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Sport

Keine Özils im deutschen Handball

Während der deutsche Fußball für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund gelobt wird, fehlt dieser Nachwuchs anderen Sportarten. Der Handball hat die demografische Entwicklung hierzulande verschlafen.

Mesut Özil und Sami Khedira - diese Namen kennt jedes Kind in Deutschland. Die deutsche Fußballnationalmannschaft wird seit Jahren von den Spielern mit Migrationshintergrund geprägt. Oft wird die "Elf" als Symbol für gelungene Integration gefeiert. Im Trikot des Deutschen Handball-Bundes (DHB) sucht man jedoch vergeblich nach Özils und Khediras. Patrick Wiencek war der einzige Profi mit Migrationshintergrund im Aufgebot der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2013. Seine Eltern stammen aus Polen.

Sami Khedira und Mesut Özil im Trikot der deutschen Nationalelf (Foto: Patrick Seeger/dpa)

Sami Khedira und Mesut Özil

Für Soziologen der Universität Bielefeld, unter ihnen der ehemalige Bundesliga-Handballer Klaus Cachay, ist das keine Überraschung. Die Forscher bemängeln, dass der DHB bisher kaum Strategien zur Rekrutierung der Jugendlichen aus Migrantenkreisen entwickelt habe. "Wir finden keine Personen mit Migrationshintergrund im deutschen Handball", sagt Cachay. " Wir haben die ganzen Kaderlisten durchforstet, dort werden Sie so gut wie keine Migranten finden - im Gegensatz zum Deutschen Fußball-Bund."

Ein buntes Land

Deutschland wird immer bunter. Schon heute haben etwa 15 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund, in manchen Regionen hat jedes dritte Kind nichtdeutsche Wurzeln. Das ist auch für die Zukunft des deutschen Sports relevant. Im Fußball steigt die Anzahl von Aktiven mit Migrationshintergrund kontinuierlich. Unter den Sportlern an den Eliteschulen des Fußballs beträgt der Migrationshintergrund rund 40 Prozent.

Spielszene Patrick Wiencek im Spiel Deutschland gegen Mazedonien (Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Nationalspieler Patrick Wiencek ist eine Ausnahme

Der Migrantenanteil tendiert im Handball gegen Null. Das bedrohe diese Sportart langfristig, warnt der Sportjournalist Erik Eggers: "In Zukunft wird es ganz sicher so sein, dass Kinder seltener werden. In diesem Pool, der dann zur Verfügung steht, werden die Kinder mit muslimischem Hintergrund noch wichtiger werden. Ihr Anteil wird größer."

Fußball statt Handball

Warum gehen die muslimischen Mädchen und Jungen nicht zum Handball? Eggers weiß aus vielen Gesprächen mit Clubvorsitzenden, dass es vor allem sehr schwierig ist, die Mädchen mit muslimischem Hintergrund zu motivieren, Handball zu spielen. Das hat oft einen familiären Hintergrund: Die Eltern wollen einfach nicht, dass die Mädchen eine körperbetonte Sportart wie Handball ausüben. Man müsse wissen, dass Handball in der Türkei überhaupt keine Rolle spiele: "Das mag auch ein Grund gewesen sein, warum die türkischstämmigen Eltern ihre Kinder lieber Fußball spielen lassen. "

Prof. Dr. Klaus Cachay

Soziologe Klaus Cachay: "Ausschluss der Muslime"

Das soll aber nicht der einzige Grund sein für mangelnde Integration der Migrantenkinder in dieser urdeutschen Sportart. Der Handball schließe die größte Migrantengruppe, nämlich diejenige mit muslimischem Hintergrund, so gut wie vollständig aus, lautet das Fazit des Soziologen Cachay und seiner Bielefelder Kollegen in einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz für die Zeitschrift "Sport und Gesellschaft". Cachay geht davon aus, dass es Formen von Ausgrenzung gegenüber den Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt. Handball-Vereine würden ein gewisses "Klima" verbreiten, welches auf Ablehnung bei Migranten ziele, so Cachay: "Es sind Formen der Körperlichkeit, des Körperkontakts, es sind Umgangsformen, die eine solche Grenzziehung im Alltag in Vereinen bewirken. "

Eine delikate Frage

Das Team um Cachay stellt die delikate Frage, ob der Handball nicht sogar durch seine Kommunikationspolitik die Migranten in der Annahme bestärke, als Mitglieder nicht erwünscht zu sein - im Sinne einer "ethnischen Grenzziehung". "Das mag damit zusammenhängen, dass Handballvereine manchmal einen relativ hohen Bildungsgrad haben. Auch ist es historisch bedingt, dass sie oft akademischen Hintergrund haben. Das Bildungsniveu im Handball ist häufig höher als beispielsweise im Fußball. Mit solchen Dinge kann man signalisieren, dass man vielleicht mit anderen Schichten nichts zu tun haben will“, fasst Erik Eggers zusammen. Der Sportjournalist betont aber im Interview mit der DW, diese Signale seien keine Form von Rassismus, vielmehr handele sich um eine soziale Abschottung.

DHB widerspricht

Georg Clarke, im Präsidium des Deutschen Handball-Bundes für Jugend zuständig, will diese These allerdings nicht akzeptieren. Clarke räumt zwar ein, der DHB habe keine Strategie zur Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das solle sich in der Zukunft aber ändern. Man werde sich der Sache intensiv widmen. In einigen Bundesländern habe man zukunftsweisende Projekte gestartet. In Württemberg habe der Verband drei Jahre lang die Sportart durch spielerische Aktionen in Grundschulen erklärt, sagt Clarke.

Volker Rehm (Foto: privat)

Volker Rehm vom Bundesprogramm "Integration durch Sport"

Solche Projekte sind aber rar. Der deutsche Handball habe offensichtlich noch nicht richtig realisiert, dass ein gesellschaftlicher Wandel hierzulande stattgefunden habe, meint Volker Rehm. Er ist Koordinator beim Bundesprogramm "Integration durch Sport" und beobachtet seit längerem einen Trend: "Viele Handballvereine denken: Die Spieler sind immer zu uns gekommen, das wird weiter so sein. Andere Sportarten werben viel mehr um Kinder, besonders um die mit Migrationshintergrund.“

"Trägen Tanker anschieben"

So würden neben Fußball zum Beispiel auch Kampfsportarten stark von Migranten nachgefragt, und das - trotz des einhergehenden Körperkontakts - selbst von Frauen und Mädchen. Das Ringen genießt in der Türkei oder im Iran hohe Anerkennung, das wirkt sich auch auf deutsche Vereine aus. Der Deutsche Basketball-Bund kümmert sich seit Jahren um Nachwuchs mit Migrationshintergrund, selbst im Triathlon berichten Fachzeitschriften über Integrationsaktivitäten der Sportart.

Nicht nur der Handball, alle Sportarten werden in Zukunft um immer weniger Kinder und Jugendliche kämpfen. "Wenn allerdings die Rekrutierungspolitik im Handball so wie bisher weitergeht und der Handball damit wichtige Bevölkerungsgruppen nicht einschließen kann, wird er Probleme bekommen", glaubt Soziologe Cachay.

Auch wenn es schon reichlich spät sei, hegt der ehemalige Bundesligaspieler Cachay dennoch die Hoffnung, dass sich der Handball nunmehr bewegen und die drängenden Zukunftsfragen offensiv angehen werde: "Wir müssen den trägen Tanker jetzt nur etwas anschieben, damit er Fahrt aufnehmen kann."

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