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Europa

Kein leichter Umstieg auf Ökotourismus in Polen

In Polen gibt es mehr Bauern als in den meisten westeuropäischen Ländern. Viele von ihnen leben am Existenzminimum. Der Ökotourismus soll ihre Lage verbessern. Viele EU-Regeln behindern sie aber. Von Achim Nuhr

Bauernhof in Nordpolen (Foto: DW/ Justyna Bronska)

Nutznießer der EU-Hilfen: große polnische Bauernhöfe - die kleinen gingen meist leer aus

Das Bauernhaus von Jadwiga Lopata wirkt bei Sonnenschein wie ein Postkarten-Idyll: Die Mauern strahlen in frischem Weiß, das Obergeschoss ist mit braunem Holz verkleidet. Auf dem Grundstück stehen Rosenbüsche, eine Gartenlaube, ein Ziegenstall und ein Lehmhaus mit einem Dach voller Photovoltaik-Zellen. Der Bauernhof "Sonnenblume" soll ökologische Techniken als erster in Polen eingesetzt haben.

Quasi Ökoanbau in Polen

In Stryszow, im Süden Polens, steigen auch schon mal Touristen aus Westeuropa mit ihren Kindern ab. Serviert wird dann Bio-Essen frisch vom Acker. Jadwiga Lopata ist bei der "Internationalen Allianz zum Schutz der polnischen Landschaft" aktiv. Die polnische Landschaft sei immer noch einzigartig, erzählt die Bäuerin, weil Polen bis heute zwei Millionen Bauernhöfe habe - sehr viel mehr als in westlichen Ländern.

"Die meisten sind kleine Familienhöfe wie unserer - höchstens acht Hektar groß. Viele Bauern bauen nicht ökologisch an, aber sie wirtschaften auf traditionelle Weise, was der ökologischen Landwirtschaft nahe kommt", erklärt Lopata. Das sei ein großer Vorteil der polnischen Landwirtschaft und eine Chance für die Bauern. "Das ist etwas, wofür es sich lohnt zu kämpfen", so Jadwiga Lopata.

EU-Interesse nur für bestimmte Betriebe

Kuh an einem See in Ostpolen (Foto: npb)

Landschaftliche Idylle statt Landwirtschaft

Das sollte nicht einmal nötig sein, wenn man die Webseiten der Europäischen Kommission in Brüssel anschaut: Dort hat die EU Ziele des biologischen Landbaus formuliert sowie "die Förderung der ländlichen Entwicklung zu den strategischen Kernzielen der Europäischen Union" ernannt.

Doch Julian Rose, der Vorsitzende der polnischen Landschaftsschützer, hat andere Erfahrungen gemacht. Kurz vor dem EU-Beitritt Polens 2004 besuchte er das EU-Komitee in Brüssel, das für den Übergang der polnischen Landwirtschaft verantwortlich war. "Wir wollten auf die strukturellen Besonderheiten in Polen hinweisen. Danach stand die Vorsitzende des EU-Komitees auf und meinte: 'Ich denke, Sie haben unsere Agrarpolitik nicht verstanden. Wir wollen die Landwirtschaft so lange restrukturieren, bis Bauern so viel verdienen wie Angestellte'", erzählt Rose. Deshalb interessierte sich das EU-Komitee nicht für Kleinbauern, sondern nur für mittlere und große, sehr effiziente landwirtschaftliche Betriebe, die Supermarktketten beliefern können.

Außer Konkurrenz für den Eigenbedarf

Jadwiga Lopata wirtschaftet auf ihrem Hof fast nur noch für den Eigenbedarf: Ein paar Ziegen erfreuen vor allem die Touristenkinder. Eine einzige Kuh liefert Milch für den Hof. Um mit einer Groß-Molkerei ins Geschäft zu kommen, müsste der ganze Hof auf den Kopf gestellt werden: Zuerst müsste er einen großen Stall für mindestens 30 Kühe bauen. Um diese zu füttern, müssten auf den Feldern spezielle Maissorten angebaut und mit Pestiziden geschützt werden, denn nur derart gemästete Kühe könnten mehr Milch geben - allerdings auf Kosten der Qualität.

Früher fanden Jadwiga Lopata und ihre Nachbarn auf andere Weise ihr Auskommen: Sie ließen ein paar Kühe auf einer normalen Wiese grasen und verkauften deren Milch an eine kleine lokale Molkerei, die nur die nähere Umgebung belieferte. Doch diese alten Strukturen seien heute größtenteils verschwunden, weiß Lopata. "Seitdem Polen in der EU ist, sind 60 bis 70 Prozent der kleinen einheimischen Molkereien Pleite gegangen, weil sie gegen die neuen Großmolkereien nicht konkurrieren können", so die Bäuerin. Seitdem hätten sie keine Abnehmer mehr für ihre Milch. "Stattdessen soll den Kleinbauern nun mit Subventionen geholfen werden. Aber die sind lächerlich gering und gleichen die Verluste bei weitem nicht aus. Deshalb meinen viele Bauern, dass sich die Kommunisten damals besser um sie gekümmert hätten", erklärt Jadwiga Lopata.

EU legt einigen Steine in den Weg

Ein Bauer auf einem Feld in Südpolen bei der Ehuernete (Foto: EPA PHOTO / STANISLAW CIOK)

Gerade im Süden Polens haben es die Bauern schwer

Den Touristen zeigt Jadwiga Lopata gern ihren Bauernhof. Gemeinsam mit anderen Bio-Bauern hat sie ein Netzwerk von Ferienhöfen aufgebaut. Langfristig könnten Polens Bauern von immer mehr Touristen profitieren und auf eigenen Füßen stehen. Das Netzwerk entwickelte sich gut und viele Höfe erzielten bis zu 40 Prozent ihres Einkommens mit Touristen.

Doch Lopata meint auch, dass die Politik der Europäischen Union weiteres Wachstum verhindern könnte: "Die Gesetze der EU fordern für unsere traditionellen Bauernhäuser dieselben Regeln wie für Hotels: Bei mir sind zum Beispiel viele Türrahmen und Fenster zu klein. Ich kann aber nicht Teile meines Hauses zerstören, nur um die Formate der Türen und Fenster zu ändern. Ich denke, hinter diesen Schikanen steckt der Hotelverband", so Jadwiga Lopata.

In Polen gibt es mehr als sechsmal so viele Bauernhöfe wie in Deutschland, obwohl das Land nicht einmal halb so viele Einwohner hat. Deshalb finden dort noch viele Menschen Arbeit in der Landwirtschaft. Weil viele nichts Anderes gelernt haben, bleibt bei Betriebsaufgabe meistens nur die Arbeitslosigkeit.

Autor: Achim Nuhr
Redaktion: Nicole Scherschun

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