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Wirtschaft

Kaum Gefahr einer neuen Depression

Ist es möglich, dass sich die gegenwärtige Krise noch zu einer Depression entwickelt? Wo liegen die Gemeinsamkeiten der historischen und der aktuellen Krise? DW-WORLD.DE sprach mit dem Finanzmarkt-Experten Manfred Jäger.

Dr. Manfred Jäger, Leiter der Forschungsgruppe Markt und Staat Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Foto: IW)

Manfred Jäger fordert Steuererleichterungen für Unternehmen

DW-WORLD.DE: I nwieweit ähneln sich die große Krise, die Ende Oktober 1929 ihren Anfang nahm, und die aktuelle Krise?

Manfred Jäger: Zunächst einmal ähneln sie sich dadurch, dass es beides weltweite Krisen waren. Das ist anders, als bei anderen Finanzmarktkrisen, die oft lokale Phänomene waren, diesmal ist es eine weltweite Krise und das führt natürlich zu einer speziellen Verschärfung. Sie ähneln sich auch dadurch, dass die Verschuldungsraten zu hoch waren. Also, zu viel mit geliehenem Geld investiert wurde. Und das führt dann, wenn die Investitionen nicht erfolgreich sind, zu Engpässen, zu einer Klemme. Man kann nicht zurückzahlen, das führt zu Ausfällen. Und dann kommt es eben zu einer solchen Abwärtsspirale.

DW-WORLD.DE: Was sind die Hauptunterschiede?

Manfred Jäger: Zunächst einmal hat die Wirtschaftspolitik viel klüger reagiert. Sie hat nicht sehr klug, aber viel klüger reagiert. Damals kam es zu sehr starken Maßnahmen des Protektionismus, das haben wir in der aktuellen Situation bisher nicht gesehen - Gott sei Dank und wir müssen hoffen, dass das auch so bleibt. Die Abwärtsspirale beim Außenhandel hat die große Depression massiv verschärft und verlängert. Gegenwärtig sieht es so aus, als würde der Welthandel besser aus dem Tal heraus kommen und das ist ein wesentlicher Vorteil. Ein anderer wesentlicher Unterschied ist der, dass die Geldpolitik ganz anders reagiert hat. Damals fühlten sich einige Länder an den Goldstandard gebunden. Das hat zu einer restriktiven Geldpolitik geführt und damit also sozusagen dem Geldkreislauf das Blut entzogen. Aber dieses Mal haben die Zentralbanken ganz anders reagiert. Sie haben sehr viel extra Blut in den Blutkreislauf hinein gegeben. Und das hat das Finanzsystem stabilisiert. Und auch die fiskalpolitischen Maßnahmen waren sozusagen 'nützlich', um zu einer Vertrauensbildung zu führen. Das hat damals alles gefehlt.

DW-WORLD.DE: Was kann denn die Politik tun, um der Krise noch besser entgegen zu wirken?

Manfred Jäger:Vor allen Dingen muss sie im Blick behalten, was wir mittelfristig für Lasten zu schultern haben. Alle Länder, auch Deutschland, werden mit einer höheren Schuldenquote aus der Krise herauskommen. Und diese höhere Verschuldungsquote kann man sozusagen nur dann tragen, wenn wir ein vernünftiges Wirtschaftswachstum hinbekommen. Das heißt, wir brauchen eine wachstumsfreundliche Politik, sonst wird die Tilgung der Schulden sehr schwierig. Dazu gehört möglicherweise auch eine vorsichtige Steuersenkung, jedenfalls aber eine Steuerreform. Denn die Unternehmensbesteuerung ist eine Wachstumsbremse und wenn wir dieses Problem nicht hätten, dann würde sich das Wachstum erhöhen, dann könnten wir die Schulden auch aus einem größeren Topf bezahlen.

Dazu gehören auch bessere Anreize für die Arbeitsaufnahme und auch dazu wäre eine Steuerreform nützlich. Das muss natürlich mit Augenmaß geschehen, denn wir müssen vor Augen führen, dass wir mit einer höheren Verschuldung zu rechnen haben. Dazu gehört auch, dass wir in den Finanzsystemen wieder aufräumen. Denn wenn das Finanzsystem nicht genügend und vor allen Dingen nicht den richtigen Unternehmen die Kredite gibt, wenn es also das gute Geld dem schlechten hinterher wirft, dann kriegen wir kein Wirtschaftswachstum. Die Kreditklemme beobachten wir noch nicht, aber es kann gut sein, dass wir in den nächsten Jahren ein nicht funktionierendes Finanzsystem haben, das nur wenige und vor allen Dingen den falschen Unternehmen Kredite gibt.

DW-WORLD.DE: Wenn das passiert: Ab welchem Szenario würde man in der aktuellen Krise von einer 'Depression' sprechen?

Manfred Jäger: Wenn wir noch einmal negatives Wirtschaftswachstum sehen würden, dann könnte man von einer Depression sprechen. Allerdings halten wir das nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Also der Vergleich zur großen Depression liegt nahe, weil wir halt jetzt die Wiederkehr des schwarzen Freitags haben, der ja ein Dienstag war. Aber der Vergleich zu Japan, der sollte uns eher vor Augen führen, was uns drohen kann. Denn Japan hat auch ein ganzes Jahrzehnt verloren, weil es nach einer schweren Finanzmarktverwerfung nicht die richtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen hat.

Das Gespräch führte Klaus Ulrich

Redaktion: Monika Lohmüller

Dr. Manfred Jäger ist Leiter der Forschungsgruppe Markt und Staat beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

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