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Politik & Gesellschaft

Kein Platz auf dem Globus?

Die Weltbevölkerung wächst so schnell wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Für Ende Oktober erwarten UN-Statistiker den sieben milliardsten Erdenbürger. Eine Herausforderung für den Globus und die Weltgemeinschaft.

Neugeborene in Mostar, Bosnien (Foto: AP)

Rund 150 Menschen pro Minute werden weltweit geboren

In diesen Tagen wird er geboren – der Mensch, der den statistisch errechneten Zuwachs der Weltbevölkerung bis Ende Oktober auf sieben Milliarden auffüllt. Bevölkerungsexplosion heißt es auch gerne unter Experten, weil in den vergangenen 200 Jahren das schnellste Wachstum in der Menschheitsgeschichte stattgefunden hat. Bis 2050 sollen es sogar 9,1 Milliarden Erdenbewohner werden. Jeder Einzelne hat einen Anspruch auf ein Leben in Würde, ein Recht auf Wasser und Nahrung, Bildung, Wohnen und Gesundheit – und fast alle träumen von ein bisschen Wohlstand, meist orientiert am westlichen Lebensstil.

Aber kann der Globus das verkraften? "Mit dem typisch amerikanischen oder europäischen Lebensstil kann das nicht gehen", sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker, deutscher Wissenschaftler, Umweltexperte und Mitglied im Weltzukunftsrat. "Da bräuchten wir drei Erdbälle."

Platz ist genug

Die Idee vom grenzenlosen Wachstum hatte bereits vor 40 Jahren der "Club of Rome" in seiner berühmten Studie "Grenzen des Wachstums" (Limits to Growth) in Zweifel gezogen. "Angesichts der wachsenden Bevölkerung ist das Ende des Wachstums jedoch reine Fiktion", schreibt der Grünen-Politiker Ralf Fücks.

UN-Experte Jean Ziegler sieht grundsätzlich kein Problem selbst für 12 Milliarden Menschen auf dem Globus. Die ließen sich, meint er, auch ernähren. Allerdings nur, wenn die Nahrung anders verteilt und wenn die ländlichen Regionen und die Kleinbauern in den Ländern des Südens nachhaltiger gefördert würden. Es ist die Ressourcenknappheit in vielen Bereichen, die ein "weiter so" nur noch zeitlich begrenzt ermöglichen werde, sagen Experten.

Ressourcen sind knapp

Bevölkerung in Indien - gläubige Hindus bei einer Kundgebung (Foto: AP)

Bevölkerungsreiches Indien

Indien wird UN Prognosen zufolge bald China als Land mit den meisten Einwohnern auf der Welt ablösen, während in den westlichen Industrieländern die Bevölkerung schrumpft. Zugleich aber sind es auch die schrumpfenden Gesellschaften und zunehmend auch die bevölkerungsstarken Schwellenländer, die am meisten Ressourcen verbrauchen: an Nahrung, an Wasser, an Böden und fossilen Brennstoffen, an Edelmetallen für die digitale Technik.

Es sei das fossile Zeitalter, was tatsächlich an seine Grenzen stoße, meint Ralf Fücks von den Grünen. Weder das heutige Energiesystem noch das auf billigem Öl aufgebaute Verkehrssystem sei "globalisierbar".

Klimawandel erhöht den Druck

Menschen waten durch überflutete Straßen nördlich von Bangkok, Thailand, am 19. Oktober 2011 (Foto: AP)

Oktober 2011: Flut in Thailands Hauptstadt Bangkok

Sollten aus Befürchtungen Realität werden, und durch den bereits eingetretenen Klimawandel die weltweiten Durchschnittstemperaturen im Laufe des Jahrhunderts um vier Grad steigen, wären laut UNDP bald 330 Millionen Menschen wegen verheerender Überschwemmungen gezwungen, ihren bisherigen Lebensraum zu verlassen. Allein in Bangladesch wären über 70 Millionen Menschen betroffen.

Aber auch andere Wetterextreme könnten manche Regionen der Welt zu einem unwirtlichen Ort machen, was insgesamt den Druck auf die Ressourcen, auf Trinkwasser, Nahrung und Land weiter verstärken dürfte.

Knappe Ressourcen und Klimawandel lassen sich nicht mehr mit der bisherigen Fortschrittsvorstellung unter der Devise "größer, höher stärker" bewältigen, meint Ernst Ulrich von Weizsäcker. Eine solche Vorstellung sei "absurd". Auch die versprochene Entwicklung durch globale, liberalisierte Märkte könne da nicht weiter helfen. Im Gegenteil, kritisiert der Wissenschaftler: "Der religiöse Glaube an die Gestaltungskraft der Märkte hat sich spätestens seit der Finanzkrise 2008 als verheerend falsch heraus gestellt. Die Märkte können unglaublichen Schaden anrichten."

Wachstum mit weniger Naturverbrauch

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker am 29.6.2008 an der Stanford Universität (Foto DW/Christina Bergmann)

Ernst Ulrich von Weizsäcker (Archivbild)

Es müsse dringend re-reguliert werden, fordert von Weizsäcker, verbunden mit dramatischen Veränderungen in Richtung Ressourceneffizienz: "Das bedeutet erst einmal ganz platt gesagt, aus einem Quadratmeter Land, aus einer Kilowattstunde, aus einem Kubikmeter Wasser dreimal, fünfmal, zehnmal soviel Wohlstand heraus zu holen und das ist technisch möglich." Das sei keine Utopie, betont er, sondern eine neue Zielmarke, mit der Deutschland vorangehen sollte.

Diese Vorstellung einer ökologischen Moderne wird in Deutschland nicht nur in der Grünen Partei und im neu gegründeten Fortschrittsforum der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung in Berlin diskutiert. Sie ist auch Teil der Arbeit einer kürzlich eingesetzten Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag. Diese fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe unter dem Titel "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" soll Möglichkeiten ausloten, wie Wachstum und Ressourcenverbrauch zukünftig entkoppelt werden könnten.

Politikgestaltung gefordert

Grüne Jobs für die kommenden Generationen einer wachsenden Bevölkerung stehen jetzt auch ganz oben auf dem Wunschkatalog der Internationalen Arbeitsorganisation, ILO. Generalsekretär Juan Somavia sprach sich kürzlich dafür aus, eine beschäftigungsreiche und kohlendioxidarme Wirtschaft zu organisieren, verbunden mit einer neuen Umwelt- und Sozialpolitik.

Die Aufmerksamkeit der Parlamente und Politiker gilt jedoch aktuell vor allem der gegenwärtigen Organisation der Wirtschaft und der Bewältigung ihrer ökonomischen Krisenerscheinungen. Wie konkret sich die weltweite Staatengemeinschaft bereits das Wohlergehen einer wachsenden Weltbevölkerung zum Ziel gesetzt hat, wird sich spätestens im Dezember erkennen lassen, wenn sich die UN.Mitgliedsländer zum nächsten Klimagipfel in Südafrika treffen.

Autorin: Ulrike Mast-Kirschning

Redaktion: Helle Jeppesen

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