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Fokus Osteuropa

Kaum Hoffnung auf Freispruch

Boris Chodorkowskij hat bisher kaum einen Tag im Prozess gegen seinen Sohn Michail versäumt. Doch das Geschehen im Gericht stimmt den 78-Jährigen pessimistisch. Er fürchtet, seinen Sohn nie wieder in Freiheit zu sehen.

Boris Chodorkowskij mit Anwältin Karina Moskalenko (Foto: DW)

Boris Chodorkowskij mit der Anwältin Karina Moskalenko

Das Gesicht von Boris Chodorkowskij kennen mittlerweile viele Prozessbeobachter, denn der Vater von Michail Chodorkowskij geht regelmäßig zu den Gerichtsverhandlungen. Dies fällt ihm schwer – emotional wie physisch.

Firmenschild an der Yukos-Zentrale (Foto: AP)

Chodorkowskijs Yukos-Konzern wurde zerschlagen

Boris Chodorkowskijs Sohn Michail sitzt seit 2003 eine Strafe wegen Steuerhinterziehung ab. Nach dem ersten Prozess gegen den Kreml-Kritiker und ehemaligen Öl-Magnaten wurde dessen milliardenschwerer Konzern Yukos zerschlagen. Nun wird dem einst reichsten Mann Russlands ein zweiter Prozess gemacht. Wegen angeblicher Unterschlagung von etwa 218 Millionen Tonnen Öl. Das Urteil wird Mitte Dezember erwartet. Michail Chodorkowskij drohen sechs weitere Jahre Haft.

"Fachleute hinter Gittern"

Am 27. Oktober hatte die Verteidigung das Schlussplädoyer eröffnet und Freispruch gefordert. Michail Chodorkowskij ergriff als erster das Wort und sprach rund drei Stunden. Dessen Vater, der schon lange keine Interviews mehr gibt, machte an diesem Tag eine Ausnahme - aber nur für die ausländischen Medien. Ihnen gegenüber schilderte er während einer Verhandlungspause was er fühlte, als er seinem Sohn im Gerichtssaal zuhörte.

Geschäftspartner Michail Chodorkowskij und Platon Lebedjew (Foto: dpa)

Geschäftspartner Michail Chodorkowskij und Platon Lebedjew

"Ich sehe ihn und denke: ein Fachmann schildert gerade seine Sicht der Dinge. Er berichtet, wie sie gearbeitet haben, wie der Konzern sich entwickelte", sagte Boris Chodorkowskij. Yukos sei das zweitgrößte Unternehmen in Russland gewesen, somit würden echte Fachleute hinter Gittern sitzen. Michail Chodorkowskij und dessen Yukos-Geschäftspartner Platon Lebedew sind bereits seit sieben Jahren inhaftiert.

Geblieben ist nur noch die Angst

Auf die Frage, was er vom Prozess erwarte, sagte Boris Chodorkowskij, das Gericht solle fair und gerecht handeln. "Leute, für was wollt ihr sie verurteilen? Ich verstehe nicht, was ihnen überhaupt vorgeworfen wird. Sie haben Öl verkauft zu niedrigeren Preisen. Na und? Was weiter? Sie haben Steuern gezahlt. Alles war normal. Die Mitarbeiter waren doch zufrieden. Auch heute besuchen sie mich und erzählen davon", so der Vater des Angeklagten.

Ihm zufolge hat die Öffentlichkeit bereits erkannt, dass der Prozess eine Farce ist. Aber diejenigen, die ihn fabriziert hätten, würden nun nicht mehr wissen, wie sie sich jetzt herausreden sollten. "Sollen sie ihn nun selbst freisprechen?", fragt der 78-jährige Boris Chodorkowskij. Große Hoffnungen habe er früher in den Präsidenten Dmitrij Medwedew gesetzt, aber auch diese habe er inzwischen aufgegeben.

Geblieben sei nun nur noch Angst, die Angst, seinen Sohn nach dem Prozess nie wieder zu sehen. "Ich bin alt und habe deswegen Angst, ihn nach diesem Gerichtsprozess nie wieder zu sehen, wenn er nach Sibirien geschickt wird. Denn ich kann ja nicht mehr fliegen, meine Augen lassen es nicht mehr zu. Ich weiß nicht, was ich dann tun werde."

Autor: Jegor Winogradow / Artjom Maksimenko
Redaktion: Markian Ostaptschuk / Fabian Schmidt