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Kultur

Kein Lichtblick

In seinem vierten Film "Lichter" wendet sich der Regisseur Hans-Christian Schmid einem ernsten Thema zu: Er zeichnet ein depressives Sittengemälde rund um die deutsch-polnische Grenze.

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"Lichter" läuft am 31. Juli 2003 in den Kinos an

Mit Filmen wie "Nach fünf im Urwald" und "Crazy" über Freud und Leid junger Leute hat sich Regisseur Hans-Christian Schmid bereits einen Namen gemacht. In seinem neuen Film "Lichter" geht es um die verzweifelten Bemühungen von Flüchtlingen und Ortsansässigen an der deutsch-polnischen Grenze, die Chance auf ein besseres Leben zu erhaschen. Denn der Fluss Oder trennt nicht nur das deutsche Frankfurt vom polnischen Slubice, sondern auch die Wohlstandswelt von der Armut. An dieser Schicksalsgrenze suchen viele Menschen ihr Glück und stoßen dabei oft an ihre eigenen Grenzen.

Die Episoden

Filmszene Lichter

Szene aus "Lichter": Nach zwei Jahren sehen sich Beata (Julia Krynke) und Philip (August Diehl) wieder.

So etwa der junge Zigarettenschmuggler Andreas, der aus Liebeskummer seinen Bruder verrät. Oder Ingo, der mit einem Matratzengeschäft pleite geht. Während der polnische Taxifahrer Antoni dringend Geld für das Kommunionskleid seiner Tochter auftreiben muss, wollen drei ukrainische Flüchtlinge um jeden Preis in den Goldenen Westen. Eine Übersetzerin beim Bundesgrenzschutz will heimlich einem zurückgewiesenen Ukrainer helfen und wird menschlich enttäuscht. Und ein junger Architekt trifft in Slubice, wo er mit seinem Chef ein Großprojekt betreuen soll, seine ehemalige polnische Freundin wieder. Als Dolmetscherin für reiche deutsche Geschäftsleute hat sie allerdings auch gleich sexuelle Dienste zu erbringen.

In der überzeugendsten Episode lebt eine halbwüchsige Heimausreißerin auf dem Hof eines brutalen Hehlers und seiner zwei pubertierenden Söhne, denen sie beim Zigarettenschmuggel hilft. Der stille Maik verliebt sich in Katharina, die sich jedoch zu dessen Bruder hingezogen fühlt – und bekommt Ärger mit allen.

Ein bewährtes Team

Auch für "Lichter" hat Schmid (wie bei "Nach fünf im Urwald", "23" und "Crazy") mit Drehbuchautor Michael Gutmann zusammen gearbeitet. Die zwei bilden eines der beständigsten Teams der deutschen Filmszene. Von ihrem souveränen ruhigen Erzählstil profitiert auch dieses grenzüberschreitende Episodenstück. "Michael Gutmann und mir ging es in erster Linie darum, fünf emotionale Geschichten zu finden", sagt Schmid. "Und die Grenze gibt einen idealen Rahmen und Ort vor, diese Geschichten zu bündeln."

Schauspieler mit Regisseur Film Lichter

Der Schauspieler August Diehl, der Regisseur Hans-Christian Schmid, die Schauspielerin Maria Simon, und der Schauspieler Ivan Shvedoff, (von rechts)

Der polnische Kameramann Bogumil Godfrejow hat mit schlichter Intensität die authentische Atmosphäre eingefangen. Dazu trägt vor allem die vielfach eingesetzte Handkamera bei. Diese Bilder erzeugen eine unsentimentale Nähe zu den Figuren. Die "Vorsicht und Genauigkeit", wie der Schauspieler August Diehl Schmids Art zu beobachten und zu inszenieren beschreibt, verleiht dem Film seine Authentizität.

Preise für gute Absichten

Auf der Berlinale 2003 erhielt "Lichter" als deutscher Wettbewerbsbeitrag den Preis der Internationalen Filmkritik und kurz danach die Silberne Lola in der Kategorie Bester Spielfilm des Deutschen Filmpreises. Doch trotz dieser Auszeichnungen und obwohl die einzelnen Handlungsstränge anfangs spannend sind und die Schauspieler vorzüglich, verheddert sich der Film beim Hin- und Herblenden zwischen den zahlreichen Personen. Denn die Schicksale sind kaum miteinander verzahnt, und so wirkt die Zerstückelung bald beliebig.

Und die episodischen Streiflichter, die illustrieren sollen, wie die Umstände jedermann korrumpieren, drehen sich schließlich doch ins Klischee – mit Menschen, die naiver sind, als es die übliche Lebenserfahrung erlaubt. Wieso zum Beispiel Jungarchitekt Philip nicht dasselbe vermutet wie der Zuschauer, wenn er die hübsche Dolmetscherin Beata beim Chef am Tisch sitzen sieht, bleibt so das Geheimnis der Drehbuchautoren.

Ende gut, alles gut?

Der Film tut schließlich niemandem weh, und dass an der ost-westlichen Grenze vieles ungut und der Mensch an sich oft des Menschen Wolf ist, wird keiner verneinen wollen. Etwas misstrauisch macht jedoch der Umstand, dass fast alle Lebenswege im Film eine schlimme Wendung nehmen. Die Lage der Einzelnen mag gewiss kaum Anlass zur Hoffnung geben, dem Verdacht der Schwarzmalerei hätte sich Schmid aber nicht aussetzen müssen.