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Afrika

"Kein Film, meldet mein Kopf, das ist echt"

Zwei deutsche Journalisten sind in Somalia knapp einer Entführung entgangen. Ein Passagierflugzeug wurde gekapert - weil die beiden Deutschen drin saßen. Einer von beiden, Johannes Dieterich, schildert die Vorgänge.

Johannes Dieterich (Foto: Frankfurter Rundschau)

Mit dem Schrecken davongekommen: Johannes Dieterich

Kein Film, meldet mein Kopf, das ist echt. Man braucht kein Somali zu verstehen, um zu wissen, dass wir gerade entführt werden. Zum Thema Flugzeugentführungen meldet mein Kopf: Tagelanges Warten in brütender Hitze, Nerventerror, psychische, vielleicht auch physische Gewalt.

Möglicherweise handelt es sich bei dem Entführer um ein Mitglied der berüchtigten somalischen Islamistengruppe al-Schabab, dann steht den beiden Europäern unter den rund 40 Fluggästen - meinem Kollegen Arne Perras von der Süddeutschen Zeitung und mir - Scheußliches bevor.

Wie betet man?

Mann am Strand von Puntland (Foto: AP)

Die Idylle in Puntland trügt -Somalia ist das gefährlichste Land für Ausländer

Ein Schuss fällt. Mein Atem stockt. Schüsse im Flugzeug in der Luft: Das muss das Ende sein. Was vorne vor sich geht, kriege ich in der zehnten Sitzreihe nicht genau mit. Seit dem Schuss verstecke ich mich hinter dem Vordersitz. Später erfahre ich, dass die Entführer - der lange Mann mit dem blauen Hemd hatte offenbar noch einen Komplizen - versuchen, ins Cockpit einzudringen.

Um dem Grund des Geschreis nachzugehen, hatte der ukrainische Flugingenieur offenbar die Tür zur Kabine geöffnet und - als er sich dem Pistolenmann gegenüber sah - sie schnell wieder zu gerissen. Gerade noch rechtzeitig. Der Entführer schießt in Kopfhöhe in die Stahltür.

Die Männer, werde ich später erfahren, wollen nach Las Qoray - ein Küstenstädtchen knapp 15 Flugminuten von Bosaso entfernt. Doch der Chefpilot beschließt, nach Bosaso zurückzukehren, und dreht ab. Mehr Geschrei. Kinder heulen. Männer schreien die Entführer an, die schreien zurück. Frauen schreien Gebete.

Wie betet man? Bei uns zu Hause fing man damals mit "Lieber Gott" an. Wie aber geht es weiter? Flugzeugentführungen müssen nicht unbedingt tödlich verlaufen, beruhigt mich mein Kopf. Sie können auch glimpflich enden. Übermorgen hat mein Sohn seinen zwölften Geburtstag, und meine siebenjährige Tochter braucht mich noch. Wenn mich jemand braucht, dann sie. Ich kann sie nicht alleine lassen.

Schreie oder Verhandlungen

Wieder fallen Schüsse, vier, fünf, sechs. Menschen rennen durch die Kabine. Ein junger Mann wirft sich auf den freien Platz neben mir. Wir tauchen beide ab, so tief es geht. Offenbar haben die Entführer mitbekommen, dass der Pilot nach Bosaso zurückkehren will, und schießen wütend in die Cockpit-Tür. Die Maschine dreht leicht ab. Wurde der Pilot getroffen? Unter uns schimmert das Meer.

Bewaffnete Milizen in Somalia (Foto: ap)

Bewaffnete Milizen in Somalia

Hinter mir ist eine junge Frau mit schwarzem Schleier und von Tränen nassem Gesicht aufgesprungen und schreit. Neben ihr steht der Steward und schreit lauter. Ich signalisiere, dass sie ruhig sein sollen: Mein Verstand sagt mir, dass Schreien die Entführer nur noch verrückter macht.

Ich habe keine Ahnung, dass der Steward in Wirklichkeit gerade mit dem Luftpiratenchef verhandelt. Dass in diesem Geschrei bedeutungsvolle Worte gewechselt werden, ist mir unvorstellbar. Während des gesamten, wohl knapp halbstündigen Dramas verstehe ich kein Wort, weiß nicht wirklich, worum es eigentlich geht. Vielleicht ist das auch gut so.

Die Piloten ändern immer wieder den Kurs. Jetzt sieht es so aus, als ob wir landen würden: Ich habe keine Ahnung wo. Bosaso verfügt lediglich über eine Sandpiste: Wir könnten genauso gut hier wie irgendwo in der Pampa sein. Später wird erzählt, der Entführer habe am Handy seine am Boden in Las Qoray wartenden Genossen gefragt, ob sie uns bereits sehen können. Die sagen Nein. Doch ein Mullah mit Bart und weißem Käppchen schwört den Entführern auf den Koran, dass wir tatsächlich in Las Qoray und nicht in Bosaso seien.

Dann geht alles noch schneller als zuvor. Die Maschine steht noch nicht, als hinten die Tür geöffnet wird. Wieder rennen Menschen schreiend durch den Gang, mein Nebenmann drückt sich über meinen Sitz nach unten, ich versuche mich noch unter ihn zu drücken, damit mein bleiches Gesicht nicht zu sehen ist.


Wieder fallen Schüsse, diesmal draußen. Dann plötzlich Ruhe. Die ersten Passagiere stehen auf. Durch die Fenster auf der anderen Seite sind zwei am Boden liegende Gestalten zu sehen, auf die Soldaten eintreten und einprügeln. Mein Kopf sendet niedere Gedanken der Genugtuung: "Gib ihm auch von mir noch eine mit!" Mein drittes Leben beginnt. Das zweite fing vor 17 Jahren nach einem Flugzeugabsturz in Angola an.

Später erzählt der Steward, er habe die Tür nach der Landung schnell geöffnet, obwohl ihn die Entführer zu erschießen drohten. Als der Chef der Luftpiraten nach hinten gerannt kam, sei es ihm gelungen, den Entführer mit sich selbst aus der offenen Tür zu stürzen. Der Mann sei dann von den bereits wartenden Soldaten überwältigt worden. Dem zweiten Entführer, der später ebenfalls nach hinten rannte, schossen die Soldaten ins Bein - dann wurde auch er überwältigt.

Die beiden Luftpiraten hätten zuvor noch nie in einem Flugzeug gesessen, hieß es. Sie waren blutige Anfänger. Unten auf dem Rollfeld erfahren wir als Erstes, dass die Entführung allein uns galt. Der Luftpiratenchef sagte den Passagieren offenbar, dass sie nichts befürchten müssten: Sie hätten es lediglich auf die beiden Deutschen abgesehen. Jetzt ist mir zum Heulen zumute.

Wie viel ist ein Leben wert?


Als ich kurz danach die noch immer vor Angst schlotternden Kinder neben mir sehe, wird das Selbstmitleid jedoch von der Scham abgelöst: Hätten wir nicht im Flugzeug gesessen, wäre ihnen das alles erspart geblieben. Ich murmele etwas von "sorry" und würde meinen Beruf jetzt gerne an den Nagel hängen.

Soldaten der AU in Mogadischu (Foto: ap)

Seit Jahren versuchen AU-Soldaten vergeblich, Somalia zu befrieden

Immer mehr Leute mit Gewehren und Handys tauchen auf - unter ihnen auch der Sicherheitsminister der somalischen Puntlandprovinz, der für unsere Reise nach Bosaso im Vorfeld grünes Licht gegeben hatte. Am Vortag sagte uns der alte Mann, seine Regierung werde mit dem Piratenproblem schon fertig, wenn das Ausland sie endlich mehr unterstütze. Von Luftpiraten sprach der Minister aber nicht. Wir erleben schließlich einen Tag später, wie im Seeräuberland Somalia zum ersten Mal ein Flugzeug entführt werden soll.

Allmählich setzt sich ein vages Bild zusammen. Offenbar sollten wir zu den in Las Qoray wartenden Leuten gebracht werden, die gewiss Lösegeld erpressen wollten. Auch müssen die Entführer unsere Reisepläne gekannt haben. Klar ist auch, dass sie mit dem Flughafenpersonal zusammenarbeiteten. Sonst hätten sie die Pistolen nicht durch die Kontrollen bekommen. Vielleicht stehen die Hintermänner der Entführung jetzt neben uns. Möglicherweise haben wir mit ihnen sogar in den vergangenen fünf Tagen zusammen gearbeitet.

Nach langem Palaver und kurzer Inspektion der Maschine sagt die Crew, sie könne trotz allem noch nach Dschibuti fliegen. Mein Kollege kann sich nicht vorstellen, wieder einzusteigen. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Minute länger zu bleiben. Wir fliegen. Zwei Stunden später sind wir in Dschibuti in Sicherheit.

Dort fragen wir uns, wie wir uns unserem Lebensretter erkenntlich zeigen. Mit einem gemeinsamen Abendessen kann der Steward wenig anfangen. Ihm sei Bares lieber. Wir müssen nun einen Wert für unser Leben festlegen: Sieben Millionen Dollar, wie sie die somalischen Entführer eines Segler-Paares derzeit fordern? Oder einen Dollar, den eine Pistolenkugel unserer Entführer kostete? Wir legen eine Summe irgendwo dazwischen fest.

Autor: Johannes Dieterich (Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Tageszeitungen)

Redaktion: Klaudia Pape