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Kein Impfstoff gegen HIV in Sicht

Gudrun Heise
6. Juli 2020

Während gegen das Coronavirus in Rekordzeit mehrere Impfstoffe entwickelt wurden, gibt es auch nach 40 Jahren noch immer keinen Impfstoff gegen HIV. Warum ist das so kompliziert? Was macht das Virus so tückisch?

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Darstellung von HIV-Virus-Partikeln im Blut
Bild: Imago Images/Science Photo Library

Wenige Monate nach Bekanntwerden des neuartigen Coronavirus SARS CoV-2 gab es bereits mehrere sehr vielversprechende Impfstoffkandidaten. Beim HI-Virus (HIV) dagegen ist nach wie vor kein Impfstoff in Sicht, obwohl der Erreger bereits vor rund 40 Jahren entdeckt wurde. Seitdem taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Warum ist das so kompliziert? Die vereinfachte Antwort: Weil HIV das Chamäleon unter den Viren ist und in der Lage, sich immer wieder zu verändern.

Schwer zu packen

Dem HI-Virus ist unter anderem so schwer beizukommen, weil es eine komplizierte, dreidimensionale Oberflächenstruktur hat. Darüber hinaus ist die Hälfte dieser Oberfläche mit Zucker überzogen, Wissenschaftler sagen dazu - glykolisiert. An solchen glykolisierten Oberflächen kann das Immunsystemschlecht angreifen. Und auch ein Impfstoff scheitert an diesem Zuckerguss.

HIV ist anders

Die Impfstoff-Forschung wäre vermutlich auch schon etliche Schritte weiter, wenn sich das HI-Virus so verhalten würde wie viele andere Viren. Das aber ist nicht der Fall. Es verändert die Gestalt seiner Virushülle von einer Generation zur nächsten enorm schnell.

Symbolbild HI Virus
Das Aids-Virus ist äußerst wandelfähigBild: picture alliance / © Bruce Coleman/Photoshot.

Um es bekämpfen zu können, ist das Immunsystem darauf angewiesen, den Gegner wiederzuerkennen. Verändert das Virus sich jedoch immer wieder, erkennt das Immunsystem es nicht, betrachtet es nicht als Krankheitserreger und greift es nicht an. So täuscht das HI-Virus ständig das Immunsystem und scheint der Forschung immer einen Schritt voraus zu sein.

Retroviren

Das HI-Virus gehört zur Gruppe der Retroviren. Sie haben die Fähigkeit, ihr Erbgut in das der Wirtszelle einzubauen. Forscher versuchen schon seit langem zu verstehen, wie sich Retroviren vermehren, um Strategien für eine Heilung entwickeln zu können. Immer wieder gibt es Studien, immer wieder gibt es neue Enttäuschungen, weil das Virus offenbar einfach nicht in den Griff zu bekommen ist.

Einen Schritt vor, zwei zurück?

HVTN 702 war eine groß angelegte Impfstoff-Studie, die 2016 in Südafrika begonnen hatte. 5407 HIV-negative Personen zwischen 18 und 35 Jahren nahmen daran teil. Bei der Studie wurde ein sogenanntes "Prime-Boost"-Schema genommen. Dabei werden zwei Impfstoffe kombiniert. Die erste Impfung - die "Prime"-Impfung - hat einen anderen Wirkstoff als die spätere "Boost"-Impfung. Dahinter steckte die Hoffnung auf eine breitere Antwort des Immunsystems als dies mit nur einem Impfstoff der Fall wäre.

HI-Virus und seine Auswirkungen, deutsch
Das HI-Virus löst viele verschiedene Symptome aus

Grundlage bei der HVTN 702-Studie ist der Impfstoff RV 144. Es ist der einzige, der bislang in einer Studie in Thailand eine - wenn auch recht geringe - Schutzwirkung von 31 Prozent zeigen konnte. Die Schutzwirkung hielt allerdings nur wenige Monate an. 129 HIV-Infektionen hatte es unter den geimpften Probanden und Probandinnen gegeben, 124 unter denjenigen, die ein Placebo erhalten hatten.

Im Februar 2020 wurde die südafrikanische HVTN 702-Studie jedoch abgebrochen, da kein klarer Erfolg sichtbar wurde.

Der MOSAICO-Impfstoffversuch ist eine weitere Studie, die auf dem Prime-Boost Schema basiert. Auch hier gilt: Die erste Impfung, die unter dem Begriff Prime läuft, besteht aus einem anderen Wirkstoff als der Boost-Impfstoff. In diesem Impfstoff ist ein Protein enthalten, das die komplizierte HIV-Oberfläche nachbaut. Versuche mit Affen sind bereits gelaufen und haben vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Um nahezu 90 Prozent konnte mithilfe dieser Impfstoffkombination die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des HI-Virus reduziert werden. Seit Ende letzten Jahres laufen in den USA klinische Studien. 3800 Menschen nehmen daran teil.

Die dritte erwähnenswerte Studie läuft unter der Bezeichnung IMBOKODO. Auch sie gehört in die Kategorie der Prime-Boost-Strategien mit 2600 Probandinnen aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Bislang liegt die Schutzwirkung bei hoffnungsvollen 67 Prozent. Die Studie begann im November 2017 und soll bis Februar 2022 laufen.

Ein Wissenschaftler beugt sich über ein Mikroskop im Institut für HIV-Forschung in Essen
Weltweit suchen Forscher intensiv nach einem HIV-ImpfstoffBild: Universitätsklinikum Essen/Institut für HIV-Forschung/Foto: Patrick Juszczak

Das Ergebnis zählt

Der große Durchbruch lässt also nach wie vor auf sich warten. In einem sind sich die Forscher einig: Selbst wenn einer der Ansätze zur HIV-Impfung erfolgreich sein sollte, wird man in naher Zukunft keinen 100-prozentigen Schutz erwarten können. Aber schon eine Impfung mit einer Schutzwirkung von 60 bis 70 Prozent wäre ein Erfolg. Bis dahin gibt es nur die Möglichkeit, die Erkrankung mit anti-retroviralen Medikamenten zu behandeln.

Prophylaxe als Alternative?

Gerade weil so lange schon erfolglos nach einem Impfstoff geforscht wird, ruhen viele Hoffnungen auf einer medikamentösen HIV-Prophylaxe in Form der PrEP (auch HIV-PrEP). Die Abkürzung steht für "Prä-Expositions-Prophylaxe“, also eine Vorsorge vor einem möglichen HIV-Kontakt. Dabei nehmen HIV-negative Menschen ein HIV-Medikament ein, um sich so vor einer HIV-Ansteckung zu schützen. Derzeit wird nach einem Weg gesucht, wie diese Medikamente nicht täglich als Tablette, sondern als Depotspritzen oder Implantate über mehrere Monate verabreicht werden können.