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Amerika

Katerstimmung ein Jahr nach der Rettung

Ein Jahr nach ihrer spektakulären Rettung aus dem Bergwerk San José sind einige der 33 Bergleute arbeitslos, andere krank - und viele enttäuscht von nicht eingehaltenen Versprechen.

Schichtleiter Luis Urzúa kehrte vor einem Jahr als der letzter der 33 Bergarbeiter an die Erdeoberfläche zurück (Foto: AP)

Schichtleiter Luis Urzúa kehrte vor einem Jahr als der letzter der 33 Bergarbeiter an die Erdeoberfläche zurück

Der Journalist Carlos Vergara hat das Buch Operacion San Lorenzo geschrieben, über die 33chilenischen Bergleute. (Foto: Juan Jordan)

Journalist und Schriftsteller Carlos Vergara hat sich mit dem Schicksal der geretteten Kumpel beschäftigt

Als sich die Meldung von den 33 verschütteten Bergleuten in der Mine San José in Nordchile verbreitete, war Carlos Vergara Politik-Redakteur bei der Tageszeitung La Tercera in Santiago. Kurz nach Bekanntwerden des Grubenunglücks erhielt er einen Anruf des Chefredakteurs: Er solle sich sofort auf den Weg machen, um vom Unglücksort aus über das Ereignis zu berichten. Vergara machte sich auf, 800 Kilometer nach Norden, in die Atacama-Wüste. Wenige Tage später wollte er nur noch eines: die Einsamkeit der Wüste hinter sich lassen.

Am Tag des Grubenunglücks, dem 5. August 2010, befand sich der damalige Bergbauminister Laurence Golborne gemeinsam mit Präsident Sebastián Piñera auf Staatsbesuch in Ecuador, wo einige Bergbauabkommen unterzeichnet werden sollten. Einen Tag später schickte ihn der Staatschef zurück nach Chile, mit dem Auftrag, sich an die Spitze der Rettungsarbeiten zu stellen. Offiziell ging man davon aus, dass die Kumpel noch lebten. Genau wusste es niemand, und im Grunde genommen glaubte auch keiner daran.

Unglück mit Happy End nach 69 Tagen

Der chilenische Minister Laurence Golborne in Fenix während der Rettung von den chilenischen Bergleuten (Foto: Ministerio de Mineria Chile)

Der chilenische Minister Laurence Golborne wurde zum Shootingstar der Politik

"Die ersten 17 Tage waren die schwierigsten. Wir hatten keine Gewissheit, dass sie noch lebten", erinnert sich Golborne, der heute Infrastruktur-Minister ist, im Gespräch mit DW-WORLD.DE. Am 13. Oktober gelang es schließlich, die 33 verschütteten Bergleute an die Erdoberfläche zurückzuholen: 69 Tage hatten sie in 700 Metern Tiefe überlebt, in einem Berg, der durch die zahlreichen Stollen jeden Moment hätte in sich zusammensacken können.

Ein Jahr ist seitdem vergangen. "Die Rettung war einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Zu wissen, dass sie lebten und diese außerordentliche Nachricht mit allen teilen zu können, das war wunderbar. Wir waren voller Hoffnung. Mir sind in den ersten Tagen, solange wir nicht wussten, ob sie lebten, viele Dinge durch den Kopf gegangen, aber wir waren immer zuversichtlich, dass diese Geschichte ein gutes Ende haben würde", sagt Golborne heute im Rückblick.

Die Mine San José, die zum privaten Bergbaukonzern San Esteban gehört, liegt ungefähr 50 Kilometer südlich von Copiapó am Fuße der Anden in der Atacama-Wüste. Als sich nach und nach die Familienangehörigen der Verschütteten an der Mine niederließen und sich die immer dramatischer werdende Geschichte abzuzeichnen begann, begriff die Regierung, dass sie die Rettungsarbeiten direkt übernehmen musste: die Operation "Profet Jonas" war geboren, Minister Laurence Golborne der oberste Verantwortliche.

Politiker rutschten auf Beliebtheitsskala nach oben - und wieder ab

Rasch gewann der Minister in der öffentlichen Meinung an Beliebtheit. "Das führte zu Konflikten mit dem Präsidenten, der sich an einem entscheidenden Punkt in die Rettungsarbeiten einmischte: am 22. August, als die 33 Kumpel lebend geortet worden waren, bedankt sich Piñera bei Golborne und gibt ihm zu verstehen, dass seine Aufgabe damit beendet sei", so der Journalist Carlos Vergara. "Und dass Piñera darauf bestand, immer wieder zu der Mine zu reisen, ist auch kein Zufall".

Sein ehrliches Mitgefühl hat Golborne auf der Beliebtheitsskala bei den Chilenen steil nach oben klettern lassen. Nach der erfolgreichen Rettung war er der beliebteste Politiker des Landes, so das Meinungsforschungsinstitut Ipsos. Auch Piñera konnte sich in dem Glanz der Erfolges sonnen: die Zustimmung zu seiner Amtsführung lag im Oktober 2010 bei 63 Prozent, so die damalige Adimark-Umfrage. "Die Beliebtheit hat jedoch nicht lange angehalten, mit Ausnahme von Golborne", sagt Vergara und bezieht sich auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CERC vom Oktober 2011: Ein Jahr nach dem Wunder von San José liegt Piñera nur noch bei 22 Prozent Zustimmung.

"Chilenischer Weg" endete in Massenprotesten

Angesichts des Medienhypes um die Rettung der Kumpel in der Atacama-Wüste, vor einer Kulisse von 2000 Journalisten aus aller Welt, wurde der Begriff des "Chilean way" geboren, eine Formel, die ausdrücken sollte, dass chilenische Lösungsansätze erfolgversprechend seien. Präsident Piñera verwendete diesen Ausdruck besonders gerne. Es sei wichtig, der Welt das Bild eines effizienten, fleißigen und modernen Landes zu vermitteln, hieß es - die mediale Inszenierung folgte diesem Auftrag.

Doch 365 Tage nach der Leistung, die von aller Welt live verfolgt und bestaunt wurde, hat es die Regierung nicht geschafft, den Studentenprotesten und den Forderungen nach einer umfassenden Bildungsreform mit ähnlicher Souveränität zu begegnen.

Eine lange und immer gleiche Geschichte von Armut

Chilenische Bergleute und der Präsident Sebastian Pinera gedenken des schwersten Grubenunglücks in der Geschichte Chiles (Foto: Raul Bravo, LUN)

Zum Jahrestag der Grubenungklücks von San José hatte Präsident Piñera die Bergarbeiter eingeladen

Am 5. August 2011 haben 25 der 33 Bergleute im Regierungspalast La Moneda an der Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages des Grubenunglücks teilgenommen. Die Beziehungen unter ihnen sind zerbrochen. Die einen beschuldigen die anderen, Vorteile aus dem Drama gezogen und das Versprechen gebrochen zu haben, stets zusammenzuhalten, das sie sich gegeben hatten, als die Angst sie in 700 Metern Tiefe zu erdrücken drohte. Während vier der Kumpel in Washington eine Ausstellung über ihre Rettung besichtigen, hoffen die anderen noch auf irgendeine Anerkennung. Manche haben die Hoffnung auch schon aufgegeben.

Fünfzehn der 33 Männer sind heute arbeitslos. Viele sind krank, sie leiden unter Staublunge, Diabetes oder den Traumata der 69 Tage unter der Erde. "Sie waren für ein paar Tage berühmt, und heute ist alles wieder so grau wie zuvor. Edison Peña, der Marathonläufer unter den Kumpels, hat kürzlich ein Interview in einer Entzugsklinik gegeben und darin geschildert, wie er nach der Rückkehr an die Erdoberfläche nur noch getrunken hat", so Carlos Vergara.

Auch wenn die geretteten Kumpels zunächst um die Welt gereist sind und sich vor Versprechungen kaum retten konnte, ist doch am Ende wieder der Alltag eingekehrt. "Sie haben andere Länder kennengelernt", meint Carlos Vergara, "sie haben etwas Geld verdient. Ich weiß nicht, was sie sonst noch hätten erreichen können. Ich glaube nicht, dass sie ausgenutzt wurden. Am Ende ist einfach wieder alles zur Normalität zurückgekehrt. Die Geschichte der Bergarbeiter ist und bleibt eben eine lange und immer gleiche Geschichte von Armut."

Autor: Diego Zúñiga
Redaktion: Mirjam Gehrke, Julia Elvers-Guyot

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