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Welt

Kein Wahlkampf mehr für Gérard Onesta

Gérard Onesta wird bei der diesjährigen Europawahl nicht mehr für die Grünen antreten: Seinen Traum von Europa will der Architekt allerdings weiterhin verfolgen.

Gérard Onesta -französischer Politiker und seit 1999 Stellvertretender Präsident des Europäischen Parlaments (Foto: CC-BY Paumier)

Gérard Onesta - aus Überzeugung Europäer

Gérard Onesta ist einer der 14 Vizepräsidenten des Europaparlaments. In dieser Funktion leitet er auch ab und zu die Debatten und Plenarsitzungen in Brüssel oder Straßburg. Es ist nicht immer einfach, für Ruhe und Ordnung in einem Saal zu sorgen, in dem bisweilen 785 Abgeordnete sitzen. Das sei aber nicht der Grund für Onestas Abschied aus dem Parlament. Er gehe freiwillig: "Ich war lange Zeit der Nesthäkchen im Parlament und ich will nicht irgendwann der Dienstälteste werden", erklärt Onesta.

Europäer der ersten Stunde

Sein Abschied sei von langer Hand geplant und er verlasse das Parlament somit sehr entspannt, sagt der Grüne. "Ich werde bestimmt auf irgendeine Art und Weise wiederkommen, denn wenn man schon so früh mit dem europäischen 'Virus' angesteckt worden ist, kann man sich nicht vorstellen, weiter zu machen, ohne auch die 'europäische Idee' zu verfolgen."

Stapel mit Büchern über die Europäische Union (Foto: AP)

Onesta hat bereits ein Stückchen Europäische Geschichte mitgeschrieben

Der Europa-Veteran hat viele Meilensteine in der Geschichte des Europäischen Parlament miterlebt, beispielsweise die Einführung des ECU, dem Vorläufer des Euro, oder die Debatten über eine europäische Verfassung. "Ich glaube, dass in ein paar Jahrhunderten in den Geschichtsbüchern stehen wird, dass die Gründung der Europäischen Union das zweite Jahrtausend bestimmt hat und vielleicht werden meine Nachfahren sagen: Mein Opa war an vorderster Front dabei."

Europaarbeit ist Überzeugungsarbeit

Vor zehn Jahren, als er zum zweiten Mal Europaabgeordneter wurde, hat Gérard Onesta sein Architektenbüro in Toulouse verlassen, um sich völlig Europa zu widmen. Er ist einer der Lieblingsabgeordneten der Medien: Er kennt sich gut aus, kann mit Fachwissen glänzen und Inhalte verständlich vermitteln.

"Vor einiger Zeit hat man mich nach dem Symbol für die EU gefragt. Ich war gemein und habe gesagt: eine Schildkröte mit einer angezogenen Handbremse", gibt Onesta zu. Wenn man die EU täglich erlebe, habe man das Gefühl, dass man nicht vorankomme. "Wenn Jugendliche mir sagen, dass sie sich nicht um Europa scheren, sage ich ihnen: Ihr solltet euch dafür interessieren, weil sich Europa sehr um euch kümmert", meint der Abgeordnete. "Das Licht über euren Köpfen, die Energie, das entscheidet Europa; die Transporte, das ist Europa; was du mittags auf deinem Teller findest, die Lebensmittelnormen, das ist Europa - Europa ist überall", erklärt Onesta. Zwei Drittel aller Texte, über die in den jeweiligen nationalen Parlamenten abgestimmt werden, stammen ebenfalls aus Brüssel.

In seinem Heimatdialekt, auch okzitanisch genannt, sage man auch: Europaabgeordneter zu sein, sei "ein Full-Time-Job", so Onesta. "Meine belgischen Kollegen haben sehr viele Vorteile: Manche brauchen nur ein U-Bahnticket, um zum Parlament in Brüssel zu kommen. Andere brauchen aber jeweils anderthalb Tage für die Hin- und Rückreise", erklärt Gérard Onesta. Drei Tage in der Woche verbringe man also mit Reisen.

Europäisches Parlament in Brüssel

Das Europäische Parlament in Brüssel

Wichtige Hilfen für die Abgeordneten

Wenn das Parlament in Brüssel tagt, geht es dort zu wie in einem Bienenstock, wo zwei Dutzend Sprachen und Berufe aufeinander stoßen: Journalisten, Abgeordnete, Beamte, Dolmetscher. Es ist eine Welt, die sich im Rhythmus der Plenar- und Ausschusssitzungen dreht und in der auch die parlamentarischen Assistenten eine sehr wichtige Rolle spielen.

"Man darf 17.000 Euro im Monat für seine Assistenten ausgeben. Das wird sehr kontrolliert", sagt Onesta. Und jeder Europaabgeordnete braucht seine Assistenten, denn er muss das Zeitgeschehen in 27 Ländern, 23 Sprachen und drei Alphabeten verfolgen. Er muss Ahnung haben von den 22 Ausschüssen, auch wenn er sich nur in wenigen gut? auskennt.

Das sei eine wahnsinnige Arbeit, meint Onesta. "Wir haben im Durchschnitt zwei bis drei Assistenten. Wenn wir das mit denen im amerikanischen Kongress vergleichen: Ein Kongressabgeordneter auf der untersten Ebene hat 30 Angestellte, ein Ausschusspräsident etwa 100. Hier sind wir neidisch darauf", so der Europaabgeordnete. Denn wenn man eines Tages mehr Einfluss in der Politik haben wolle, müsse jeder Abgeordnete eigentlich ein mittelständisches Unternehmen betreiben. Er müsse genügend Geld und Personal haben, um die gigantische Arbeit im Parlament bewältigen zu können.

Gérard Onesta (links) mit seinem Kollegen von den Grünen Daniel Cohn-Bendit (rechts) im Europaparlament (Foto: dpa)

Onesta (links) mit seinem Kollegen von den Grünen Daniel Cohn-Bendit (rechts)

Gelebte Demokratie

Dort seien mehr als 100 nationale Parteien vertreten, verteilt auf sieben Gruppen, beschreibt Onesta die Arbeit im Parlament. Niemand habe die Mehrheit. Die zwei größten Fraktionen, die Konservativen und die Sozialdemokraten, müssten Hand in Hand zusammenarbeiten. Und man müsse sich auch immer auf die mittleren und kleinen Gruppen stützen: Die Stimmen der Liberalen oder der Grünen seien entscheidend für eine Mehrheit - oder eben auch für die Opposition.

"Um ehrlich zu sein zwingt uns das zu sehr strengen, manchmal rigorosen Arbeitsmethoden", sagt Onesta. So etwas könne man sich in einem nationalen Parlament nur schwer vorstellen, wo man häufig bereits vorher wisse, wer die Mehrheit haben und wer in der Opposition sein werde. "Hier im Europaparlament ist das eine lebendige Demokratie."

Heimkehr, aber kein Ruhestand

Gérard Onesta wird bald in seine Heimat zurückkehren: nach Südwest-Frankreich. Er ist heiter, wenn er darüber spricht, und bereut nichts. Onesta schaut zuversichtlich in die Zukunft und bleibt der europäischen Idee weiterhin verbunden.

"Meine Zukunft gehört Europa und ich werde immer für Europa kämpfen – nur dann auf andere Weise. Ich werde nach dem Mandat meine Gitarre herauskramen und vielleicht komme ich eines Tages wieder in den Plenarsaal und gebe ein großes Konzert, um auf andere Art und Weise für die europäische Sache zu werben."

Autor: André Zaleski
Redaktion: Nicole Scherschun

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