope Creek ist ein Siedewasserreaktor, genau wie der im japanischen Fukushima. Beide Reaktoren wurden von der Firma General Electric gebaut.

Mittagszeit in der kleinen Imbissbude von Tina Marie Bobbitt. Seit fast 40 Jahren lebt die 51-Jährige in Hancocks Bridge, unweit der Atomkraftwerke Salem und Hope Creek. Fast täglich liefert sie Hotdogs, Burger und Pizza dorthin. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt sie. Sie sei sogar dafür, dass noch ein weiterer Reaktor gebaut wird, "denn es bringt Arbeitsplätze und ich habe mein Geschäft ja auch hier und beliefere sie." Angst habe sie nicht, sagt die dunkelblonde Frau, denn die Umstände in Japan, ein Erdbeben und ein Tsunami, seien eben sehr besonders gewesen.

Atomstrom bis 2046?

Porträt von Bürgermeisterin Ellen Pompper (Foto: dw/Christina Bergmann)

Ellen Pompper, Bürgermeisterin von Lower Alloways Creek

Seit 1986 ist der Reaktor Hope Creek am Netz, die Betriebsgenehmigung geht bis 2026, eine Verlängerung um noch einmal 20 Jahre ist beantragt. Die Betreibergesellschaft PSEG gibt nur eine schriftliche Stellungnahme heraus. Darin heißt es, man erwartet, dass es durch die Katastrophe in Japan zusätzliche Fragen geben wird. Niemand rechnet aber damit, dass die Genehmigung verweigert wird. Ellen Pompper, seit sieben Jahren Bürgermeisterin der Gemeinde, zu der die Kraftwerke gehören, erklärt: "Unsere Gemeinde hat erheblich von den Atomkraftwerken profitiert."

In den 60er Jahren, als klar wurde, dass in der Gegend eine Atomanlage gebaut werden soll, erzählt sie, hätten sich Vertreter der Gemeinde dafür eingesetzt, dass LAC den Zuschlag bekommt. Denn die Gegend war arm und hatte die höchsten Steuersätze in New Jersey. Hier lebten vor allem Farmer und Bisamrattenjäger. Die Kraftwerke haben das verändert. Jetzt sind die Steuern niedrig, "die Kinder bekamen eine bessere Schulbildung, Arbeitsplätze wurden geschaffen", zählt Pompper die Vorteile der Atomkraftwerke auf: "Wirtschaftlich hat die Gegend enorm profitiert."

Alles sicher?

Wappen von Lower Alloways Creek, auf dem ein Pflug, eine Ratte, ein historisches Haus und das Atomkraftwerk abgebildet sind (Foto: dw/Christina Bergmann)

Pflug, Ratte, historisches Haus, Atomkraftwerk: so sieht das Wappen von Lower Alloways Creek aus

1500 Menschen arbeiten in den Kraftwerken, gut 600 davon leben in dem Landkreis. Pomppers Sohn und Ehemann gehören dazu. Eine Katastrophe wie in Fukushima, glaubt sie, könne hier nicht passieren, denn "in den USA gibt es strengere Auflagen durch die Behörden und die Anlagen sind so gebaut, dass sie schlimmere Katastrophen überstehen können, als wir je erlebt haben." Die AKW-Betreiber erklären, es gebe Batterien und Dieselgeneratoren für die Sicherheitssysteme, sollte die Stromversorgung ausfallen. Doch in Fukushima wurden die Dieselgeneratoren durch den Tsunami unbrauchbar, und die Batterien reichten nur wenige Stunden. Auch in Hope Creek reichen die Batterien nicht wesentlich länger.

Nach Angaben der Betreiber können die Salem/Hope Creek Kraftwerke Erdbeben bis zu einer Stärke von 6,5 auf der Richterskala überstehen. Der Geologe John Madsen sagt, die Gegend hier sei kein Erdbebengebiet und die stärksten Beben hätten bisher bei zwei oder drei auf der Richterskala gelegen. Seine Einschätzung: "Sie haben die Kraftwerke für eine Erdbebenstärke gebaut, die sehr sehr unwahrscheinlich für diese Gegend ist."

Auch direkt vor der Atlantik-Küste, die nicht weit entfernt ist, sind tektonische Verschiebungen unwahrscheinlich, sagt der Experte des Geologischen Instituts der Universität von Delaware.

Stürme und Tsunamis

Erdbeben sind also weniger ein Problem für die Kraftwerke in New Jersey, schwere Stürme mit viel Regen und Überflutungen oder Tornados dagegen schon. Und Madsen weist auf die andere Seite des Atlantischen Ozeans hin: "Wenn es in der Nähe der Kanarischen Inseln einen Vulkanausbruch gibt, der Landverschiebungen unter Wasser zur Folge hat, dann könnte daraus auch ein Tsunami entstehen." Nach einigen Modellen könnten dabei Wellen in Höhe von fünf bis zehn Metern entstehen. Das Siedewasserkraftwerk am Delaware River kann aber nur dann dem Wasser widerstehen, wenn die anschwappenden Tsunamiwellen höchstens sechs Meter hoch sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass zehn Meter hohe Wellen in die Mündung des Delaware River rauschen, sei nicht sehr groß, sagt Madsen, "aber wenn es passiert, dann wäre es verheerend."

Schild am Straßenrand mit Informationen für den Notfall (Foto: dw/Christina Bergmann)

"Wenn die Sirene drei bis fünf Minuten lang ertönt, dann die Radiofrequenz 101,7 oder 97,3 für Notfallinformationen einschalten". So steht es auf einem Schild am Straßenrand.

Wohin im Ernstfall?

Der 70-jährige Lawrence Murphy lebt seit sechs Jahren in Hancocks Bridge und zeigt auf eine gesperrte Straße. Er fragt sich, wie er mit seiner Frau im Falle einer Überschwemmung den Ort verlassen soll. "Diese Straße dort geht nach Salem, über eine Brücke, aber sie müssten die Straße reparieren, denn bei Hochwasser ist sie überflutet," sagt er und fährt fort: "Man käme nicht weg, man wäre gefangen."

Doch Murphy ist mit seinen Sorgen eher die Ausnahme, Proteste gegen die Atomkraft, sagt Bürgermeisterin Pompper, gebe es in ihrem Ort nicht.

Auf der anderen Seite des Delaware Rivers, in Wilmington, im US-Bundesstaat Delaware, schimpft Frieda Berryhill, dass sie sich seit Jahren zum Gespött der Leute mache, weil sie Anhörungen und Informationen über die Evakuierungspläne verlange. Die Katastrophe in Japan sei furchtbar, sagt sie, habe aber vielleicht etwas gutes: "Ich hoffe, dass dieses Land endlich aufwacht." Die Amerikaner seien so gelassen und uninformiert und so obrigskeitshörig. "Hier gibt es keine Protestmärsche wie in Deutschland," bedauert sie.

Schicksalsergeben

Die 89-jährige Frieda Berryhill sitzt an einem Computer (Foto: dw/Christina Bergmann)

Die 89-jährige Frieda Berryhill kämpft seit den 70er Jahren gegen Atomkraft

Frieda Berryhill, die 1947 von Österreich nach Amerika gekommen ist, kämpft seit 1975 gegen die Atomkraftindustrie. Doch inzwischen ist sie 89 und es gibt niemanden, der ihre Arbeit fortführt, sagt ihre Schwiegertochter.

Auch Tina Marie Bobbitt wünscht sich, dass die Behörden die Anwohner der Kraftwerke besser über die Evakuierungsmaßnahmen informieren. "Natürlich wird es Chaos geben, wenn etwas passiert. Ich weiß, wie das ist." Vor ein paar Jahren, erzählt sie, als ihre Kinder noch zur Schule gingen, habe es dort einen Notfall und einen Alarm gegeben. Die Kinder seien in Sicherheit gebracht worden und sie war von ihnen getrennt: "Da hatte ich wirklich Angst." Doch sie denke nicht jeden Tag an die Gefahr durch die Kraftwerke, denn letztlich, sagt Tina Marie, könne man seinem Schicksal doch nicht entgehen: "Was passieren soll, passiert eben."

Autorin: Christina Bergmann, Washington
Redaktion: Marco Müller

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