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Bücher

Kein Feuer, das nicht brennt

Er ist recht attraktiv, er ist um die 40. Sein Beruf: Reisereporter. Sein Fehler: Er hat seine Heimatstadt noch nie verlassen.

Ein Feuer brennt im offenen Kamin des Großraumrestaurants Tauro, aufgenommen am Samstag (28.11.2009) in Berlin. Foto: Xamax +++(c) dpa - Report+++

Kamin Feuer Kaminfeuer

Der Reisejournalist W. kennt die ganze Welt. Es gibt kaum einen exotischen Ort, den er noch nicht beschrieben hat. Seine Artikel erscheinen in einem Hochglanzmagazin. So auch der Bericht über seine Reise nach Nordkorea, den er, wie üblich, mit vielen Details und Geschichten spickt. Ausgerechnet diesen Artikel liest der nordkoreanische Attaché in Berlin. Da man in Nordkorea immer genauestens darüber informiert ist, wer dieses Land bereist, stellt sich schnell heraus, dass ein Reisereporter namens W. "nicht, genauer gesagt, kein einziges Mal, mit anderen Worten, niemals je in Nordkorea gewesen ist".

Der pragmatische W. weiß, dass er verloren hat. Er setzt sich in ein Taxi, um seine Entlassungspapiere beim Chefredakteur abzuholen. Es gibt einen Auffahrunfall, W. wacht in einem Krankenhaus wieder auf. Nachdem er feststellt, dass er sich völlig unfreiwillig im Berliner Stadtteil Kreuzberg befindet, wobei er es als Ostberliner immer erfolgreich vermieden hat, die ehemalige Grenze zu Westberlin zu überschreiten, sieht er, dass sein altes Leben endgültig vorbei ist – er nennt es eine dahingegangene Epoche und zeiht ein kleines Fazit seiner Vergangenheit:

"Es war einmal ein nichtreisender Reisereporter, der jeden Ort, an dem er nicht war, außerordentlich schätzte und sich hütete, diese hohe Meinung von anderswo mit irgendeiner Realität zu konfrontieren. Denn die Realität, das wusste er jedenfalls, sah anders aus."

Neustart am anderen Ende der Welt

W. verlässt das Krankenhaus und taucht zunächst in einem Hostel unter, setzt es zusammen mit seinem besten Freund unter Wasser, weil beide zigarrenrauchend die Sprinkleranlage ausgelöst haben. Inmitten des Chaos freundet er sich mit der Empfangsdame Kim an, die am liebsten ganz weit weg von Berlin wäre - ganz im Gegensatz zu ihm.

Da W. nichts mehr zu verlieren hat ("Als Reisereporter bist du toter als tot", resümiert sein Freund) und sein Zuhause im ehemaligen Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg ebenfalls seine Reize verloren hat, beschließt er zu versuchen, was er zeit seines Lebens vermieden hatte. Er setzt sich in ein Flugzeug und fliegt davon: Ausgerechnet nach Shanghai, ans andere Ende der Welt. Dort begegnet er unter anderem einem Symbol seines früheren Daseins: Ein Fernsehbildschirm, auf dem ein flackerndes Kaminfeuer zu sehen ist - ein Feuer, das nicht brennt ist wie ein Reisereoprter, der nicht reist.

Satiriker und Autor

Rayk Wieland ist Jahrgang 1965, hat Elektriker gelernt und Philosophie studiert. Als Zeitungs-, Funk- und Fernsehredakteur ist er viel herumgereist und hat Reiseberichte verfasst. Unter anderem schreibt er für das Frankfurter Satiremagazin "Titanic". Wieland hat mit diesem höchst skurrilen und witzigen Buch die Fortsetzung seines Erstlings "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" vorgelegt. Obwohl es ein Sequel ist, merkt der Leser, der den Vorgänger nicht kennt, nichts davon. Er ahnt nur, dass da schon mal was gewesen sein muss, was nicht weiter stört.

Insgesamt ist dem Satiriker ein hinreißendes, 160 Seiten kurzes und kurzweiliges Buch gelungen, auch wenn die Dialoge manchmal ins Philosophische reichen. Doch das sei ihm und dem Leser gegönnt.

Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt, Verlag Antje Kunstmann, München 2012, 160 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-88897-748-0