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Afrika

Kein "Angolanischer Frühling" zu erwarten

Am 31. August 2012 wird in Angola gewählt. Ein Sieg der regierenden Partei MPLA gilt als sicher. Doch immer mehr junge Menschen fordern den Sturz des Präsidenten dos Santos. Ihre Inspiration: der Arabische Frühling.

Anhänger der angolanischen Regierungspartei MPLA (Foto: Quintiliano dos Santos)

Anhänger der angolanischen Regierungspartei MPLA

Sanfte Gitarrenklänge, rhythmische Beats, dazu Sprechgesang. So klingt der politische Widerstand im westafrikanischen Angola. Der Rapper Carbono Casimiro legt mit seinen Texten den Finger in die Wunde: Sein Land Angola, einer der rohstoffreichsten Staaten der Welt, biete der Jugend keine Perspektive. Stattdessen: Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption und Unterdrückung.

"Wir sind alle Opfer einer katastrophalen Regierungsführung und deshalb belasse ich es nicht bei meiner Musik, sondern gehe zusammen mit anderen jungen Leuten auf die Straße und demonstriere gegen die Regierung", sagt der 30-Jährige. Er ist einer von vielen Künstlern, Studenten und Bürgerrechtlern, die seit vergangenem Jahr Proteste gegen das Regime von Präsident José Eduardo dos Santos organisieren. Ihr Vorbild: Der Arabische Frühling. Doch von einem Massenaufstand wie in Nordafrika kann in Angola bislang keine Rede sein.

Hoffnung auf einen Wechsel

Demonstration in Benguela, Angola (Foto: Nelson Sul/DW)

Wütende Jugend: Proteste in der Stadt Benguela in Süd-Angola

Zwar weiß die Protestbewegung die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite - gerade in den Armenvierteln der Hauptstadt Luanda. Doch auf die Straße trauen sich nur einige hundert besonders Mutige. Zu groß ist die Angst vor Repressalien seitens der Staatsmacht, denn der Polizei-, Militär- und Geheimdienstapparat von "Zedu" - so wird Angolas Präsident dos Santos im Volksmund genannt - ist gefürchtet. Wenn die Tunesier Ben Ali, die Ägypter Hosni Mubarak und die Libyer Muammar Gaddafi aus dem Amt jagen konnten, warum sollten die Angolaner das nicht auch mit dos Santos schaffen? - fragt sich ein Teil der Jugend.

Die Anführer des "Angolanischen Frühlings" sind gut ausgebildet. Sie kommunizieren über Mobiltelefone und nutzen soziale Netzwerke im Internet. Hier verkünden sie "eine neue Revolution des Angolanischen Volkes gegen 32 Jahre Tyrannei und schlechte Regierungsführung". Und sie organisieren immer wieder neue Demonstrationen gegen Staatschef dos Santos, der das Amt von seinem Vorgänger Agostinho Neto 1979 übernommen hat. "Angolas Jugend ist gegen Korruption" oder "Präsident Zedu raus - Nieder mit der Diktatur", lauten die Protest-Losungen.

Repression und Regime-Propaganda

Präsident von Angola José Eduardo dos Santos eröffnet den Wahlkampf 2012 (Foto: Quintiliano dos Santos)

Seit 32 Jahren Präsident: José Eduardo dos Santos

Angolas Polizei, Militär und Geheimdienste reagieren nervös. Phasen, in denen versucht wird, die Führer der Demonstranten mit Geld oder Autos zu bestechen, wechseln sich ab mit Drohungen, Gewalt und Anschlägen gegen bekannte Angehörige der Protestbewegung. Eine ominöse, angeblich von Regierungskreisen bezahlte Schlägertruppe sorgt am Rande der Demonstrationen bei Jugendlichen und unabhängigen Journalisten für Angst und Schrecken. Und wenn alles nichts hilft, geht die Staatsmacht zu Verhaftungen über.

Trotz aller Einschüchterungsversuche: Libertador, wie sich einer der Anführer der Protestbewegung nennt, ist entschlossen nicht aufzugeben - gerade jetzt nicht, im Wahljahr: "Wir haben hier - seit fast 33 Jahren - einen Tyrannen an der Macht, der niemals gewählt wurde. Wir werden niemals aufhören, für eine echte Demokratie in unserem Land  zu kämpfen", sagt er.

Dürsten nach Veränderung

Luaty Beirão (Foto: Luaty Beirão)

Rapper gegen das Regime: Luaty Beirão

Von einer echten Demokratie ist Angola noch weit entfernt, weil es keine Chancengleichheit für die Oppositionsparteien gibt - das wissen die Anführer der Protestbewegung. Rapper Luaty Beirão zum Beispiel, in Hiphop-Kreisen besser bekannt als "Ikonoklasta" oder "Brigadeiro Matafrakus". "Ich möchte, dass die MPLA vom Thron gefegt wird. Ich und meine Altersgenossen haben leider noch keine andere Partei an der Macht erlebt", sagt er.

Luaty Beirão ist der Spross einer systemtreuen Familie, sein Vater João Beirão war viele Jahre lang Chef der staatstragenden dos Santos-Stiftung. Der Sohn aber lässt an der angolanischen Elite kein gutes Haar. "Wir haben die Schnauze voll von der MPLA und dürsten nach Veränderung. Sie haben in unserem Land ein dreckiges, korruptes System voller Laster installiert", kritisiert er. Deshalb werde er bei den Wahlen am 31. August gegen die MPLA stimmen.

Macht der Regierung bröckelt

Anhänger der angolanischen Regierungspartei MPLA in Luanda (Foto: Quintiliano dos Santos)

Breite Unterstützung? Aufmarsch von MPLA-Anhängern in Luanda

Der Rapper Carbono Casimiro hat vor kurzem einen neuen Song im Internet veröffentlicht. "Sie schlagen und verhaften uns – nur weil wir Brot, ärztliche Versorgung und Ausbildung einfordern", textet er darin. Den Track hat er ironisch "Bom cidadão" genannt, also "Guter Staatsbürger". Repressionen hat der junge Mann selbst mehrfach am eigenen Leib erlebt. Nach der Teilnahme an einer angemeldeten Demonstration gegen Präsident dos Santos saß er für mehrere Wochen im Gefängnis und einem gegen ihn gerichteten Anschlag ist er nur knapp entkommen.

Dennoch: Die Bewegung für Freiheit und Demokratie in Angola bahnt sich ihren Weg. Optimistische Beobachter meinen: Der Angolanische Frühling wird allmählich dafür sorgen, dass die Macht der MPLA und ihrer Anführer bröckelt. Selbst dann, wenn die MPLA die Wahlen am 31. August 2012 - wie erwartet - gewinnt.

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