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Politik & Gesellschaft

Kaum Islamunterricht an deutschen Schulen

Ein neues Schulgesetz soll in Nordrhein-Westfalen ermöglichen, dass deutschsprachiger religiöser Islamunterricht zum Regelfach wird. Bislang gibt es nur einige Versuche mit Islamkunde in Deutschland. Warum eigentlich?

Muslimische Kinder im islamischen Religionsunterricht - noch immer eine Seltenheit (Foto: dpa)

Muslimische Kinder im islamischen Religionsunterricht - noch immer eine Seltenheit

Das Kamel ist am Rande der Wüste an einen Pfahl gebunden und steht schreiend in der Sonne. Ein Mann mit Turban auf dem Kopf und mit Kaftan bekleidet, eilt zu ihm, um es zu beruhigen. Danach sucht der Mann im Teegarten den Besitzer des Kamels, damit der es in den Schatten führt und ihm Wasser gibt.

Cover des Buches 'Mein Islambuch' (Foto: Verlag Oldenbourg)

Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht sind noch selten

In einem Schulbuch wird die Geschichte des Propheten Mohammed und des weinenden Kamels als Comic erzählt. "Mein Islambuch" für die erste und zweite Schulklasse ist eines der wenigen Schulbücher, das für den religiösen Islamunterricht bisher angeboten wird. Derzeit wird noch beraten, ob das Lehrwerk auch in Baden-Württemberg zum Einsatz kommt. Das Bundesland ist eines von sechs in Deutschland, in denen - zumeist in Schulversuchen - seit einigen Jahren deutschsprachiger Islamunterricht erteilt wird. 1999 war Nordrhein-Westfalen der Vorreiter. Bildung und damit auch Schulunterricht sind in Deutschland Sache der Bundesländer.

Kein Regelunterricht an deutschen Schulen

Bis zu 900.000 Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens soll es insgesamt laut Schätzungen in Deutschland geben. Doch in den Schulversuchen können nicht einmal fünf Prozent davon am Islamunterricht teilnehmen, meinen Experten. Dabei gibt es sogar einen Anspruch auf Religionsunterricht in der Schule, der in Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes verankert ist. Woran liegt es dann, dass Religionsunterricht für Muslime in den Schulen längst nicht überall angeboten wird?

Fachmann für islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen: Michael Kiefer (Foto: privat)

Fachmann für islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen: Michael Kiefer

Es fehlt der verbindliche religiöse Ansprechpartner auf Seiten der Muslime, der als so genannte Religionsgemeinschaft anerkannt sein muss. Der Hauptgrund, warum diese Anerkennung einer muslimischen Religionsgemeinschaft bislang nicht erfolgt ist, liegt laut Islamwissenschaftler Michael Kiefer darin, dass die rechtlichen Voraussetzungen dafür sehr hoch sind. "Solch eine Religionsgemeinschaft muss schon eine gewisse Zeit bestanden haben und auf Dauer angelegt sein, damit man sie anerkennen kann." Zudem müsse sie als Mitglieder Menschen haben, nicht nur Organisationen, und die Mehrheit der Gläubigen vertreten. Ist eine Religionsgemeinschaft erstmal anerkannt, hat sie großen Einfluss auf die Gestaltung des Religionsunterrichts und die Auswahl der Lehrer.

"Man ist nicht Mitglied einer Moschee"

Allerdings gehörten, so Kiefer, Muslime in der Regel keinem religiösen Verein wie beispielsweise dem Moscheeverein ihrer Nachbarschaft an: "Schlicht und ergreifend aus dem Grunde, weil man als Moslem normalerweise nicht Mitglied einer Moschee ist. Sondern man geht da allenfalls hin." Mehr als die Hälfte der Muslime in Deutschland sollen laut Schätzungen nicht organisiert sein.

Betende Moslems in einer Moschee in Essen (Foto: dpa)

Moslems müssen keiner Moschee angehören

Es gibt zwar mehrere muslimische Vereinigungen in Deutschland wie den Zentralrat der Muslime oder den Islamrat. Doch stellen sie nicht die Mehrheit der Muslime dar, sind unterschiedlich gut organisiert und vertreten verschiedene Glaubensrichtungen innerhalb des Islam.

Bislang haben die Bundesländer Zwischenlösungen gefunden, bei denen Vereine vor Ort oder die Eltern der Kinder als muslimische Ansprechpartner für die Lehrinhalte zumindest beteiligt sind. Doch von Dauer können die nicht sein.

Organisierte und nicht organisierte Muslime in einem Beirat

In Nordrhein-Westfalen hofft man nun auf die so genannte Beiratslösung, auf die sich die Schulministerin mit dem Koordinierungsrat der Muslime - dem Dachverband mehrerer muslimischer Vereinigungen - geeinigt hat. In dem Beirat sollen sowohl Vertreter der Verbände als auch der nicht organisierten Muslime sitzen. Wenn voraussichtlich im September das Schulgesetz geändert wird, können anschließend die Mitglieder des Beirates benannt und Lehrkräfte ausgewählt werden.

Eine Lehrerin schreibt während des Islamunterrichts an die Schultafel (Foto: dpa)

Noch gibt es wenig Anreiz für Lehrer, sich für religiösen Islamunterricht ausbilden zu lassen

Doch Kiefer sieht dabei noch einige Probleme: "Ein großes Reizthema ist die Lehrerlaubnis. Hier ist noch ganz unklar, welche Voraussetzungen die Fachlehrkräfte erfüllen müssen: Was ist ein gläubiger, guter Moslem, der unterrichten darf? An dieser Frage können sich die Geister schon mal scheiden." Auch Niedersachsen hofft auf die Beiratslösung auf Landesebene. Baden-Württemberg halte vorerst an der Zwischenlösung mit beteiligten Eltern fest, bis sich die muslimische Seite organisiert habe, sagt Barbara Lichtenthäler, Expertin für Islamunterricht am baden-württembergischen Bildungsministerium.

Mangelware Islamlehrer

Da deutschsprachiger Unterricht über den Islam noch kein reguläres Schulfach ist, sind Lehrer Mangelware. Bundesweit sind es insgesamt maximal 200 Islamlehrer, schätzt Kiefer. Sie sind entweder bereits ausgebildete Lehrer, die eine Fortbildung für Islamkunde besucht haben und dieses Fach an ihrer Schule nun zusätzlich geben. Oder die Lehrenden sind Islamwissenschaftler ohne ordentliche Lehrerausbildung und Quereinsteiger an den Schulen.

Beim Modellversuch in Baden-Württemberg plane man die Ausweitung des Islamunterrichts so, dass kein Mangel entsteht, sagt Lichtenthäler, Referatsleiterin am Bildungsministerium in Stuttgart. In Schulen, die sich bewerben, habe sich eine interessierte Lehrkraft idealerweise bereits vorgestellt. Wenn an allen sechs vorgesehenen Hochschulen erst einmal der Ausbildungsbetrieb für das neue Fach islamische Religionspädagogik begonnen hat, werde es auch genug Islamlehrer geben, meint Kiefer. Daran werde die reguläre Einführung des deutschsprachigen Islamunterrichts nicht scheitern.

Gebot der Gleichbehandlung

Muslimische Kinder im Islamunterricht (Foto: dpa)

Die religiöse Erziehung ihrer Kinder liegt muslimischen Eltern am Herzen

Selbst wenn es schwierig ist, wollen alle Bundesländer ihre Schulversuche langfristig in einen regulären islamischen Religionsunterricht überführen. Denn es gibt mehrere Gründe, die laut Kiefer dafür sprechen: Es sei zum einen ein Gebot der Gleichbehandlung gegenüber den Muslimen. "Ein weiterer Grund ist, dass islamischer Religionsunterricht auch einen erheblichen Beitrag dazu leisten kann, dass der Islam sich als Religion hier beheimatet." Das Etikett der "Ausländerreligion" würde damit ungültig, sagt der Islamwissenschaftler. "Außerdem wünscht man sich positive integrative Effekte. Dass islamische Religiosität in der Schule mit dafür sorgt, dass Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, sich hier besser Zuhause fühlen können."

Islamkunde bringt muslimische Mütter ins Gespräch

Lichtenthäler kann über erfreuliche Effekte des Islamunterrichts an baden-württembergischen Schulen berichten. So sei man nun vor allem mit muslimischen Müttern ins Gespräch gekommen, wo vorher andere Angebote nicht so viel Dialog erzeugt hätten. "Das hat uns sehr positiv gestimmt. Ebenso die Tatsache, dass die Muslime es jetzt schön finden, dass ihre Kinder sich über ihre Religion auf Deutsch mit ihren Kameradinnen und Kameraden in der Schule austauschen können." Die Mühe scheint sich offenbar zu lohnen.

Autorin: Klaudia Prevezanos
Redaktion: Nicole Scherschun