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Politik

Kein Mut zur Reflexion in China

Die Volksrepublik China wird 60 Jahre alt und hat einiges zu feiern. Entsprechend groß dimensioniert werden die Feiern in Peking - allerdings ohne den Mut zum kritischen Blick, auch auf die eigene Vergangenheit.

Themenbild Kommentar

Matthias von Hein (Foto: DW)

Matthias von Hein

Der britische Schriftsteller George Orwell prägte einmal den Satz: "Wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die Vergangenheit. Und wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert die Zukunft." In China kontrolliert die Kommunistische Partei die Gegenwart. Und sie macht sich entsprechend auch die Vergangenheit untertan. Das lässt sich zum Beispiel an der Figur Maos festmachen. Überall im Lande werden seine Statuen renoviert. In den Kinos wird er als Held und Retter Chinas gefeiert.

Der geschönte Blick zurück spart die katastrophalen Massenkampagnen aus - die Kulturrevolution etwa oder auch den "Großen Sprung nach Vorn". Bei dieser größten von Menschen ausgelösten Hungersnot der Geschichte kamen vor knapp 50 Jahren geschätzte 30 Millionen Menschen ums Leben. Öffentlich wird darüber nicht debattiert. Und selbst Historiker haben es schwer, in diesem Bereich zu forschen und zu publizieren.

Inszenierung und Wirklichkeit drohen bei den Feiern zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik weit auseinander zu fallen. Stark präsentiert sich China mit einer Militärparade der Sonderklasse. Aber im Innern ist die Sorge um die Stabilität so groß, dass in Peking aus Sicherheitsgründen der Verkauf von Küchenmessern verboten wurde und Soldaten mit Maschinengewehren in die Straßen entsandt wurden.

Als glückliche Vielvölkerfamilie will sich China darstellen. Aber die autonome Region Tibet wurde vor dem Jahrestag für ausländische Reisegruppen gesperrt. Die Sicherheitsmaßnahmen zum 60. Gründungstag der Volksrepublik stellen jene für die Olympischen Spiele bei weitem in den Schatten.

"Brot und Spiele" für die Massen

Allen Beschwörungen von Harmonie und Stabilität zum Trotz: Chinas Führung scheint von tiefem Misstrauen gegen die eigene Bevölkerung erfüllt zu sein. "Brot und Spiele" sollen die Menschen ruhig stellen und von weiteren Fragen abhalten.

Dabei hat China in den letzten 60 Jahren durchaus vieles erreicht, worauf es stolz sein kann. Der wirtschaftliche Aufstieg der letzten 30 Jahre ist historisch ohne Beispiel. Hunderte Millionen Menschen konnten sich aus absoluter Armut befreien. Selbst die Weltbank nennt China als größten Erfolg im Kampf gegen die Armut. Chinas Bildungssystem hat enorme Fortschritte gemacht. 20 Millionen Studenten studieren an den Universitäten des Landes. Und das Land verfügt über die größten Devisenreserven der Welt.

Dennoch zeigen Chinas Führer erstaunlich wenig Souveränität. Auf Kritik reagieren sie nicht mit der Gelassenheit des Starken, sondern mit der Nervosität des Schwachen. Dissidenten werden weggesperrt, schwarze Flecken auf der historischen Weste einfach wegretuschiert. Unter diesen Vorzeichen werden die Feierlichkeiten auf dem Tian An Men Platz hohl und fad klingen.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Kay-Alexander Scholz