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Europa

"Kein Geld, kein Kind"

Als kinderfreundlich und kinderreich sehen wir Italien. Dabei hat das Land eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Kein Wunder: Denn finanzielle Unterstützung vom Staat gibt es kaum und Kinderkrippen sind knapp.

Ein Paar sitzt verliebt auf einer Bank

Der Kinderwunsch ist da, aber das Geld fehlt oft

Am Samstagvormittag ist Markt in der Viale Papiniano in Mailand. Hier gibt es alles von Lebensmitteln, über Bücher und Nippes bis hin zu Kleidung. Hinter einem Stapel Jacken und Mäntel dreht sich eine junge Frau mit dunklen Locken und großen braunen Augen vor dem Spiegel, kritisch beäugt von ihrer Freundin. "Das ist genau das, was ich gesucht habe: eine schicke Kostümjacke fürs Büro. Was Elegantes. Mal sehen, wie viel sie kosten soll. Wer weiß, vielleicht haben wir ein Schnäppchen gemacht", sagt Fiorella Mattio.

30 Euro kostet die dunkelrote Jacke mit Samtapplikationen an Kragen und Ärmeln - zu viel für Fiorella. Die 28-Jährige ist studierte Kunsthistorikerin und arbeitet drei Tage die Woche für eine Galerie. Am Wochenende betreut sie einen Malkurs für Kinder und manchmal jobbt sie abends als Kellnerin. Die Jacke landet wieder auf dem Wühltisch. Zwei Stunden später macht Fiorella doch noch ein Schnäppchen. Ein dunkelblauer Blazer mit glänzenden Knöpfen für 18 Euro. Zufrieden macht sich die junge Frau auf den Heimweg.

Zu wenig Geld für eine Familie

Die Mailänder Scala (Foto: AP/06.12.2004)

Italien gilt als das Land der Bambini

Fiorella Mattio wohnt in einem alten Arbeiterviertel im Norden von Mailand in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die sie sich mit ihrem Freund teilt. Marco sitzt am Computer und macht noch die Powerpointpräsentation für Montag fertig, das hat er gestern im Büro nicht mehr geschafft.

Fiorella und Marco verdienen zusammen etwa 2000 Euro im Monat. Die Wohnung kostet 800 Euro Miete kalt. Der Fiat Uno im Hof ist noch nicht abbezahlt, genauso wenig wie die Waschmaschine und die Küchenmöbel. Wenn alle Verbindlichkeiten bezahlt sind, reicht der Rest des Geldes gerade noch für Lebensmittel und den alltäglichen Bedarf.

Über 30 und noch keine Kinder

So hatte sich Fiorella das Leben nach dem Universitätsabschluss eigentlich nicht vorgestellt. Sie wollte nach der Uni arbeiten und dann eine Familie gründen. Da aber ihr Vertrag nicht verlängert wurde, bekamen sie Geldprobleme und konnten sich keine größere Wohnung leisten. "Das ist das Hauptproblem. Neben der Schwierigkeit, drei Personen statt zwei durchzubringen, brauchen wir auch eine größere Wohnung, um ein Kind unterzubringen", sagt sie.

Glueckliche Eltern beim Picknicken auf einer Wiese (Foto: Matthias Stolt)

Erst mit 30 werden viele Italienerinnen Mutter

Kein Geld, kein Kind – Fiorella hat ihren Kinderwunsch auf bessere Zeiten vertagt. Ihre Kolleginnen, ihre Nachbarinnen und ihre Freundinnen von der Uni auch. Sie sind alle über 30 Jahre alt und noch ohne Bambini. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt Fiorella besucht stattdessen mit großer Begeisterung ihre Cousine, die mit 42 Jahren ihr erstes Kind bekommen hat: Maria-Luisa. Sie ist acht Wochen alt. "Es ist ein schönes Gefühl, eine Tochter zu haben, aber ich muss mich auch noch daran gewöhnen. Für mich war es natürlich, bis jetzt zu warten", sagt ihre Mutter Silvia. Ihre Lebenssituation sei ungeeignet gewesen. "Wer ein Universitätsstudium absolviert, danach in den Beruf einsteigt, der muss erst einmal ein paar Jahre arbeiten und schon bist du über 30."

Kein Geld, kein Kind – darüber kann die Großmutter der kleinen Maria-Luisa nur lachen. Sie hat sechs Kinder zur Welt gebracht und genug Geld war im Grund nie da. Aber die Zeiten haben sich geändert. "Die Konsequenz ist, dass die Frauen erst spät heiraten und Kinder in die Welt setzen. Das verlangsamt in gewissem Sinne die ganze Gesellschaft. Und erhöht den Druck auf die ältere Generation. Die müssen vielfach Kinder und Enkel mit durchfüttern. Die Rentner sind die einzigen, die Geld auf der hohen Kante haben", erzählt sie.

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