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Wirtschaft

Kaum Konzernzentralen in Ostdeutschland

Nationale wie internationale Konzerne machen bei ihren deutschen Engagements meist einen Bogen um den Osten des Landes. Experten sehen darin einen Anlass zur Sorge.

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Zu selten kommen Top-Manager wie Bart Groot (r.) von Dow Chemical in den Osten

Alexander von Witzleben ist unter den Spitzenmanagern großer Industrieunternehmen mit Sitz in Ostdeutschland ein Sonderfall: Er darf allein entscheiden. Der 40-Jährige leitet mit der Jenoptik AG (Jena) einen der wenigen eigenständigen Industriekonzerne in den neuen Ländern. Entscheidungen über die Zukunft des börsennotierten Unternehmens mit 10.000 Beschäftigten werden in Jena gefällt. Und nach Jena melden die Geschäftsbereiche ihren Umsatz, der sich 2003 auf zwei Milliarden Euro summieren soll.

Abhängige Töchter

Laserdioden Jenoptik, Mitarbeiter

Marko Voigt von Jenoptik präsentiert Laserdioden

Bei vielen von Witzlebens Kollegen, deren Firmen ebenfalls zu den umsatzstärksten im Osten zählen, ist das anders. Unter den Schwergewichten mit einem Jahresumsatz oberhalb der Marke von einer halben Milliarde Euro dominieren nämlich die Töchter in- und ausländischer Konzerne. Dazu gehören die Volkswagen Sachsen GmbH (Zwickau/Sachsen), die Total Raffinerie Mitteldeutschland GmbH (Spergau/Sachsen-Anhalt), die Opel Eisenach GmbH (Thüringen) oder auch BASF Schwarzheide (Brandenburg). Diese Unternehmen sind alle abhängig von Entscheidungen, die Konzern-Zentralen in anderen Teilen Deutschlands oder der Welt fällen.

Wirtschaftsforscher sehen diese Entwicklung mit einiger Sorge. "Das Fehlen von Großbetrieben und Konzernzentralen ist eine eklatante Schwäche des Produktionsstandorts Ostdeutschland", sagt Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Schließlich geht von den Großen wirtschaftlich eine Sogwirkung aus. Das weiß auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Gillo (CDU). "Die Großen haben die Kleinen hergelockt." Paradebeispiel ist die Autoindustrie mit ihren Milliardeninvestitionen. Im Schlepptau von VW, Opel oder des im Bau befindlichen BMW-Werks in Leipzig siedeln sich reihenweise Zulieferer an.

Weiteres Defizit: Zu wenig Top-Unternehmen

Streik in Ostdeutschland

Streik in Ostdeutschland

Experten sehen noch ein weiteres Defizit durch die noch immer zu kleine Zahl an Top-Unternehmen. Für anspruchsvolle, industrienahe Dienstleistungen, die in der Regel von Konzernzentralen nachgefragt werden, gibt es in den neuen Ländern wenig Bedarf. Forschung und Entwicklung oder Marketing seien Bereiche, die auch bei Aussicht auf Förderung nur ungern verlagert würden, sagt Karl Brenke, der sich beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW/Berlin) mit den neuen Ländern befasst. "Das heißt, hoch bezahlte Jobs gibt es vergleichsweise wenige im Osten." Für ihn ist das ein strukturelles Problem und ein Grund für die geringere Produktivität in den neuen Ländern.

Außer Versorgungsunternehmen, die etwa ein Fünftel der Firmen unter den "Top 100" ausmachen und mit der Vattenfall Europe AG (Berlin) den Umsatzprimus stellen, finden sich nur wenige eigenständige Konzerne wie die PC-Ware AG (Leipzig), die Rotkäppchen-Mumm Sektkellerei (Freyburg) oder die Lintec AG (Taucha) in der Oberliga. "Es fehlt das Skelett, das alles hält", so der Befund des IWH-Konjunkturexperten Ludwig.

Wichtiger Mittelstand

Auch nach seinen Untersuchungen ist die Zahl der Industriefirmen mit mindestens 1000 Beschäftigten zwischen Ostseeküste und Thüringer Wald eine eher seltene Species. Ludwig zählt 31, im Westen kommt er auf 736. In den neuen Ländern sind die größeren Firmen Arbeitgeber für nur 13 Prozent der Industriebeschäftigten, in den alten Ländern für immerhin 41 Prozent.

Dennoch: In Sachen Ost-Industrie sind die Experten verhalten optimistisch. Während die Bauwirtschaft kriselt und sich einige Dienstleistungssparten nur langsam entwickeln, gilt die Industrie seit Jahren als Konjunkturstütze. Selbst in der Wirtschaftsflaute erweisen sich die zumeist kleinen und mittelständischen Betriebe als relativ robust. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres legte der Industrieumsatz um 5,7 Prozent auf 44,6 Milliarden Euro zu (bundesweit plus 0,8 Prozent), wie aus Statistiken der Landesämter hervorgeht. Im Gegensatz zum Bundestrend mit 2,5 Prozent weniger Beschäftigten wurden im Osten keine Arbeitsplätze gestrichen.

Die Experten sind sich einig: die Liste der Umsatzspitzenreiter in den neuen Ländern wird sich nicht schnell gravierend ändern. Großansiedlungen, auf die viele ostdeutsche Landespolitiker hoffen, gelten als Glücksfall. "Man muss darauf setzen, dass der Mittelstand wächst", sagt DIW-Experte Brenke. "Bisher hat er das ganz gut geschafft."

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