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Deutschland

(K)ein Einheitsdenkmal für Leipzig

In Leipzig ist ein Denkmal für die Friedliche Revolution von 1989 geplant. Doch Einwohner und Politiker sind sich nicht einig, ob die Stadt eine solche Gedenkstätte überhaupt braucht und wie sie am Ende aussehen soll.

Der Wilhelm-Leuschner-Platz in der Leipziger Innenstadt ist momentan eine einzige Baustelle. Nichts weist auf das zukünftige Einheitsdenkmal hin, das hier künftig stehen soll. Vielmehr wird noch am umstrittenen Citytunnel gebaut, der unter dem Platz verlaufen wird. Ähnlich wie beim Streit um das Megabauprojekt gehen nun auch die Meinungen über das Denkmal für die friedliche Revolution 1989 auseinander. Tobias Hollitzer gehört zu den Befürwortern. Er ist Mitglied der Initiativgruppe "Friedliche Revolution" und fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, gerade in Leipzig ein solches Zeichen "quasi als Klammer für die Vielzahl von Erinnerung, sei es in Form von Museen, Gedenkstätten oder das Lichtfest" zu etablieren. Hollitzer ist sich auch sicher, dass ein Großteil der Leipziger Bevölkerung das Denkmal will.

Leipzig hat bereits ein kleines, dezentes Denkmal für die friedliche Revolution: Vor der Nikolaikirche, die im Herbst 1989 der Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen war, steht eine Säule, die aussieht wie die Pfeiler im Inneren der Kirche. Auch deshalb werden Zweifel laut, spricht man Passanten am Wilhelm-Leuschner-Platz auf das geplante neue Denkmal an. "Ich bin nicht dafür. Das Andenken an die Einheit ist durch die Säule am Nikolaikirchhof genug dokumentiert", sagt ein Mann. Gut findet er, dass es ein Internet-Forum gab, man sich dort über die Denkmalentwürfe informieren und an der Diskussion beteiligen konnte. Über 1000 Leipziger nutzten die Chance, viele taten ihren Unmut kund. "Wir verzichten gern auf das Steuergeschenk und wollen kein weiteres Denkmal", ist da zu lesen.

Kein Vorschlag wirklich beliebt

Entwurf 70.000 für das geplante Freiheits- und Enheitsdenkmal in Leipzig. (Foto: Stadt Leipzig)

Der Entwurf "70.000" für das geplante Enheitsdenkmal in Leipzig

Drei Vorschläge von ehemals 38 sind noch im Rennen, doch keine dieser von einer Jury ausgewählten Ideen konnte die User überzeugen. Die einen wollen den von den Juroren favorisierten Vorschlag "70.000"  - eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes mit 70.000 bunten Hockern - nicht, weil ihnen die knallbunten, verschiebbaren Plastikwürfel nicht seriös genug erscheinen. Über Idee Nr. 2 wollte erst gar keiner diskutieren. Die meisten interessiert, wenn überhaupt, Vorschlag Nr. 3 - eine begehbare Apfelbaumplantage. Der Tenor unter den Leipzigern lautet, dieser sogenannte "Herbstgarten" sei das kleinere Übel. Das sind keine guten Voraussetzungen für einen Gedenkort, doch die Verantwortlichen der Stadt Leipzig bleiben ruhig. "Wir sind eigentlich recht zufrieden, wie bisher alles gelaufen ist", sagt der parteilose Kulturbürgermeister Michael Faber, dessen Büro für die Umsetzung der Anlage zuständig ist. Man habe sich eben für ein umfangreiches Verfahren entschieden, dem verschiedene Dinge vorgeschaltet waren: eine Jugendwerkstatt, eine Expertenwerkstatt, eine Bürgerbefragung, dann kam es zur Auswahl der Jury. "Dass dann nach der Kürung der drei Preisträger noch einmal eine heftige Diskussion beginnen wird, war voraussehbar", meint Faber.

Demokratische Entscheidung

Doch nicht nur die Leipziger Bürger, auch die Politiker der Stadt diskutieren über Sinn und Form des geplanten Denkmals. Eröffnet werden soll es am 9. Oktober 2014, dem 25. Jahrestag der größten Leipziger Montagsdemonstration, die damals den entscheidenden Wendepunkt der friedlichen Revolution darstellte. Gehalten werden kann dieser Termin voraussichtlich nicht. Mittlerweile wären die Verantwortlichen der Stadt schon froh, wenn in zwei Jahren wenigstens der erste Spatenstich erfolgt. 6,5 Millionen Euro dürfen für die Anlage ausgegeben werden, fünf bezahlt der Bund, den Rest das Land Sachsen. "Neben den Kosten, die gegen so ein Denkmal sprechen, ist auch die Form für uns nicht so überzeugend. Wir hätten uns eher vorstellen können, dass eine Stiftung oder ein Preis für demokratisches Engagement in der Gegenwart ins Leben gerufen werden", sagt Stadträtin Juliane Nagel. Am liebsten würde ihre Linkspartei die Leipziger selbst entscheiden lassen. Doch bereits 2009 scheiterte im Stadtrat ein erster Antrag für einen Bürgerentscheid. Nun soll ein zweiter folgen.

Entwurf Herbstgarten für das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig. (Foto: Stadt Leipzig)

Der Entwurf "Herbstgarten" sieht eine begehbare Apfelbaumplantage auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz vor

Unverhoffte Schützenhilfe kommt da ausgerechnet von der CDU. Die will ebenfalls die Bürger befragen, möchte aber, im Gegensatz zur Linken, auch gern das Denkmal. Deshalb fordern die Christdemokraten, dass die Leipziger, parallel zur kommenden Oberbürgermeister-Wahl im Januar 2013, über die drei Entwürfe abstimmen sollen. Und das, obwohl Sabine Heymann, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Leipziger Stadtrat, von den aktuellen Vorschlägen gar nicht so recht überzeugt zu sein scheint. "Wir sind auf Gedeih und Verderb an die Jurorenmeinung gebunden, also können wir im Moment nur über die ersten drei Entwürfe diskutieren. Grundsätzlich käme dann der zum Zuge, der realisierbar ist", so die CDU-Frau.

Denkmal für Osteuropa

Demonstranten mit einem Transparent während der Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig

1989 gehen in Leipzig Tausende auf die Straße, um gegen die Zustände in der DDR zu demonstrieren

Die Bürger, die nun ihre Meinung äußern sollen, sind zum Teil jene Menschen, die wie Tobias Hollitzer im Herbst 1989 genau für diese Meinungsfreiheit demonstrierten. Er hofft, dass sich die Aufregung bald legt, denn ungeachtet der Bürgermeinung sieht er in diesem Einheitsdenkmal keine reine Leipziger Angelegenheit. "Leipzig ist mit der Bedeutung der Montagsdemonstrationen zum Symbolort für die gesamte damalige DDR geworden", so Hollitzer. Deswegen stehe es zwar hoffentlich bald in Leipzig, aber nicht nur für die sächsische Stadt des Aufbruchs, sondern als Verweis auf die Gesamtbedeutung der friedlichen Revolution in Osteuropa. Genau genommen müssten laut Hollitzer alle Bürger Deutschlands befragt werden. Das jedoch würde die Entscheidung, wie das Denkmal nun aussehen soll, wohl noch weiter verzögern. Eine Einweihung in zwei Jahren, zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution, wäre dann erst recht unrealistisch.