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Nahost

"Kein zweiter Salman Rushdie"

Der ägyptische Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid ist tot. Er galt als einer der wichtigsten liberalen Vordenker im Islam und plädierte dafür, den Koran mittels moderner literaturwissenschaftlicher Methoden auszulegen.

Der ägyptische Korangelehrte Nasr Hamid Abu Zaid (Foto:dpa)

Der ägyptische Korangelehrte Nasr Hamid Abu Zaid

Koranbücher in einem muslimischen Verkaufsladen im chinesischen Xinjiang (Foto: ap)

Abu Zaid wandte sich gegen eine allzu wörtliche Auslegung des Koran

Abu Zaid wurde 1943 in einem kleinen Dorf nahe Tanta, im Nildelta nördlich von Kairo, geboren. Ab 1982 lehrte er als Doktor der Islamwissenschaften an der Universität von Kairo. Der Literaturwissenschaftler war einer der führenden liberalen Denker im Islam. In seinen Veröffentlichungen wandte er sich stets gegen die traditionelle Methode, den Koran wortwörtlich auszulegen. Vielmehr plädierte er für moderne Methoden und bezog so auch Literaturwissenschaft und Linguistik in seine Koranforschung mit ein. So interpretierte er den Koran als von Menschen geschaffenes Buch und setzte die einzelnen Textpassagen jeweils in einen kulturhistorischen Zusammenhang. Unter dieser Prämisse führte er insbesondere Koranverse, die zu Gewalt oder Intoleranz gegenüber Andersgläubigen aufrufen, auf die konkrete Situation ihrer Entstehung zurück, die von der friedvollen göttlichen Botschaft des Buches zu unterscheiden sei.

Anfeindungen und Morddrohungen

Polizist in Gizeh (Foto:ap)

In den 1990er Jahren erhöhte Ägypten aus Angst vor Anschlägen die Sicherheitsvorkehrungen

Abu Zaid kritisierte auch den Missbrauch der Religion für die Ausübung politischer Macht. In den 1990er Jahren hatte Ägyptens Präsident Hosni Mubarak besonders stark mit bewaffneten islamistischen Gruppen zu kämpfen. In dieser Zeit zog Abu Zaid mit seinen Schriften den Zorn islamischer Fundamentalisten auf sich, die dem Gelehrten vorwarfen, den göttlichen Ursprung des Korans in Zweifel zu ziehen. Weltweit bekannt wurde Abu Zaid, als er 1995 von einem ägyptischen Gericht zum Ketzer erklärt und von seiner Frau zwangsgeschieden wurde. Daraufhin floh das Paar in die Niederlande, wo es den Großteil der vergangenen 15 Jahre verbrachte. Abu Zaid lehrte als Professor an den Universitäten von Leiden und Utrecht. Nach einigen Jahren legte der Literturwissenschaftler in Ägypten Berufung gegen das Scheidungsurteil ein und bekam schließlich Recht. Dennoch erhielt er auch weiterhin mehrfach Morddrohungen von militanten Islamisten. In den vergangenen Jahren besuchte er aber wieder sein Heimatland Ägypten, zunächst für Lesungen, später auch aus gesundheitlichen Gründen.

"Nur ein Forscher"

Abu Zaid hat verschiedene Preise und Auszeichnungen in der arabischen Welt gewonnen. 2005 wurde ihm in Berlin der Ibn-Rushd-Preis für Freies Denken für seine Verdienste um die Demokratie und Meinungsfreiheit in der islamischen Welt vergeben. Abu Zaid selbst wehrte sich jedoch Zeit seines Lebens dagegen, als "Islamkritiker" bezeichnet zu werden. "Ich bin ein Muslim", sagte er einmal in einem Interview, "ich bin kein neuer Salman Rushdie, und ich will auch nicht als solcher begrüßt oder behandelt werden. Ich bin nur ein Forscher."

Ägyptischen Medienberichten zufolge starb Abu Zaid am Montag (05.07.2010) im Alter von 66 Jahren in einem Kairoer Krankenhaus an einer Hirnentzündung. Offenbar war diese die Folge einer Infektion, die Abu Zaid sich bei einer Reise nach Indonesien zugezogen hatte. Abu Zaid wurde noch am selben Tag in seinem Heimatdorf nahe Tanta beerdigt.

Autor: Thomas Latschan (ap, epd, kna, rtr)
Redaktion: Stephanie Gebert