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Kultur

Kein Glamour und kein Hollywood-Pomp

Zur Eröffnung der 60. Berlinale gab es tiefe Einblicke in die chinesische Historie. Regisseur Wang Quan'an erzählt in "Tuan Yuan" die Geschichte eines Paares, das sich nach 50 Jahren der Trennung wieder trifft.

Szene aus Tuan Yuan (Foto: Berlinale)

China, ganz ohne Schwertkampf - Szene aus Tuan Yuan

Natürlich fallen die Parallelen sofort ins Auge. Familien werden auseinander gerissen, ein Staat teilt sich, die Geschichte von Krieg und Ideologie beherrscht unbarmherzig die Biografien der Menschen. "Tuan Yuan" ist ein Film, der nach Berlin passt, in die Stadt der Mauer, die Stadt, die auch so viele Jahre unter der Teilung hat leiden müssen. Dass die Berlinale den unspektakulär inszenierten "Tuan Yuan" als Eröffnungsfilm ausgewählt hat für ihren Jubiläumsjahrgang, das überrascht dann auch nur auf den ersten Blick.

In den vergangenen Jahren hatten die Festivalmacher vor allem auf Starpower zur Eröffnung gesetzt. Der Rote Teppich war dabei oft wichtiger als der Film. So hatte sich die Berlinale nach so manch enttäuschendem Auftakt auch immer wieder der Vorwurf machen lassen müssen, sie setze zu sehr auf Stars und Sternchen, auf Festival-Glamour und vernachlässige dabei die Filmkunst.

Eine mutige Entscheidung

Es scheint, als ob Festivalleiter Dieter Kosslick und sein Team die Konsequenzen aus dieser Kritik haben ziehen wollen. Zwar ist auch der chinesische Regisseur Wang Quan'an kein Unbekannter. Er gewann hier vor drei Jahren für "Tuyas Hochzeit" den Goldenen Bären - doch für ein europäisches Publikum bedeutet ein Film wie "Tuan Yuan" immer noch ein gutes Stück Exotik. Wenn ein chinesischer Film auch noch auf die im Westen beliebten Trümpfe Schwertkampf, Massenchoreografie und pralles Historienepos verzichtet, dann ist die Entscheidung, ein solches Werk zum Auftakt einer Mammutveranstaltung wie der Berlinale zu zeigen, schon ein mutiges Zeichen.

Szene aus Tuan Yuan (Foto: Berlinale)

Tuan Yuan erzählt die Geschichte eines Paares

Wang Quan'an erzählt die Geschichte eines Paares, dass in Folge des chinesischen Bürgerkrieges und der Teilung der Nation in Festland-China und Taiwan getrennt wurde. Qiao Yu'e und Liu Yansheng waren damals nur für kurze Zeit ein Liebespaar, dann wurden sie auseinander gerissen. Qiao Yu'e heiratete einen kommunistischen Offizier, gründete mit diesem eine Familie und siedelte sich in Shanghai an. Ihr große Liebe Liu Yansheng verschlug es nach Taiwan. Nun, nach fünf Jahrzehnten, sieht man sich wieder, einer Gruppe ehemaliger Soldaten der Volkspartei Kuomintang wird eine Reise auf das Festland gewährt.

Überraschend unspektakulär

Hier setzt der Film ein, und was Regisseur Wang Quan'an aus dieser im Grunde unglaublich dramatischen Geschichte macht, ist erstaunlich. Ganz unspektakulär schildert er die Ankunft Liu Yanshengs in der Familie seiner ehemals großen Liebe. Er zeigt, wie unterschiedlich sich die Angehörigen verhalten, wie diese ihre Gefühle äußern, wie sie mehr oder weniger direkt ihren Unmut über den überraschenden Gast zum Ausdruck bringen. Denn der kommt nicht ohne Hintergedanken. Er will Qiao Yu'e überreden mit nach Taiwan zu kommen, was ihm auch überraschend schnell gelingt. Doch dann brechen die Konflikte auf, Kinder und Enkel mischen sich ein, und der jetzige Ehemann von Qiao Yu'e erleidet einen Gehirnschlag, von dem er sich nur langsam wieder erholt.

Entscheidend sind die beiläufigen Gesten

"Tuan Yuan" setzt ganz auf die Kraft der Schauspieler und der Dialoge. Oft beobachtet man die Darsteller beim Mittag- oder Abendessen oder im Restaurant. Man sieht sie beim Einkaufen oder beim Kochen. Der Alltag steht im Mittelpunkt. Regisseur Wang Quan'an verzichtet fast ganz auf dramatische Zuspitzungen, zu der die Geschichte ja hätte verleiten können. Manchmal sind es nur Gesten oder nur beiläufig hingeworfene Sätze, die auf das erlittene Unglück des einst auseinander gerissenen Paares hinweisen.

Szene aus Tuan Yuan (Foto: Berlinale)

Tuan Yuan: Der Alltag im Mittelpunkt

Interessant auch der Blick des Regisseurs auf das Shanghai von heute. Zwar blendet er die modernen Bauten der Millionenmetropole nicht aus, zeigt die Wolkenkratzer aber meist nur als Silhouette im Hintergrund. Die Familie Qiao Yu'e wohnt noch in einem der kleinen, beengt wirkenden ziegelbedeckten Häuser inmitten der Neubauten, kauft auf alten Märkten bei kleinen Händlern ein. Das Wetter ist immer schlecht, es regnet, der Himmel ist grau, nebel- und smogverhangen. Erst in der allerletzten Szene, ein Jahr ist inzwischen vergangenen, wohnt die Familie auch in einem dieser Hochhäuser. Nun hat man zwar mehr Platz, doch die Wohnungen dieses neuen Typs scheinen ohne Seele zu sein.

Ein Film, der nach Berlin passt

Regisseur Wang Quan'an lässt viel Raum für Interpretationen. Wer will, der mag im ewigen Grau des Himmels ein Zeichen sehen. Und wenn die Enkelin am Ende des Films verkündet, sie heirate jetzt einen Mann, der aber erst einmal zwei Jahre nach Amerika geht, dann ist das wohl ein dezenter Hinweis auf die Folgen der Globalisierung, der die Menschen wieder auseinander reißt. "Tuan Yuan" ist ein vielschichtiger, differenziert erzählter Film aus dem China von Heute, eindringlich und menschlich, psychologisch genau und mit viel hintergründiger Kritik. Ein Film, der sehr gut nach Berlin passt, ein würdiger Berlinale-Auftakt.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Elena Singer