Kein Foul wie jedes andere | Sport | DW | 03.07.2013
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Sport

Kein Foul wie jedes andere

Kein Bild eines Bundesliga-Fouls hat sich mehr in den Köpfen festgesetzt als der aufgeschlitzte Oberschenkel von Ewald Lienen. Mit Abwehrspieler Siegmann versöhnt er sich erst nach Jahrzehnten.

Ewald Lienen mit aufgerissenem Oberschenkel im Spiel gegen Werder Bremen (Foto: picture-alliance / Sven Simon)

Entsetzen pur: Ewald Lienen mit aufgeschlitztem Oberschenkel

14. August 1981: der 2. Spieltag der Bundesliga-Saison. Es läuft die 20. Spielminute, da stockt den Fans im Bremer Weserstadion der Atem. Die Flanke kommt von rechts, der Bielefelder Stürmer Lienen geht zum Ball, der ihm verspringt, etwa auf Kniehöhe. Der Bremer Verteidiger Norbert Siegmann kommt einen Augenblick zu spät, er hat aber bereits zur Grätsche angesetzt. Es gibt kein Zurück mehr.

Lienen wird gefoult, blickt auf sein Bein und brüllt vor Schmerzen und Empörung. Er steht auf und fällt mit entsetztem Blick wieder auf den Rasen zurück. Im rechten Oberschenkel klafft eine 25 Zentimeter lange und fünf Zentimeter tiefe Fleischwunde. Man kann bis auf den Knochen sehen. "Es ist einfach nur ein Schock, das eigene Bein offen zu sehen", sagt Lienen später. Der Schiedsrichter, der auf der anderen Seite steht und die Verletzung nicht sehen kann, zeigt Siegmann die Gelbe Karte. Siegmann nennt es noch heute ein "Allerweltsfoul."

"Fußball war wie Krieg"

Für damalige Verhältnisse vielleicht. Die Verteidiger spielten nicht hart, sondern teilweise brutal. Die Schiedsrichter ließen vieles ungestraft. Für damalige Abwehrspieler galt die Devise: "Er ist kein Mensch, er ist kein Tier – er trägt die Nummer vier.“ Damals zählte bloß das Ergebnis, nicht die Fairness, erklärt Lienen. Es herrschte Krieg auf den Plätzen, ohne Respekt voreinander und vor der Gesundheit der Spieler.

Lienen wollte das ändern."Für mich ist das ein Meilenstein gewesen, sich gegen diese Brutalität, die es damals im Fußball überall gab, endlich erfolgreich zur Wehr zu setzen." Lienen beschließt noch im Krankenhaus, zivilrechtlich gegen Siegmann und dessen Trainer Otto Rehhagel vorzugehen. Der habe seine Spieler angeblich zum Foulen angestiftet, behauptet der damalige Bielefelder, der damals auch neben dem Platz auffiel: Linkspolitisch engagiert, studiert und mit seinem langen Haar.

Ewald Lienen beschwert sich nach dem Foul (Foto: Bongarts/Getty Images)

Völlig aufgebracht: Lienen macht Otto Rehhagel für das Foul verantwortlich

Doch das Gericht sieht es anders. Beim Fußball müsse man sich darauf einstellen,  dass man schwer verletzt werden könne. Der Boxer könne sich auch nicht beschweren, wenn er K.o. geschlagen wird, habe der damalige Staatsanwalt argumentiert, erinnert sich Lienen. "Also ich bin froh, dass sich diese lächerlich primitive Sichtweise des damaligen Staatsanwalts und auch des Oberstaatsanwalts in Bremen nicht durchgesetzt hat und wir jetzt sozialverträglichen Fußball haben, wo solche Leute und solche Verhaltensweisen vor allen Dingen keine Chance mehr haben."

Morddrohungen gegen Siegmann

Obwohl Lienen nach vier Wochen wieder spielen kann, kocht das Thema weiter hoch. Die Medien überspitzen es, die Fans sind aufgebracht. Beim Rückspiel in Bielefeld sitzt Rehhagel mit einer kugelsicheren Weste auf der Trainerbank. Siegmann, der den Beinamen "Der Schlitzer" verpasst bekommt, erhält Morddrohungen und wird unter Polizeischutz gestellt. Lienen bedauert das. "Norbert war damals die arme Sau. Das hätte jedem anderen Innenverteidiger der damaligen Zeit auch passieren können, denn so wurde damals Fußball gespielt."

Norbert Siegmann vom Fußball-Bundesligisten Tennis-Borussia Berlin aufgenommen beim offiziellen Fototermin vor der Saison 1974/1975.

Norbert Siegmann war für viele der Buhmann

Erst nach Jahrzehnten kann Lienen Siegmann verzeihen. "Norbert Siegmann hat sich relativ schnell mit einem netten Brief entschuldigt. Und es war mir auch klar, dass das nicht seine Absicht war. Ich kannte ihn schon von früher aus der 2. Liga. Da hatte er sich auch schon entsprechend sozial unverträglich mir gegenüber und anderen gegenüber verhalten." Das Treffen der beiden nach über 30 Jahren verläuft ruhig und angenehm. Auch Siegmann findet endlich seinen Frieden. "Ich hatte ein wenig Bedenken und wollte mich erst verdrücken. Aber ich habe das dann gemacht. Und es war wunderbar. Es war heilend."

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