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Global Ideas

“Kein anderes Gebäude mit so hohem Nachhaltigkeitsstandard”

Die New Yorker UN-Zentrale wird saniert und auf Energieeffizienz getrimmt. Unnötige Klimatisierung, undichte Fenster und Stromvergeudung gehören damit der Vergangenheit an, verspricht Architekt Michael Adlerstein.

Foto von Michael Adlerstein im grauen Anzug bei seiner Einführung als Executive Director des Capital Master Plan im UN-Hauptquartier in New York am 27 Juli 2007 (ddp images/AP Photo/Osamu Honda)

Architekt Michael Adlerstein soll das UN-Hauptquartier abdichten und zum Energiespar-Vorreiter machen

50 Designer machten sich kurz nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945 an Entwürfe für das neue Hauptquartier in New York. 1947 begannen die Bauarbeiten nach Entwürfen des Architekten Le Corbusier. Fünf Jahre und 65 Millionen Dollar später wurde das 39 Stockwerke hohe Hochhaus am East River fertig. Ökologische Gesichtspunkte standen damals noch nicht im Fokus der Bauherren.

60 Jahre später, im Jahr 2007, begannen die Renovierungsarbeiten für das UN-Hauptquartier. Anforderungen an Nachhaltigkeit, Denkmalpflege und Sicherheit für die Mitarbeiter sollen miteinander verknüpft werden. Die Weltgemeinschaft hat dafür zwei Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Nach fünf Jahren ist der Umbau fast vollzogen, die ersten Mitarbeiter sollen im August wieder umziehen können. Global Ideas sprach mit Michael Adlerstein, Beigeordneter Generalsekretär der Vereinten Nationen für diesen sogenannten "Capital Master Plan".

Foto von Michael Adlerstein im grauen Anzug bei seiner Einführung als Executive Director des Capital Master Plan im UN-Hauptquartier in New York am 27 Juli 2007 (ddp images/AP Photo/Osamu Honda)

Architekt Michael Adlerstein soll das UN-Hauptquartier abdichten und zum Energiespar-Vorreiter machen

Global Ideas: Herr Adlerstein, nach der Renovierung des UN-Hauptgebäudes können die Mitarbeiter die Fenster nicht mehr öffnen. Wäre es nicht energiesparender, statt Klima-Anlagen einzuschalten die kühle Luft vom East River hineinzulassen?

Michael Adlerstein: Dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden können, hat nichts mit Energieeinsparung zu tun, sondern ist eine Sicherheitsmaßnahme. Das neue Fensterglas ist ähnlich wie bei Autoscheiben Verbundglas mit mehreren Beschichtungen [in fixierten Rahmen] und hält dadurch Explosionen lange stand. Die Mitarbeiter wissen zwar, was auf sie zukommt, aber erst im Alltag werden sie merken, was es tatsächlich bedeutet, und sie werden vermutlich sehr traurig darüber sein.

Gegen Energieverschwender ist das allerdings eine gute Maßnahme. Mitarbeiter öffnen immer wieder ihre Bürofenster und gehen dann nach Hause. Ingenieure bevorzugen deshalb versiegelte Gebäude. Aber wenn man disziplinierte, organisierte Mitarbeiter hat, die die Fenster nur an Frühlingstagen öffnen, wenn die Temperatur draußen moderat ist, dann braucht man so etwas nicht. Die meisten Menschen sind aber nicht diszipliniert.

Ähnlich undiszipliniert gehen viele Menschen mit elektrischem Licht um.

Genau. Das Licht ist nach der Renovierung an Bewegungsmelder gebunden und orientiert sich am Sonnenstand. Unser Gebäude ist nach Osten und Westen ausgerichtet. Wenn die Morgensonne hinein scheint, dimmt sich das Licht auf der Ostseite automatisch herunter. Das Gleiche gilt für den Westen am Nachmittag. Und wenn sich in einem Büro zehn Minuten lang niemand bewegt, dann schaltet sich das Licht automatisch aus.

Was ist, wenn die Delegierten bewegungslos in einen Text vertieft sind, den sie gerade lesen? Dann sitzen sie nach kurzer Zeit im Dunkeln?

Foto der UN-Vollversammlung im Plenarsaal des UN-Gebäudes: UN-Generalsekretär Ban Ki-moon spricht über die Situation in Syrien im Juni 2012. (AP Photo/Mary Altaffer)

Heruntergeregelte Klimaanlagen: Wird bei der UN demnächst noch heißer diskutiert?

Das stimmt, aber dann schwenken sie kurz den Arm, und das Licht geht wieder an. Das erinnert uns daran, dass wir in einem energiebewussten Arbeitsumfeld sitzen. Für die UN ist das sehr wichtig. Eine der wichtigsten Initiativen von Generalsekretär Ban Ki-Moon ist es, uns die Dringlichkeit von Energieeinsparung vor Augen zu halten – vor Augen der ganzen Welt.

Dank Ban Ki-Moon reden wir in der UN nicht nur über Energieeinsparung, sondern praktizieren sie auch selbst. Jetzt sind wir zum Beispiel gerade mitten im Cool-UN-Programm: Die Temperatur in den UN-Gebäuden ist im Sommer zwei Grad wärmer als bisher – nämlich 24 Grad Celsius. Im Winter werden es statt etwas über 22 Grad Celsius nur 20,5 Grad Celsius sein. Wir versuchen wirklich, gute Bürger zu sein.

Wie reagieren die Mitarbeiter darauf?

Als es Ende Mai ein paar Tage lang sehr heiß war, haben sich viele Delegierte und Mitarbeiter beschwert, es sei zu warm in den Gebäuden.

Können die Beschwerden etwas ausrichten?

Nein. Wenn wir 24 Grad haben, bleibt es dabei. Sollte die Temperatur falsch eingestellt sein, korrigieren wir das natürlich.

Was macht den ökologischen Umbau besonders bedeutsam?

Es gibt immer zwei Möglichkeiten, ein Gebäude ökologisch zu restaurieren: Erstens den Energiekonsum zu reduzieren - zweitens die Hülle zu verbessern und damit das Gebäude besser zu dämmen.

Die UN-Gebäude in New York waren bisher nicht ausreichend gedämmt, dadurch haben die UN eine gewaltige Menge an Energie verschwendet. Die Gebäude haben alle einen großen Glasanteil – Glas aus dem Jahr 1952: dünn, einwandig, schlecht abgedichtet und die Rahmen porös.

Wir haben die Fassade ganz neu errichtet und dadurch die Dämmung stark verbessert. Das heißt, wir lassen im Sommer weniger gekühlte Luft der Klimaanlagen und im Winter weniger Heizungsluft hinaus. Damit sparen wir einen Großteil der Energie.

Wie sieht es mit der Energieproduktion aus? Die Pläne sahen anfangs Photovoltaik an der Glasfront vor und Windräder vor dem Gebäude der Generalversammlung.

Foto der New Yorker Skyline mit dem One World Trade Center und dem Four World Trade Center in Manhattan (Foto:Mel Evans/AP/dapd)

Das renovierte, energieeffiziente UN-Gebäude soll zum Vorbild für andere Hochhäuser werden

Das war nicht machbar. Weil das Hochhaus nach Westen und Osten ausgerichtet ist, wären die Solar-Paneele jeweils die Hälfte des Tages im Dunkeln gewesen. Wir hätten das besser lösen können, indem wir die Paneele gen Himmel ausgerichtet hätten – aber das hätte dem Gebäude ein vollkommen anderes Aussehen gegeben, was sich nicht mit der Denkmalpflege vertragen hätte.

Wir haben uns auch gegen Windräder zu Demonstrationszwecken entschieden, weil hier nicht genug Wind weht. Es ist ziemlich peinlich, ein Windrad zu haben, das sich nie dreht. Wenn man ein Demonstrationsprojekt plant, ist es wichtig, dass es kein Misserfolg wird.

Die UN sind als Konferenzzentrum ein sehr großer Energiekonsument. Selbst mit Photovoltaik und Windkraft hätten wir nicht einmal ein Prozent der Energie erzeugen können, die wir verbrauchen.

Ist die energetische Sanierung Vorbild für andere Institutionen und die UN-Mitgliedstaaten?

Absolut. Es ist eine der wenigen Komplett-Renovierungen, die den US-Gold-Standard erreichen. Wir haben sehr hohe Anforderungen an Nachhaltigkeit und Denkmalschutz. Das Gebäude wird nach der Renovierung genauso aussehen wie 1952, als es gebaut wurde!

Ich glaube nicht, dass es ein anderes Gebäude dieser Größe auf der Welt gibt, das komplett saniert wurde, einem so hohen Nachhaltigkeitsstandard entspricht - und dabei noch dem Denkmalschutz Rechnung getragen hat.

Das Gespräch führte Johanna Treblin

Redaktion: Ranty Islam