Kein Mann für die Schublade: Papst Franziskus wird 80 | NRS-Import | DW | 16.12.2016
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Kirche

Kein Mann für die Schublade: Papst Franziskus wird 80

Er tritt unkonventionell auf, mahnt die Welt zu Solidarität. Und er sorgt gelegentlich für Aufreger. Seiner Kirche will er Reformen und mehr Nähe zu den Menschen bringen. Nun wird Papst Franziskus 80 Jahre alt.

Italien Amatrice Papst Franziskus (picture-alliance/dpa/L´Osservatore Romano )

Papst Franziskus im Oktober 2016 zu Besuch im Erdbeben-Ort Amatrice

Ein Abend im Dezember 2013. Ein Freund hatte mich ins vatikanische Gästehaus Santa Marta eingeladen. Und am Abend hockten wir in der letzten Stuhlreihe der Hauskapelle. Einige Reihen vor uns, still, der prominente Bewohner des Hauses. Papst Franziskus, den Kopf gelegentlich auf die Hand gestützt, zwanzig, dreißig Minuten. Da saß weniger das Kirchenoberhaupt als ein betender, vielleicht suchender, ringender, gläubiger Mensch. Das kurze Gespräch nach dem Hinausgehen… eine herzliche, einfache Begegnung.

Franziskus ist der erste Papst aus Lateinamerika, der erste Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche, das erste Kirchenoberhaupt mit dem programmatischen und verpflichtenden Namen Franziskus. Nach gut dreieinhalb Jahren im Amt ist Franziskus, der am Samstag 80 Jahre alt wird, auch der, der seine Kirche verändert und einige verunsichert. Der Argentinier Jorge Mario Kardinal Bergoglio war zuvor Erzbischof von Buenos Aires. Er fuhr dort U-Bahn, trug seine Aktentasche, wirkte wie der erste Pfarrer der Hauptstadt. Vieles davon hat er mitgenommen nach Rom. Am meisten schaut die Welt dann auf den Papst, wenn er, unterwegs mit seiner Aktentasche, der erste Pfarrer der Welt ist. Sei es in einer römischen Kinderklinik, bei Flüchtlingen auf Lampedusa oder Lesbos, bei Häftlingen im größten Gefängnis der US-Stadt Philadelphia, bei einfachen Menschen im Hochland von Bolivien oder in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui, im Erdbebengebiet um das italienische Amatrice: Franziskus wird außerhalb seiner Kirche als moralische Autorität und Stimme der Leidenden weltweit geachtet.

Zeichen für die Welt

Griechenland Papst Franziskus auf Lesbos mit Flüchtlingen (Reuters/F. Monteforte)

Franziskus im April 2016 bei Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos

Das Schicksal von Flüchtlingen, Heimatlosen, Vertriebenen wurde von Beginn seines Pontifikats an und zusehends mehr zum Thema seines Pontifikats. Damals - völlig unerwartet - reiste er im Sommer 2013 auf die vor Afrika liegende Insel Lampedusa und lenkte damit den Blick der reicheren Länder des Nordens auf die leise Katastrophe von vielen tausend Toten, die Jahr für Jahr beim Versuch nach Europa zu gelangen, ihr Leben lassen. Er mahnt die Weltpolitik, mahnte Ende 2014 auch die Abgeordneten des Europäischen Parlaments, die ihn bei einem Besuch in Straßburg feierten und seine harten Mahnungen an ein schwach gewordenes Europa hinnahmen. Und wenn Journalisten oder auch konservative Kirchenleute darüber spötteln, dass der Papst Flüchtlinge im Vatikan aufnahm oder für Obdachlose Duschen gleich neben dem Petersplatz einrichten ließ, übersehen sie das Zeichen dieser kleinen Schritte.

Ähnlich symbolstark und mahnend waren seine Reisen ins Heilige Land im Mai 2014. Gebete für den Frieden, Aufrufe zu Waffenstillstand, klare und unmissverständliche Verurteilung von Waffenhandel, der nur zu mehr Leid führt - das alles gehört zur seiner Person. Der Papst, der noch nicht in seine Heimat Argentinien zurückkehrte, reiste mehrere Male nach Asien und Lateinamerika, einmal nach Afrika. Er war auf Kuba und in den USA - und die Menschen in Washington und New York feierten ihn wie einen Popstar. Dabei wollte er vor dem Kongress und den Vereinten Nationen doch wieder nur seine Botschaft der Nähe zu den Ausgegrenzten und die scharfe Kritik an der "Globalisierung der Gleichgültigkeit" loswerden.

Schräge Sprache

Papst Franziskus / Vatikan (picture-alliance/dpa)

So lernte ihn die Welt kennen: Am 13. März 2013 wurde Kardinal Bergoglio zu Papst Franziskus

Franziskus pflegt eine schlicht wirkende, aber eben die Herzen erreichende und doch anspruchsvoll theologische Rede. Dabei gibt es (oft viele) Sprachbilder, die für Irritationen sorgen: wenn er den emeritierten Papst Benedikt als "weisen Opa im Haus" bezeichnet, wenn er Europa mit einer "nicht mehr fruchtbaren Großmutter" vergleicht und bei manchen Katholiken einen Willen zur Vermehrung "wie bei Kaninchen" sieht. Sie sind pointiert, wie Franziskus eben pointiert sein will.

Dieser Papst will Neuerungen im Großen wie im Kleinen. Es geht ihm wohl nicht um Veränderungen kirchlicher Lehre, aber - so viel ist erkennbar - um Entwicklungen hin zu einer Doktrin, die wieder den Menschen in den Blick nimmt und im Blick behält. Die Bischofssynoden zum Thema Sexualmoral und Rolle der Familie 2014 und 2015 sind dafür deutliche Beispiele. Und im Laufe von nun 45 Monaten hat er nun diverse strukturelle Veränderungen in der Kurie erreicht - weiterer Verlauf offen. Viele Neuerungen sind nach wie vor erst angedacht.

In manchen Teilen der Kurie und einigen Bischofskonferenzen Europas stößt er damit - selten ausgesprochen, oft beschwiegen - auch auf Kritik. Das konservative Lager schwieg zunächst, vor einigen Wochen polterten vier einschlägig bekannte Kardinäle, darunter der frühere Kölner Kardinal Joachim Meisner, laut und warfen Franziskus vor, Verwirrung zu stiften. Da ging es um einen barmherzigeren Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. "Einige verstehen es weiter nicht", entgegnete der so Kritisierte trocken in einem Interview. Wer es gern Schwarz-Weiß hat und auf klare Kanten und eindeutige Antworten setzt, hat es nicht leicht mit einem Papst, der Barmherzigkeit thematisiert und auch mal gern im Grau der offenen Rede bleibt.

Kritik an den neuen Götzen

Franziskus, sagte dieser Tage der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Müller passend, handele in "großer innerer Unabhängigkeit" und lasse "sich nicht in Schubladen einsortieren". Auch wenn die katholische Kirche im Laufe der Jahrhunderte längst nicht nur in Stein gemeißelt war und sich durchaus immer verändert - gemächlich, oft unter Druck, gelegentlich in Klugheit: Der 13. März 2013 war der Beginn einer revolutionären Entwicklung.

Vatikanstadt Angela Merkel und Papst Franziskus (Imago/Zuma Press)

Schon mehrfach besuchte die deutsche Bundeskanzlerin das Kirchenoberhaupt

Franziskus hat bislang zwei eigene Enzykliken verfasst. Zunächst das "Evangelii gaudium" (Freude des Evangeliums) im November 2013: "Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken Goldenen Kalbs (…) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel." Dann kam "Laudato si‘" im Juni 2015: Dieser Text zum Umwelt- und Klimaschutz wurde weltweit beachtet und beeinflusste Monate später die Pariser UN-Klimakonferenz.

Superman?

Nun wird Franziskus 80 Jahre alt. Das ist die Altersgrenze, zu der Kardinäle ihr wichtigstes Privileg verlieren, bei einer Vakanz des Papstamtes das neue Kirchenoberhaupt zu wählen. Während seines ersten Jahres im Vatikan spekulierten einige, dass der Erste Mann im Vatikan zu einem solchen Termin zurücktreten könne. Heute spürt man, dass er das Amt weiter prägen, die Kirche ein wenig verändern will.

Italien Papst Franziskus als Superman (Getty Images/AFP/G. Bouys)

Papst Franziskus als Superman - das Graffiti war nur wenige Tage zu sehen

Irgendwann gab es in Rom ein gelungen gestaltetes Graffiti, das Franziskus als Superman (mit Aktentasche) darstellte: "Den Papst als eine Art Superman zu zeichnen, eine Art Star, scheint mir beleidigend", meinte er in einem Interview. Der Papst ist ein Mensch, der lacht, weint, ruhig schläft und Freunde hat wie alle. Ein normaler Mensch." Ein Mensch, der sich für ein halbes Stündchen zurückzieht in die Stille seiner Hauskapelle und das gewiss auch am Abend seines Geburtstages.