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Nahost

Kaum Zweifel an Chemiewaffen-Einsatz in Syrien

Fotos, Videos und Augenzeugenberichte aus dem Osten von Damaskus lassen den Verdacht fast zur Gewissheit werden: In Syrien sind höchstwahrscheinlich international geächtete Chemiewaffen eingesetzt worden.

Auf der Liste der gefährlichsten chemischen Kampfstoffe steht Sarin weit oben. Bereits ein Milligramm des Nervengifts ist für Menschen in 50 Prozent der Fälle tödlich. Der geruchlose Kampfstoff dringt über Atmung, Augen oder Haut in den Körper ein und löst in tödlicher Dosis unter anderem Angstzustände, Erbrechen und Krämpfe aus - das Opfer stirbt nach wenigen Minuten qualvoll, da die Atmung aussetzt.

Vergleichbare Symptome wurden in Syrien vergangenen Mittwoch nach einem Angriff östlich der Hauptstadt Damaskus beobachtet. Laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wurden in mindestens drei Krankenhäusern Tausende Menschen mit Vergiftungserscheinungen behandelt - mehr als 350 Patienten starben. In einigen Berichten ist von mehr als 1000 Toten die Rede.

"Medizinisches Personal, das in diesen Einrichtungen arbeitet, berichtete detailliert über Symptome wie Krämpfe, extremen Speichelfluss, stecknadelkopfgroße Pupillen, Sehstörungen und Luftnot", sagte Bart Janssens von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation könne die Angaben zwar nicht selber überprüfen, so Janssens weiter, aber die Beschreibungen, die große Zahl der Patienten innerhalb kurzer Zeit sowie die Kontamination von Ersthelfern und medizinischem Personal deuteten auf den massenhaften Einsatz von Nervengift hin.

Pressekonferenz von US-Außenminister John Kerry und seinem britischen Amtskollegen William Hague (Foto: AP /Jacquelyn Martin)

US-Außenminister Kerry (r.) und sein britischer Amtskollege Hague beschuldigen das syrische Regime.

Noch steht nicht fest, ob es tatsächlich Sarin war, das östlich von Damaskus Hunderte Menschen tötete. Es gibt aber seit Monaten Berichte über den Einsatz von Sarin im syrischen Bürgerkrieg. Jedoch ist der Angriff in der vergangenen Woche in seinem Ausmaß einzigartig. Bislang gingen die US-Regierung und andere westliche Staaten davon aus, dass bei mehreren Angriffen bislang etwa 150 Menschen durch Nervengifte in Syrien getötet wurden. Auch die Türkei, Frankreich und Großbritannien haben die Verwendung der international verbotenen Chemiewaffen angeprangert. Die UN vermuteten ebenfalls in einem Bericht zur Lage in Syrien, dass unter Missachtung von internationalem Recht chemische Kampfstoffe verwendet wurden.

Bislang keine unabhängige Untersuchung

Symbolfoto Giftgas (Foto tiero)

Chemiewaffen sind international geächtet.

Was bislang jedoch ausblieb, ist eine Untersuchung direkt an den mutmaßlichen Einsatzorten. Denn bis vor kurzem waren keine UN-Inspektoren in Syrien, um die Vorwürfe zu untersuchen. Das hat sich nun geändert: Die Experten sind im Land und nehmen Proben im Osten von Damaskus.

Im Vergleich zu anderen chemischen Kampfstoffen ist Sarin nicht sehr beständig - es zersetzt sich relativ schnell. Im syrischen Klima wirkt es etwa ein bis zwei Stunden tödlich. Danach ist es zwar auch weiterhin gefährlich, verliert mit der Zeit aber immer mehr an Wirkung.

Auf die Spur des Kampfstoffes gelangten Wissenschaftler in den 1930er Jahren, als sie an Insektenvernichtungsmitteln forschten. Sarin ähnelt Pestiziden wie etwa E 605. "Im Jahre 1938 hat das Heeresamt in Deutschland entdeckt, dass man dieses Insektizid auch als Kampfmittel einsetzen kann. Das ist alles eine Frage der Konzentration", sagt Klaus Koehler. Er hat mit seiner Firma nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dabei geholfen, die dort gelagerten Chemiewaffen zu vernichten.

Eine mögliche Spur führt nach Russland

Dass die syrische Regierung über Chemiewaffen verfügt, ist unstrittig. Etwa 1000 Tonnen soll das Assad-Regime gehortet haben. "Chemiewaffen herstellen kann im Grunde jeder, der über normale Chemieanlagen verfügt", sagt Koehler. Die Kampfstoffe könnten zunächst aber auch gekauft worden sein. Vor 20 Jahren wurde international die Vernichtung von Chemiewaffen beschlossen. "Manchmal hat man sich dann, weil die Entsorgung sehr teuer ist, der Waffen entledigt, indem man sie verkauft hat", berichtet Koehler.

Entsprechende Vermutungen gibt es schon lange. Im Jahr 1995 beschuldigte der russische Inlandsgeheimdienst FSB einen ehemaligen Chemiewaffen-General der Roten Armee, chemische Stoffe aus Militärdepots nach Syrien verkauft zu haben. Anatoly Kuntsevich bestritt die Vorwürfe und erklärte, er habe lediglich Pestizide geliefert. Kuntsevich starb 2002.

Bis heute ist in der Öffentlichkeit unklar, wie genau Syrien sein Chemiewaffenarsenal aufgebaut hat. "Wir wissen aber, dass das Chemiewaffenpotenzial in Syrien um ein Vielfaches höher ist als das Potenzial in Libyen je war", sagt der Abrüstungsbeauftragte der Bundesregierung, Rolf Nikel. Libyen besaß nach Angaben der Organisation zum Verbot chemischer Waffen etwa 25 Tonnen Senfgas.

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