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Wirtschaft

Kaufen und wegwerfen für einen guten Zweck

In Berlin haben Wissenschaftler einen Verein gegründet, der das EU-Emissionshandelssystem nutzen will, um der Atmosphäre viele Tonnen Treibhausgase zu ersparen. Er kauft Verschmutzungsrechte - um sie dann zu vernichten.

Symbolbild Emissionen

Ein Mitglied des Berliner Umweltvereins vor einem Rednerpult (Foto: DW)

Aufklärungsarbeit für ein besseres Klima

Sie wollen Menschen für's Löschen begeistern. Die Klimaaktivisten TheCompensators* haben im Berliner Multikulti-Stadtteil Neukölln in eine alte Fabrikhalle geladen – zur Vernissage der Klimaretter. Zwischen Tapas-Tellern und Kunstobjekten aus Recyclingmaterial, die in allen Müllfarben schillern, drängen sich viele Mittdreißiger, debattieren über Klimaschutz und die alte Frage: Was kann jeder Einzelne dafür tun?

Die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins haben sich unter die Gäste gemischt. Compensator Florian Oel erklärt sachlich, aber nicht ohne Begeisterung, was es mit dem Löschen auf sich hat. Und wie dadurch der eigene Anteil am Klimawandel kompensiert werden könne. "Wir Compensators machen erst einmal darauf aufmerksam, dass es das System des EU-Emissionshandels überhaupt gibt, dass dieses System theoretisch gut ist, praktisch aber nicht wirklich gut funktioniert", sagt der Umweltaktivist.

Theoretisch gut, praktisch mangelhaft

Klimakünstler Gerhard Bär (Foto: DW)

Klimakünstler Gerhard Bär aus Berlin Neukölln.: Receycling war schon immer sein Thema.

Viele Gäste stutzen. Kaum einer, der wirklich Bescheid weiß, was hinter dem 2005 von den EU-Mitgliedsstaaten eingeführten Handel mit Treibhausgasen steckt. Etwa 450 Millionen Tonnen CO2 dürfen Strom-Kraftwerke, Stahl- oder Zementfabriken pro Jahr in die Luft blasen. Jeder Staat bekomme dann von der EU ein festes Kontingent an Verschmutzungsrechten zugeteilt, sagt Florian, der inzwischen an einen gesprenkelten Tisch aus geschmolzenem Abfall lehnt. "Der Staat verteilt die Verschmutzungsrechte an die einzelnen Unternehmen und Fabriken, die gezwungen werden, an dem System teilzunehmen." Reicht die CO2-Menge der Firma nicht aus, weil sie energieintensiv produziert oder weil ihre technischen Anlagen veraltet sind, dann hat sie zwei Möglichkeiten: "Entweder muss die Firma eine Strafe zahlen, oder aber sie kann Verschmutzungsrechte zum aktuellen Marktpreis nachkaufen."

Ein Computerbildschirm zeigt ein Verschmutzungszertifikat (Foto: DW)

Freiwillige Löschung: Damit ersparen TheCompensators der Atmosphäre viel CO2

Bereits früh erkannte der von drei Wissenschaftlern am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegründete Verein hier aber das Grundproblem: Bislang ist der Preis von CO2 noch viel zu billig, um genügend Anreiz zu bieten, dass Firmen in klimafreundliche, neue Produktionstechnologien investieren. Compensatorin Giúlia Carboni zeigt auf dem Bildschirm vor sich: Die Luft in der EU mit einer Tonne CO2 zu verpesten koste im Moment gerade einmal etwas mehr als 14 Euro, sagt sie nachdenklich.

Löschen lohnt sich

TheCompensators* haben sich deshalb aufgemacht, für höhere Kohlendioxid-Preise zu kämpfen. Und sie nutzen bei ihrer Arbeit das Instrument des EU-Emissionshandels selbst. Auch der Verein hat ein Emissionshandelskonto aufgemacht, analog zu den dort versammelten Firmen. Immer wenn wieder genügend Spenden gesammelt wurden, kauft der Verein an den europäischen CO-2-Börsen in Leipzig, Wien oder London selbst tonnenweise CO2-Rechte. Doch anstatt diese dann weiter zuv erkaufen und den Markt mit billigen Verschmutzungsrechten zu fluten, löschen TheCompensators* ihre Zertifikate freiwillig – und endgültig. Langfristig wird dadurch das Verschmutzen der Atmosphäre teurer, so das Kalkül, und genau das wollen sie.

Giúlia Carboni und Florian Oel beim Löschen von Emissionen (Foto: DW)

Giúlia Carboni und Florian Oel beim Löschen von Emissionen

Insgesamt wurden dem Planeten so bereits über 2000 Tonnen Kohlendioxid erspart. Verschwindend wenig, ein symbolischer Beitrag, könnte man meinen. Und doch, löschen lohne sich, sagt Giúlia Carboni: „Wenn ich jetzt nur 15 Euro habe und eine einzige Tonne CO2 damit lösche: Diese Tonne wird dann nicht emitiert." Gastgeber und Klimakünstler Gerhard Bär, der aus alten Plastiktüten und Müll auch Stühle, Bilder und Lampen baut, findet vor allem die Botschaft von TheCompensators sexy: „Der Einzelne muss wieder verstehen, dass er der Mächtige ist, dass er etwas tun kann", sagt der Mann mit wilder Lockenkopf-Mähne. Eine Botschaft, die beim Publikum anzukommen scheint. Nicht wenige, die sich darüber freuen, dass der Verein ein wissenschaftliches Thema endlich näher an die Gesellschaft rückt.

Am Ende des Abends gibt es deshalb einige Kompensierer mehr. Und auch wenn die Vereinsmitglieder sich einig sind, dass es noch viel zu kompensieren gilt: Die Löscharbeit hat begonnen.

Autor: Richard A. Fuchs
Redaktion: Rolf Wenkel

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