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Geschichte

Kein Kinderspiel

Auch vor Kindern und Jugendlichen machte die Propaganda im Ersten Weltkrieg nicht halt. In Büchern und Schulunterricht sollten die Kinder zu Patrioten und zu künftigen Soldaten herangezogen werden.

Eine muntere Schneeballschlacht tobt auf dieser französischen Propagandakarikatur aus dem Jahr 1914. Ausgelassen werfen einige Kinder ihre Schneebälle, andere schauen ihnen vergnügt zu. Doch genau genommen zeigt die Szene alles andere als ein Kinderspiel. Das Ziel der Kinder ist ein riesiger, bedrohlich wirkender Schneemann. Auf dem Kopf trägt er eine Pickelhaube, umgelegt hat er ein deutsches Eisernes Kreuz, und seine Gesichtszüge ähneln auffällig denen des deutschen Kaisers Wilhelm II. Leicht wie eine Schneeballschlacht sei der Krieg gegen Deutschland, so die Botschaft dieser Propagandazeichnung.

Moderner Krieg

Auch an einem weiteren Detail der Zeichnung erkennt der Betrachter, dass die dargestellte Szene keineswegs friedlich ist: Ein älterer Junge, der vom rechten Rand die Szenerie betrachtet, trägt auf seiner eigenartigen Kopfbedeckung die Nationalflaggen der deutschen Kriegsgegner Belgien, Frankreich, Russland und Großbritannien. Ein harmloses Kinderspiel, wie die obige Karikatur nahelegt, waren die Kämpfe und Schlachten im Ersten Weltkrieg in der Realität allerdings keineswegs.

Im Gegensatz zu harmlosen Schneebällen forderten moderne Waffen wie das Maschinengewehr oder die weitreichende Artillerie unzählige Tote und Verwundete. Die Verlustlisten wuchsen und wuchsen auf beiden Seiten der Front. Etwa 50.000 Deutsche und fast 25.000 Briten kosteten allein die Kämpfe bei Ypern im Oktober und November des Jahres 1914 das Leben. Aber nicht nur auf französischer Seite wurde der Krieg wirklichkeitsfremd als Kinderspiel dargestellt.

Krieg als Kinderspiel

Kinderbuchillustration 1. Weltkrieg Copyright: Ullstein Bild

Eine Szene aus Herbert Riklis Buch "Hurra!"

"Hurra! Ein Kriegs-Bilderbuch"

nannte der Autor Herbert Rikli sein 1915 erschienenes Kinderbuch. Die Hauptperson, ein kleiner Junge namens "Klein Willi", träumt darin vom Krieg: "Ach, wenn ich ein Soldat doch wär‘ … Schöss‘ ich mit Kugeln und mit Schrot, die Feinde alle mausetot." Passend gekleidet ist der kleine Junge in Felduniform mit Pickelhaube, dazu ist "Klein Willi" schwer bewaffnet mit Säbel, Gewehr und sogar einer Kanone.

Im Traum fällt der kleine Deutsche in Frankreich ein und wütet wie ein Berserker unter den deutschen Feinden: "Doch Willi knallt sie keck und munter, wie Affen von dem Baum herunter." Gnade kennt "Klein Willi" nicht, auch nicht als er gegen russische Soldaten kämpft. "Piff, paff! Der Russe lebt nicht mehr, Klein Willi aber fröhlich lacht", heißt es herzlos in dem Kinderbuch. Als eine Art frühmoderner Superheld tötet Klein Willi in dem Buch Dutzende von Gegnern, versenkt mit seinem U-Boot feindliche Schiffe und wirft Granaten aus seinem Zeppelin – stets tapfer, patriotisch und unbesiegbar. Auf diese Weise wollte die deutsche Propaganda – mit Hilfe des Schriftstellers Herbert Rikli – die deutschen Kinder zu Soldaten erziehen.

Erziehung zum Krieg

Vor allem über die Schulen sollten die Kinder für den Krieg mobilisiert werden. In Frankreich wurde der Krieg zum beherrschenden Thema in den Schulklassen. "Eine außergewöhnliche Zeit wie die unsrige kann keine gewöhnlichen Kinder ertragen", sagte 1916 ein französischer Schuldirektor über die besondere Verantwortung der Schüler im Ersten Weltkrieg. In Aufsätzen schrieben Schüler Sätze wie: "Dieser Haß wird immer zwischen dem französischen und deutschen Volk bestehen bleiben, denn was sie getan haben, ist unverzeihlich und nicht zu vergessen." In Deutschland sah es kaum anders aus.

Copyright: picture-alliance/akg

Die französische Propaganda sah bereits in den Neugeborenen zukünftige Soldaten für das Vaterland

Auf beiden Seiten der Front wurden die Schüler zu Aktionen aufgerufen. In deutschen Städten marschierten kleine Kinder in ihrer besten Kleidung mit Werbeschildern, auf denen der Satz prangte: "Wer Kriegsanleihe zeichnet, verkürzt den Krieg". Auch die Aktion "Gold gab ich für Eisen" wurde mit Hilfe der Schulen durchgeführt. Dabei tauschten Bürger ihren wertvollen Schmuck aus edlen Metallen gegen Eisen – um auf diese Weise zur Finanzierung des Krieges beizutragen.

Kinder als Opfer

Copyright: picture alliance/Mary Evans Picture

Ein Hort für die Kinder von Arbeiterinnen in einer Birminghamer Munitionsfabrik

Vor allem aber bildeten Kinder und Jugendliche in diesem Krieg Opfer – und dies nicht nur aufgrund des Missbrauchs durch die Propaganda. Zahlreiche Familien mussten in diesem Krieg auf den Familienvater verzichten – Millionen Männer wurden zur Armee eingezogen. Davon kehrten viele gar nicht oder schwer verwundet zurück. Kinder wurden zu Halbwaisen. Die Auswirkungen des Krieges bekamen die Kinder darüber hinaus auch direkt zu spüren. Mangelernährung und Krankheiten bedrohten die Gesundheit der Heranwachsenden. In Deutschland wurde Milch mit Wasser gestreckt, Brot aus Kartoffelmehl und anderen wenig nährreichen Bestandteilen gebacken. "Wir nagen am Hungertuche. Mit 90 Gramm Fett, mit 150 Gramm Fleisch, mit 2000 Gramm Brot und einem Ei die Woche auskommen, das ist wahrhaftig kein Spaß", schrieb die Lehrerin Gertrud Schädla (Link zu Menschen im Krieg: Gertrud Schädla) 1916 in ihr Tagebuch.

Armut in Europa während des 1. Weltkriegs Copyright: picture-alliance / dpa

Zwei Jungen sammeln Kohlestücke im Ersten Weltkrieg

Und selbst die weit verbreiteten Kriegsspiele für Kinder und Jugendliche konnten zur tödlichen Gefahr werden. In einer französischen Gemeinde kamen 1915 zwei kleine Kinder ums Leben, als in einer für Kinder nachgebauten Kriegslandschaft ein Schützengraben einstürzte. Vor allem aber belastete der propagandistisch geschürte Hass die Zukunft der Kinder. Die jahrelange Einflüsterung von Hass und Vorurteilen gegen die Feindnationen sollten sich als folgenschwere Hypothek erweisen: Die deutschen Soldaten, die 1939 in einen neuen Weltkrieg zogen, hatten den Ersten Weltkrieg als Kinder erlebt – und sollten nun in die Fußstapfen des herzlosen "Klein Willi" treten.

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