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Wirtschaft

Katar: Kleines Land - große Pläne

Das weltgrößte Feld mit reinem Erdgas im Persischen Golf hat das Emirat Katar reich gemacht. Jetzt bereitet das Land den energetischen Umstieg vor - und baut dabei auf die Unterstützung deutscher Firmen.

Designer-Boutiquen, großzügige Parks und exklusive Wohninseln, die nur per Wassertaxi zu erreichen sind: Lusail, die Stadt, mit der der Wüstenstaat Katar endgültig im 21. Jahrhundert ankommen will, lockt mit Luxus. Noch existiert Lusail nur als Modell in einem Schauraum des katarischen Immobilienunternehmens Qatari Diar. Schon in knapp zehn Jahren aber soll hier eine Viertelmillion Menschen leben – nördlich der Hauptstadt Doha, in einer Gegend, in der heute noch weitgehend Wüste ist.

Reichtum aus der Erde

"Wir unterstützen damit die Vision unserer Regierung, die in Katar eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln will", sagt Qatari Diar-Manager Khalid Al-Amin. Seit etwa 20 Jahren fördern Unternehmen im Auftrag des Landes Gas aus dem größten reinen Erdgasfeld der Welt - rund 80 Kilometer vor der nördlichen Küste der Halbinsel. Im Industriegebiet Ras Laffan wird es verflüssigt und verschifft - und schafft das finanzielle Fundament für Katars Visionen: Rund sechs Prozent Wirtschaftswachstum verzeichnete das Emirat 2012, das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 2006 mehr als verdreifacht. Heute gilt Katar mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 100.000 Dollar als reichstes Land der Welt. Reichtum, mit dem es jetzt die Grundlagen für die Wirtschaft nach dem Ende des Öl- und Gas-Zeitalters legen will.

Energieeffizienz im Mittelpunkt

Dohas neuer Stadtteil Lusail als Modell im Schauraum der Immobilienfirma Qatari Diar (Foto: Marco Urban)

Dohas neuer Stadtteil Lusail als Modell im Schauraum

Bei der Projektierung der neuen Stadt Lusail etwa sei vor allem Wert auf Energieeffizienz gelegt worden. Dienstleistungs- und Gesundheitseinrichtungen, so Al-Amin, Schulen und Sportplätze sollen auf kurzem Weg erreichbar sein - und für die Klimatisierung der Gebäude wird entsalztes Wasser aus dem Persischen Golf genutzt. "Das spart bis zu 30 Prozent fossile Energie und reduziert die Emissionen durch Klimaanlagen. Außerdem planen wir Metrostationen. Wir wollen, dass die Leute so wenig wie möglich Auto fahren."

Deutsche Firmen dabei

Die Bauaufsicht für das 45-Milliarden-Dollar-Projekt wurde der Offenbacher Berater- und Planungsgruppe Dorsch übertragen. Die Essener Hochtief ViCon optimiert Planung und Bau mit einem eigens entwickelten digitalen 3D-Modell der neuen Stadt. Noch bevor die ersten Bagger rollen, werden damit Bauzeit, Kosten und Risiken minimiert - Neuland in der Konstruktionsbranche. Später sollen mit den Daten aus dem Modell auch Verkehrsströme, Energie- und Wasserverbrauch in Lusail simuliert und optimiert werden. Insgesamt haben Regierung und private Investoren in Katar Projekte im Umfang von mehr als 200 Milliarden Dollar auf den Weg gebracht. Viele davon sollen bis zur Fußball-WM 2022 abgeschlossen sein – darunter auch der Bau einer Metro mit 60 Stationen in Doha und Umgebung und neun neue Sport-Stadien mit solar betriebener Spielfeldkühlung.

Keine Zeit für Kritik

Rasenkühlung im Al Sadd Stadion in Katar - bis zur WM 2022 sollen alle Stadien solar gekühlt werden (Foto: Marco Urban)

Rasenkühlung im Al Sadd Stadion in Katar

Kritik etwa der Internationalen Arbeitsorganisation an häufig miserablen Lebensbedingungen der meist aus Indien, Nepal oder Bangladesh angeheuerten Bauarbeiter perlt an den Verantwortlichen weitgehend ab. Der Zeitplan ist straff und die Ambitionen sind riesig: Neben den Bauvorhaben will der Wüstenstaat Katar bis 2025 auch in der Lage sein, sich aus eigener Kraft mit Nahrungsmitteln zu versorgen. "Wir planen Viehzucht, Milchwirtschaft, Ackerbau", sagt Fahad Al-Attiya, Chef des Nationalen Food Security Programms. "In geschützten Systemen wie Hydrokultur beispielsweise können wir fast alle Arten von Gemüse produzieren. Auch Getreide ist möglich, weil es inzwischen hitzeresistente Pflanzen gibt." Als kleines Land sei Katar derzeit auf der Suche nach den effizientesten Technologien der landwirtschaftlichen Produktion, nach Lösungen, die viel Ertrag auf kleinster Fläche ermöglichen. "Wir können uns nicht horizontal ausdehnen und wollen letztlich nur anderthalb Prozent unserer Landfläche landwirtschaftlich nutzen. Deshalb ist beispielsweise das Konzept des 'vertical farming' für uns interessant."

Eine grüne Wüste?

Frau arbeitet in einem Labor auf dem Campus der Education City in Doha Katar (Foto: Marco Urban)

Labor auf dem Campus der "Education City" in Doha Katar

Um den Wüstenboden für die Landwirtschaft zu verbessern, sollen Bio-Abfälle künftig in einem Boden-Anreicherungswerk zu Humus verarbeitet werden. Um das nötige Wasser bereitzustellen, evaluieren Wissenschaftler im Technologiepark von Doha derzeit neue, effizientere Methoden der Meerwasserentsalzung. Die Energie dafür sollen wiederum Solarkraftwerke liefern. Seit 2010 besteht unter anderem ein Joint Venture mit dem Bonner Unternehmen Solarworld, das in Ras Laffan Silizium für die Herstellung von Solarmodulen produziert. Wenn es gelingt, kann sogar die Wüste grün werden, so Al-Attiya. Nicht nur in Katar, sondern auch in anderen trockenen Gebieten der Welt: "Es gibt 60 extrem trockene Länder wie Katar mit zwei Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Wasser und Lebensmitteln haben. Wir denken, dass die Technologien, an denen wir arbeiten, künftig auch in diesen Gegenden angewendet werden können. Dass sie überhaupt für dichtbesiedelte, urbane Gebiete nützlich sein können."

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