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Wirtschaft

"Keep calm and carry on"

Mit dem britischen Motto aus dem 2.Weltkrieg beschreiben Beobachter in Deutschland die Haltung in Berlin und Frankfurt zur Brexit-Frage. Politiker halten sich auffallend zurück - Ökonomen äußern deutlich Sorge.

In der deutschen Regierung verhehlt niemand, dass man die Briten unbedingt in der EU halten will und einen Austritt Großbritanniens für ein gewaltiges Risiko hält - nur sagt es kaum einer der Minister laut. Es gilt eine Art selbst auferlegten Schweigegelübde. Schnell könnten Äußerungen aus Berlin auf der Insel falsch verstanden werden.

Nur der deutsche Finanzminister bleibt nicht ganz so stumm. Im März - in London - sagte er unumwunden auf die Frage nach der deutschen Reaktion auf einen Brexit: "Wir würden weinen." Inzwischen ändert sich auch bei Wolfgang Schäuble die Tonlage. "Ein Brexit wäre hart für jedermann - vor allem aber für Großbritannien", so Schäuble letzte Woche - um gleich hinzuzufügen: "Drin heißt drin und raus heißt raus." Soll heißen: Ein Votum für den Ausstieg könne nicht hinterher durch Nachverhandlungen mit der EU wieder rückgängig gemacht werden.

Finanzminister Schäuble zeigt mit dem Finger

"... raus heißt raus" - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

"Schock an den Finanzmärkten“

Deutlicher wird einer der Berater des deutschen Finanzministers: Von einem drohenden "Schock an den Finanzmärkten“ spricht der Ökonom Jörg Rocholl, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. "Die Kursverluste der vergangenen Tage dürften nur ein Vorgeschmack sein auf die im Falle eines Brexit drohenden Konsequenzen“, so Rocholl diese Woche in Berlin. Er rechne bei einem Brexit mit einem Eingreifen der Zentralbanken, um den Turbulenzen an den Finanzmärkten zu begegnen. Ob London weiter als europäische Finanzhauptstadt fortbestehen könnte, stehe dann infrage.

Sorgen äußert auch der Chef der deutschen Bankenaufsicht Bafin, Felix Hufeld. Sollten die Briten die EU verlassen, werde das vor allem für die Großbanken zum Problem. Jeder wünsche sich aber, dass sich die Briten für die EU entschieden, so Hufeld. "Ich auch."

Keine Lehman-Krise

Zurückhaltender, was die Gefahren eines Brexit betrifft, geben sich Vertreter der Bundesbank und der sogenannten Wirtschaftsweisen, des deutschen Sachverständigenrates zur Begutachtung der Wirtschaftslage. Deren Chef Christoph Schmidt sagte jetzt, eine Wiederholung der Lehman-Krise werde es nicht geben. "Man sollte bei aller Sorge den kühlen Kopf nicht verlieren“, so Schmidt. Der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers hatte vor acht Jahren die weltweite Finanzkrise entscheidend befeuert. Aber auch Schmidt warnt: "Für die Realwirtschaft würde ein Brexit kurz- und mittelfristig voraussichtlich erhebliche Wachstumseinbußen für Großbritannien nach sich ziehen." Schmidt leitet das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung.

Großbritannien Brexit

Wahlkampf in London

Negative Folgen vor allem für Großbritannien befürchtet auch Andreas Dombret vom Vorstand der Deutschen Bundesbank. Allerdings dürften sich die Konsequenzen eines solchen Austritts auch in der restlichen EU bemerkbar machen, sagte Dombret vorsichtig am Mittwoch. Er stimme mit der Ansicht des Internationalen Währungsfonds IWF überein, dass ein EU-Ausstieg zu einer längeren Phase erhöhter Verunsicherung und stärkeren Schwankungen an den Finanzmärkten führen dürfte.

Der drittgrößte Kunde

In schärferen Worten schildert Martin Wansleben seine Sicht der drohenden Gefahren. Ein Brexit würde die Engländer ärmer machen, so der Sprecher des Deutschen Industrie- und Handelskammertag DIHK. "Wenn aber die Engländer die drittgrößten Kunden der Welt für uns sind und sie werden ärmer, dann haben wir auch größere Probleme." Der DIHK vertritt als Dachverband zahlreiche deutsche Industrie- und Handelsfirmen auch im Ausland.

Großbritannien ist für deutsche Unternehmen ein sehr wichtiger Markt: Exporte im Wert von 89,3 Milliarden Euro gingen aus Deutschland im vergangenen Jahr dorthin. Über 2.500 deutsche Firmen sind auf der Insel aktiv und beschäftigen rund 400.000 Mitarbeiter. "Die Unruhe in der deutschen Wirtschaft ist dementsprechend hoch", heißt es denn auch beim DIHK. "Viele sind besorgt."

ar/zdh (dpa, rtr, afp)

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