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Amerika

Kein US-Visum für Harvard-Stipendiaten

Für seine Reportagen über den kolumbianischen Bürgerkrieg hat der TV-Journalist Hollman Morris ein Stipendium an der renommierten Harvard-Universität erhalten. Doch die USA verweigern dem Kolumbianer das Visum.

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Mit der Angst leben - Hollman Morris

Ein Jahr Vorbereitung: Unterlagen sammeln, Texte verfassen, Gutachten einholen, Finanzierung sicherstellen, die Organisation seiner Produktionsfirma währen der Abwesenheit regeln, die Schule der Kinder informieren, Versicherungen kündigen, neue abschließen. Alles umsonst. Der kolumbianische Journalist Hollman Morris, 41, hatte im Mai dieses Jahres eines der renommierten Stipendien der Nieman-Foundation erhalten. Ein Jahr lang kann er damit an der Harvard-Universität in den USA studieren, sich professionell weiterbilden, mit internationalen Kollegen austauschen. Auch die Familie sollte mit auswandern, alles war organisiert. Der Plan scheiterte an einem Stempel – Visum abgelehnt.

"Damit hätte ich niemals gerechnet, vor allem hätte ich das nicht von einer Obama-Regierung erwartet", sagte Morris gegenüber DW-WORLD.DE. Der Journalist wurde für seine Berichterstattung über den kolumbianischen Bürgerkrieg mit zahlreichen internationalen Menschenrechtspreisen ausgezeichnet.

Gern gesehener Gast - aber kein Visum

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Ausgezeichnet mit dem Menschenrechtspreis Nürnberg 2009

Gerade erst im Januar hatte er mit James B. Steinberg, Nummer Zwei des US-State Department in der US-Botschaft in Bogotá über seine journalistische Arbeit gesprochen. Darüber, wie schwierig kritischer Journalismus in Kolumbien ist, darüber, wie er mit den zahlreichen Todesdrohungen umgeht, die er fast monatlich erhält und darüber, wie froh er wäre, wenn er sich und seiner Familie eine Pause von diesem Druck nehmen könnte. "Das Harvard-Stipendium ist eine große Ehre", sagte Hollman Morris noch im Juni, "und es garantiert mir und meiner Familie auch Schutz."

In den USA ist er gern gesehener Gast, als er 2007 zum "Human Rights Watch Defender" des Jahres gewählt wurde, wurde er von Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsrates, des Pentagon, des State Departments hofiert. Nur ein Studenten-Visum für Morris, das gab es nicht.

Unter Terrorverdacht

Er sei "unzulässig", so die knappe Erklärung der US-Beamten mit Verweis auf die Sektion zur Überwachung "terroristische Aktivitäten" im Rahmen des Patriot Acts. "Das sei in der Geschichte des Stipendiums noch nie vorgekommen", sagt Bob Giles, Kurator der Nieman-Foundation. Die Stiftung fordert eine detaillierte Begründung der Entscheidung, aus der US-Botschaft in Bogotá hieß es bislang nur, keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt zu haben. Die Verweigerung des Visums habe klar ideologische Gründe, so Jameel Jaffer, Anwalt der renommierten US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU). Denn gegen Morris liegen keinerlei Beweise vor. Vielmehr habe sich nun bestätigt, was im Vorfeld bereits vermutet wurde: Die Sorge, die US-Migrationsbehörde würde sich in ihrer Entscheidung von Kolumbiens Noch-Staatspräsident Álvaro Uribe Vélez beeinflussen lassen, der eine persönliche Feindschaft zu Morris pflegt.

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"Ein Reporter muss Gedächtnisarbeit leisten" - für seine berichte über den kolumbianischen Bürgerkrieg gewann er viele Preise

Persönliche Feindschaft

Uribe hatte Morris mehrfach als "Komplizen des Terrors" bezeichnet, nachdem er im Februar 2009 für den History Channel über die Guerillagruppe FARC recherchierte und bei einer Geiselnahme als erster vor Ort war. Außerdem berichtet Morris in seinem TV-Programm "Contravia" immer wieder über Verbindungen von Uribe nahestehenden Politikern zu den Paramilitärs, über außergerichtliche Hinrichtungen der Armee und Korruptionsskandale. "Contravia" heißt auf deutsch Gegenverkehr - das kommt in der Casa Nariño, dem Präsidentenpalast in Bogotá nicht gut an.

"Terrorist", dazu aus dem Mund des Präsidenten, das sei in dem vom Bürgerkrieg polarisierten Land eine Art "Marschbefehl für rechtsgerichtete Paramiltärs. "Und Uribe weiß das ganz genau!", so Morris, der in den letzten zehn Jahren immer wieder Drohungen erhielt und zweimal außer Landes reisen musste. Kolumbien zählt 140 ermordete Journalisten in den letzten 12 Jahren. Unter der Uribe-Regierung habe sich die Lage verschärft, sagt der 41-jährige Familienvater, der schon einmal ein Grabesbesteck mit seinem Namen vor der Wohnungstür fand. "Wenn Sie Beweise dafür haben, dass ich mit der Guerilla zusammenarbeite, warum verhaften Sie mich dann nicht?", fragte Morris in einem Interview mit der Washington Post vom Freitag in Richtung Präsidentenpalast.

Gibt es Beweise?

Morris in die Nähe zur FARC zu rücken kommt nicht von ungefähr: Im letzten Jahr kamen Geheimakten des Geheimdienstes DAS (Departamento Administrativo de Seguridad) ans Licht, die zeigen, wie zahlreiche Oppositionelle, Menschenrechtler, Richter und Journalistenseit 2004 massiv und systematisch bespitzelt, bedroht und eingeschüchtert wurden. Informationen und Schwarze Listen wurden an illegale Gruppen weitergegeben.

FARC Rebellen in Kolumbien

Mitglieder der FARC-Guerilla

Auch über Hollman Morris gibt es eine Akte. Der Journalist sollte mit der "FARC in Verbindung gebracht werden", um zu erreichen, dass ihm "US-Visa verweigert werden". Die Geheimdiensteinheit DAS ist dem Präsidenten direkt unterstellt. Morris hatte im Dezember 2009 eine Klage gegen die Regierung beim Internamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof (CIDH) in Costa Rica einbebracht und im April eine weitere Verleumdungsklage gegen Uribes Nachfolger im Amt, den ehemaligen Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, eingereicht.

Genaue Untersuchung gefordert

Dieser wollte auf Anfrage von Human Rights Watch keine Stellungnahme zum Fall Morris abgeben. Unterdessen droht der Fall die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu belasten. "Wir fordern eine sofortige und genau Untersuchung der schweren Vorwürfe, die gegen Morris erhoben werden", wird eine demokratische Kongressabgeordnete in der Washington Post zitiert. Kolumbien ist einer der wichtigsten Partner der USA in Südamerika – mittels des Plan Colombia unterstützt der große Bruder den "Kampf gegen Terror und Drogenhandel" im Bürgerkriegsland mit mehr als sieben Milliarden Dollar Militär- und Polizeihilfe.

Autor: Anne Herrberg

Redaktion: Sven Töniges

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