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Kultur

Kattan: Zukunft heißt im Vorderen Orient die Zukunft aller Religionen

Papst Franziskus besucht die Menschen im Nahen Osten, der von der Arabischen Revolution und historischen Konflikten erschüttert wird. Was wird der katholische Kirchenführer dort ansprechen, was kann er erreichen?

DW: Herr Kattan, welche politischen Ziele verfolgt die Katholische Kirche mit dem Papstbesuch im Nahen Osten?

Elias Assad Kattan: Von politischen Zielen im engeren Sinne kann beim Vatikan kaum die Rede sein und mir scheint auch, dass die Stärke des Vatikans gerade darin liegt, dass der Vatikan solche Ziele nicht verfolgt. Trotzdem hat der Besuch mit Sicherheit eine politische Bedeutung. Es ist meines Erachtens vor allem ein Friedenszeichen und auch ein Aufruf zum Frieden. Also Frieden zunächst zwischen den Israelis und den Palästinensern gerade in einer Zeit, wo der Friedensprozess ja zu kippen scheint. Und dann Frieden zwischen den drei monotheistischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam und zwar an einem Ort, der als Wiege dieser Religionen gilt. Und ich würde auch sagen, vor dem Hintergrund der Umbrüche und Aufstände in der arabischen Welt, dem sogenannten Arabischen Frühling, kann man diese Perspektive sogar erweitern und sagen, es handelt sich bei dem Besuch des Papstes auch um ein Zeichen dafür, dass Menschen in dieser Ecke der Welt, im Nahen Osten, mehr Würde, mehr Gerechtigkeit und mehr politische Partizipation verdienen.

Sie haben gesagt, es geht um politische Partizipation, also um demokratische Rechte. Glauben Sie, dass sich der Papst beispielsweise zum Syrien-Konflikt über eine sehr allgemeine Formulierung hinaus äußern wird?

Ich weiß es nicht. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Papst an diesem Thema vorbeigehen kann. Ich habe schon die große Hoffnung, dass der Papst sich mit diesem Thema auseinandersetzt und das positive Potenzial in diesen Umbrüchen zu sehen vermag. Denn neben dem Thema Islamismus und Gewalt steckt in den Änderungen in der arabischen Welt ja auch die Möglichkeit, mehr politische Teilhabe und mehr Freiheit für die Menschen dort zu erreichen.

Lassen sich Machthaber wie zum Beispiel Syriens Staatschef Assad von Papstworten beeindrucken ?

Ich denke nicht, dass sich die politischen Machthaber in der Arabischen Welt und im vorderen Orient davon beeindrucken lassen. Der Vatikan hat ja keine direkte politische Autorität. Aber das, was der Papst sagt, ist trotzdem wichtig. Und es ist ja auch so, Diktaturen lassen sich nicht nur von den Worten des Papstes nicht beeindrucken. Ihnen ist auch egal, wie sich die internationale Gemeinschaft dazu stellt. Aber trotzdem: Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass ein Papst den Vorderen Orient besucht nach dem Aufbruch, nach den Aufständen, nach dem Arabischen Frühling. Und von daher ist es auch wichtig, wie ein Papst sich dazu positioniert.

In welcher Tradition steht denn dieser aktuelle Besuch?

Die bisherigen Besuche von Päpsten standen in anderen Kontexten. Papst Benedikt kam in Zusammenhang mit der Synode der katholischen Bischöfe für den Nahen Osten, die in Rom stattfand. Johannes Paul II. besuchte Damaskus als Pilger auf den Spuren des Apostels Paulus. Papst Franziskus will, denke ich, erinnern an einen seiner Vorgänger, Papst Paul VI. und den damaligen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras. Die Wichtigkeit dieser Begegnung bestand damals ja auch darin, dass sie dazu führte, die gegenseitigen Verurteilungen von Ostkirche und Westkirche aufzuheben. Und deshalb will Franziskus in Jerusalem den jetzigen Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios treffen. Ich gehe davon aus, dass beide damit ein Zeichen der Geschwisterlichkeit setzen wollen, was ich mit der Hoffnung verbinde, dass sich die beiden Kirchen in der Zukunft näher kommen. Dieser Besuch ist aber auch mit dem Wunsch der Katholischen Kirche verbunden, dass man mehr Verständigung mit den Muslimen erzielt.

Aber trotz der Unterschiede leben alle Papstbesuche im Nahen Osten von der Tatsache, dass in dieser Gegend Judentum, Christentum und Islam entstanden sind und dass diese Gegend sowohl historisch als auch geographisch eine besondere spirituelle Dimension hat und vor allem eine symbolische Bedeutung für mehr als die Hälfte der Menschheit.

Kann dieses historische Nebeneinander von Juden, Christen und Muslimen ein Modell sein?

Ich möchte das Bild nicht idealisieren. Man weiß, dass das eine Gegend mit vielen Verletzungen ist, mit unerbittlichen Nationalismen, mit Gewalt, und das nicht nur seitens der Islamisten, mit Auswanderungswellen, von denen vor allem die Christen betroffen sind und mit dem Schrei nach Freiheit in der Arabischen Revolution. Der vordere Orient ist eine heiße Gegend. Aber ich denke, man muss sich davor hüten, die Christen, die dort leben als surreale Fremdkörper zu betrachten. Andererseits, es gibt die Christenverfolgung. Aber man darf nicht nur sie fokussieren, denn es werden auch gemäßigte Muslime verfolgt.

Also mein Fazit ist, dass es Zukunft im Vorderen Orient nur gibt, wenn man an alle Menschen dort denkt und die Christen dort werden nur eine bessere Zukunft haben, wenn alle Menschen dort, einschließlich der Juden, der Muslime und der Agnostiker und Atheisten eine bessere Zukunft haben können.

Elias Assaad Kattan ist Professor für Orthodoxe Theologie an der Uni Münster und Mitglied des dortigen Exzellenzclusters Religion und Politik.