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Europa

Kein Funken Hoffnung für die Glühlampe

Zum 1. September knipst die EU der Glühlampe das Licht aus. Die erste Stufe einer EU-Verordnung tritt in Kraft. Design- und Kunstexperten kritisieren das: Die Glühlampe sei ein Kulturgut und müsse erhalten bleiben.

Glühbirne (Foto: AP)

Für Designer nicht einfach austauschbar

Sie ist der Klassiker unter den Lampen: Die Wilhelm-Wagenfeld-Leuchte, auch Bauhaus-Lampe genannt, hat einen matten, weißen Leuchtenschirm, der mit der passenden Glühbirne ein warmes, gelbes Licht ins Zimmer zaubert. Schraubt man in diese Leuchte eine Energiesparlampe, zeichnen sich sofort graue Schatten im Lampenschirm ab - das Licht wirkt kühl und fad. Ein Design-Desaster, das wahr werden könnte. Denn laut EU-Verordnung sollen bis 2012 alle Glühbirnen aus den Verkaufsregalen verbannt werden. Zunächst gilt das Produktionsverbot für matte Glühlampen sowie alle klaren Glühlampen über 75 Watt. Ziel: Steigerung der Energieeffizienz durch den Einsatz von Energiesparlampen.

Glühbirne erzeugt gemütliche Atmosphäre

Michael Gärtner, Zentralverband europäischer Designkultur (Foto: Nicole Scherschun)

Michael Gärtner ist gegen das rigorose Verbot von Glühbirnen

Michael Gärtner, Designexperte und Vorsitzender des Zentralverbands europäischer Designkultur meint, diese EU-Verordnung sei ein ästhetisches Unglück: "Vor allem wenn man auf Designklassiker des letzten Jahrhunderts blickt. Diese Leuchten sind auf der Basis einer Glühlampe entworfen worden. Energiesparlampen verändern das Design."

Bei der Glühlampe erzeugt man durch den Glühfaden ein der Sonne ähnliches Licht mit einem warmen Farbton. Im Vergleich dazu haben die neuen Leuchtmittel einen hohen blauen und weißen Farbanteil. "Aus diesem Grund wirkt das Licht viel künstlicher und ist somit für viele Anwendungen einfach nicht harmonisch." Besonders betroffen seien Kristallleuchter, die ein sehr großes Farbspektrum benötigen, um Regenbogenfarben in den Kristallen zu erzeugen.

Kauflust und -frust

Dies könnte neben dem höheren Preis auch ein Grund dafür sein, dass sich die seit Jahren auf dem Markt befindende Energiesparlampe, die so genannte Kompaktleuchtstoffleuchte, noch nicht durchgesetzt hat. 2008 machte sie ein Viertel des gesamten Lampenumsatzes in Deutschland aus. Seit bekannt ist, dass ab September die erste Stufe der EU-Verordnung in Kraft tritt, horten die Deutschen Glühlampen: Der Absatz stieg im ersten Quartal 2009 um 17 Prozent.

Eine Lampe mit Glühlampen im Beleuchtungshaus Schiffgen in Köln (Foto: DW/ Nicole Scherschun)

In manchen Designerlampen sehen nur die alten Glühlampen gut aus

In den europäischen Nachbarländern scheint man sich dagegen bereits mit dem Verbot abgefunden zu haben: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung wurden in den Niederlanden knapp 35 Prozent weniger Glühbirnen verkauft, in Großbritannien 23 und in Frankreich neun.

Die Glühlampe in der Kunst

Die EU-Verordnung hat nicht nur Auswirkungen auf das Design. Roland Nachtigäller, Direktor des Museums MARTa in Herford, empfindet das Verbot als Verlust für die Kunst. Natürlich spare man auch im Museum Strom. "In unserem Haus wird es trotzdem immer Punkte geben, wo wir sagen: Aber in der Ecke brauche ich einen Spot mit dieser alten Lampe. Das sind eben das Kunstwerk und die Situation, in der ich es präsentieren will."

Roland Nachtigäller, künstlerischer Leiter des MARTa in Herford (Foto: Hans Schröder, MARTa Herford)

Roland Nachtigäller, künstlerischer Leiter des MARTa in Herford

Auch in Kunstwerken selbst wird sie ganz bewusst eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist eine Installation des Künstlers Tobias Rehberger im MARTa: Er hat mehrere einfache Glühlampen, bei denen die weiße Fassung und das Kabel noch zu sehen sind, an einer Wand montiert. Jede Lampe ist mit einem Kokon aus Klettklebeband umgeben, der mit neonfarbenem Spraylack in grün, gelb oder orange angesprüht ist. Das Klebeband wirkt so wie ein löchriger, großer Lampenschirm.

"Bei diesem Kunstwerk können wir als Museum nicht sagen: 'Mein Gott, dann schrauben wir da eben andere Birnen rein.' Wenn Künstler arbeiten, ist nichts Zufall. Es sind immer bewusste Entscheidungen", sagt Nachtigäller. Ein Austausch sei wider den Gedanken einer ästhetischen Auseinandersetzung. Er mache das Kunstwerk beliebig.

Konsequenzen für Verbraucher und Beleuchtung

Lichtinstallationen im Museum MARTa in Herford (Foto: Hans Schröder, MARTa Herford)

Installation von Tobias Rehberger im MARTa

Beleuchtungsexperte Stefan Brings, der das Beleuchtungshaus Schiffgen in Köln leitet und Designerlampen verkauft, hortet seit geraumer Zeit Glühlampen. "Meinen Kunden, die bei mir in den letzten zwei Jahren wunderschöne Leuchten erworben haben, muss ich natürlich die Möglichkeit geben, diese auch mit derselben Lichtwirkung betreiben zu können." Nicht in jeder Leuchte sähen Energiesparlampen so aus wie Glühlampen.

Brings meint, der Nachfolger der Glühbirne sei eigentlich die LED, die Lichtdurchflossene Diode. Die LED erzeuge Licht wie die Glühlampe, habe eine lange Lebensdauer, sei wunderbar zu entsorgen und äußerst energie-effizient. "Den Zwischenschritt der Kompaktleuchtstofflampe hätten wir uns sparen können", so Brings.

An der Energiesparlampe kritisiert er die Auswirkungen auf den Schlaf. Das helle, künstliche Licht verhindere die Produktion des Schlafhormons Melantonin. Außerdem seien die gesundheitlichen Risiken durch das in den Energiesparlampen enthaltende Quecksilber enorm. Und ob am Ende wirklich soviel Energie damit eingespart werde, wie die EU vorrechne, sei nicht sicher.

Stefan Brings, Geschäftsführer des Kölner Beleuchtungshauses Schiffgen

Stefan Brings: Die Energiesparlampe ist kein Ersatz für die Glühbirne

Warten auf die Technik der Zukunft

Die LED-Technik braucht jedoch noch mehrere Jahre, bis man sie wie die Glühlampe einsetzen kann. Bislang funktioniert sie lediglich als direktes Licht an Schreitischen oder bei Nachttischlampen. Dass nun verstärkt in die Entwicklung der LED-Technik investiert werde, sieht Michael Gärtner vom Zentralverband Europäischer Designkultur als positiven Aspekt der Verordnung. "Die Energiesparverordnung ist letztlich eine Initialzündung, sich Gedanken zu machen, energieeffizienter zu arbeiten – das gilt auch für Designer." Denn Design sollte zukunftsorientiert und kreativ sein.

Autor: Nicole Scherschun
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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