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Musik

Kein Zufall, dass aktuell viele Musiklegenden sterben

Lemmy Kilmister, David Bowie und jüngst Prince. Täuscht der Eindruck oder sterben zurzeit ungewöhnlich viele Musiklegenden? DW sprach darüber mit Sebastian Zabel, dem Chefredakteur des Musikmagazins "Rolling Stone".

DW: Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister, Mike Porcaro von Toto, Bob Burns von Lynyrd Skynyrd, Bluesgitarrist BB King, Glenn Frey von den Eagles, Poptitan David Bowie, James Last, Roger Cicero und jetzt Prince: Man hat das Gefühl, dass in letzter Zeit immer wieder Musiklegenden sterben. Ist das so?

Sebastian Zabel: Prince war zwar deutlich jünger bei seinem Tod, aber ich denke, es ist eine Frage des Alters. Es sind viele Musiker gestorben, die schon ein stolzes Alter erreicht hatten, zum Beispiel David Bowie, der ja auch schwer krank war. Und natürlich verdichtet sich das dann auch: Das sind alles Musiker, die einer gewissen Generation entstammen, die auf einem Zeitstrahl recht dicht beieinander liegen. So ist das eine relativ natürliche Sache.

Warum nimmt der Tod von Musikern viele Leute so mit? Was war an ihnen und ihrer Musik so besonders?

Es trifft Viele, weil darunter einige sehr ikonische Figuren der Popkultur waren. Um die jüngsten Beispiele herauszugreifen: Lemmy Kilmister war für den Heavy Metal und auch für den Rock'n'Roll allgemein eine ganz bedeutende Figur, jemand der Punk und Metal miteinander verbinden konnte. David Bowie war eine alles überragende Figur der Popkultur. Er hat den britischen Pop geprägt wie kaum ein Zweiter, und das auch noch in mehreren Jahrzehnten. Bowie hatte in der Tat eine Strahlkraft, die auch noch heute 20-Jährige erreicht.

Was Prince angeht: Es gibt kaum jemanden, der nicht in den 1980er Jahren mal zu Prince getanzt hat oder Prince-Stücke auf seiner Autokassette hatte. Da kommt die Trauer überwiegend von Leuten, die in den 1980er Jahren groß geworden sind. Aber eine Figur wie Prince kennt jeder, auch junge Leute. Man hat diesen irren Typen mal gesehen mit seinen dollen Haaren, seinen spitzen Stiefelchen und den lila Klamotten, der ist eine ikonische Gestalt.

Wie erstaunlich finden Sie es, dass die meisten nicht einen klassischen "Rock'n'Roll-Tod" gestorben sind, sondern an Krankheiten und natürlichen Ursachen?

Prince © Getty Images/J.Daniel

Jüngster Verlust im Rock'n'Roll-Zirkus: Prince

Die meisten Künstler haben schon eine Drogenvergangenheit. David Bowie ganz besonders. Lemmy Kilmister hat bis zum Schluss ohne Ende harten Alkohol getrunken. Da ist Prince wieder eine Ausnahme. Soweit man das weiß, hat er nie Drogen genommen. Viele Künstler sind aber heute brave Rentner. Die machen ihre Bühnenshows und sonst gehen sie brav früh ins Bett, trinken Milchshakes und schauen sich Fernsehserien an. Es ist also gar nicht so erstaunlich.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man vom Tod eines Pop- oder Rockstars im Radio gehört oder in den Fernsehnachrichten und am nächsten Tag in der Zeitung den Nachruf gelesen. Heute überschlagen sich die Medien, schneller, mehr und bunter zu berichten. Warum wird das so gehypt?

Der Tod ist ein grandioses Ereignis. Wenn eine so große, überragende Figur stirbt, dann wird in Zeiten, in denen man alles sofort online stellen, twittern und auf Facebook kommunizieren kann und alle ihre Emotionen teilen und ihre Lieblingssongs posten, mit so einem Ereignis logischerweise ganz anders umgegangen, als noch zu Zeiten, in denen man warten musste, bis das Monatsmagazin mit dem Nachruf erschien. Wir haben zum Beispiel konkret das Problem, dass wir gerade mit unserem Heft im Druck sind - und wir haben Udo Lindenberg, der 70 wird, auf dem Cover. Natürlich verstehen das viele Leser am Kiosk nicht. Prince ist doch gestorben, sagen sie, warum ist Prince da jetzt nicht drin. Man ist das gewohnt, alles sofort zu bekommen, ohne Zeitverzögerung. Das ist dem Medium unserer Zeit geschuldet.

Finden Sie das angemessen?

Ich finde schon. Früher hat man auf dem Schulhof zusammen gestanden oder ist abends noch mal in die Kneipe gegangen, wenn man so etwas erfuhr, und hat sich da ausgetauscht. Oder man hat sich in sein Zimmer zurückgezogen und die alten Platten gehört. Es ist nichts Verwerfliches daran, dass man sich heute moderner Kommunikationsmittel bedient.

Sebastian Zabel ist seit 2012 Chefredeakteur der deutschen Ausgabe des Musikmagazins "Rolling Stone".