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Wirtschaft

Kein Platz für Eitelkeiten

Der G8-Gipfel auf Sea Island sendete ein deutliches Signal zur Dialogbereitschaft mit der arabischen Welt aus. In der Sache ist das löblich, aber anders als Präsident Bush es wollte. Ein Kommentar von Rolf Wenkel.

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Seinen Heimvorteil möchte jeder gerne nutzen: Und so lässt es kein Gastgeber eines G8-Gipfels unversucht, sein persönliches Lieblingsthema ganz nach oben auf die Agenda der Beratungen zu setzen. Vor zwei Jahren in Kanada wollte der damalige Premierminister Jean Cretin das Thema Afrika und die Entwicklungspolitik in den Vordergrund stellen, im vergangenen Jahr im französischen Evian hatte sich Gastgeber Jacques Chirac einen Gegenentwurf zum Turbokapitalismus amerikanischen Musters vorgenommen – doch nicht immer gehen diese Rechnungen auf.

Nicht alle tanzen nach einer Pfeife

In Evian brauchte US-Präsident George W. Bush keine 24 Stunden, um Chiracs Pläne zugunsten seiner eigenen Interessen über den Haufen zu werfen: Eine formelle Verwarnung der beiden Atommächte Iran und Nordkorea, eine Intensivierung des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus und eine Selbstverpflichtung der sieben führenden Wirtschaftsmächte und Russlands, beim Aufbau des Irak zu kooperieren.

In diesem Jahr beim Gipfel der sieben führenden Industrienationen und Russland auf Sea Island wollte Gastgeber George Bush eigentlich eine Initiative zum Nahen und Mittleren Osten beschließen, die mehr oder weniger unverholen ein Demokratieverständnis amerikanischen Musters auf die islamische Welt stülpen wollte. Doch, wie gesagt, nicht immer gehen die ehrgeizigen Pläne der jeweiligen Gipfelgastgeber auf.

Nachdem selbst das amerikafreundliche Saudi-Arabien diese Initiative als unangemessene Einmischung in innere Angelegenheiten in ziemlich barscher Form zurückgewiesen hatte, blieb den sieben übrigen Gipfelteilnehmern nur noch die Aufgabe, von der reichlich undiplomatischen US-Initiative zu retten, was noch zu retten ist: Jetzt bieten die G8 den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einen Dialog, eine "langfristige Partnerschaft bei politisches Reformen“ an. Vorgesehen sind unter anderem ein regelmäßiger Dialog auf Minister-Ebene, Hilfe bei der Organisation freier Wahlen, Unterstützung im Kampf gegen den Analphabetismus und bei der Ausbildung von Lehrern. Dabei - und das ist besonders wichtig - sollen keine Konzepte "von außen" auferlegt werden.

Persönliche Vorlieben interessieren keine Mehrheit

Die Gesprächskultur von Sea Island zeigt zweierlei: Auch der mächtigste Mann der Welt kann durch sieben besonnene Staatsmänner auf den Boden der Tatsachen zurück geholt werden. Und: Der Weltwirtschaftsgipfel ist keine geeignete Plattform für die persönlichen Vorlieben und Eitelkeiten einzelner Gipfelteilnehmer.

Das musste auch Kanzler Gerhard Schröder feststellen. Sein Kreuzzug gegen die vermeintlichen Ölspekulanten mag zwar in Deutschland sehr populär gewirkt haben – auf Sea Island fand er jedoch kaum Gehör. Denn erstens hat der hohe Ölpreis auch eine erfreuliche Ursache, nämlich die erhöhte Nachfrage aus den Wachstumsregionen China und dem übrigen Ostasien. Zweitens sind umweltbewusste Industriestaaten längst nicht mehr so abhängig vom Erdöl wie etwa noch vor 30 Jahren. Und drittens sind Schröders finstere Spekulanten nichts anderes als kluge Geschäftsleute, die sich gegen steigende oder fallende Ölpreise absichern wollen und müssen. Wie sich der Kanzler zu der Behauptung versteigen konnte, 60 Prozent des Ölpreises seien spekulationsbedingt, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.

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