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Nahost

Katar, die Hamas und der neue Nahe Osten

Der Besuch des Emirs von Katar im Gazastreifen trägt dazu bei, alte Bündnisse und die politische Landschaft des Nahen Ostens grundlegend zu verändern. Wie diese in Zukunft aussehen könnte, deutet sich bereits an.

Was eine große Geldsumme ist und was eine kleine, ist eine Frage der Perspektive. Gut 250 Millionen US-Dollar hatte Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani bei seinem Besuch in Gaza im Gepäck. Teile des Gazastreifens liegen nach dem israelischen Angriff 2009 immer noch in Trümmern. Geplant ist, das Gebiet mit dem Geld wieder aufzubauen und zusätzlich eine ganz neue Stadt zu gründen. "Hamad City" soll sie einmal heißen, nach dem Emir, der den Anstoß zu ihrer Gründung gab.

Palästinenser begrüßen Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani. (Foto: AFP)

Freundliche Begrüßung: Palästinenser bejubeln den Gast Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani

250 Millionen US-Dollar mögen für den darbenden Gazastreifen eine beachtliche Summe sein. Für das reiche Katar ist es hingegen wenig. "Peanuts" seien das, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Hamadi El-Aouni von der Freien Universität Berlin. Um die Enklave wieder aufzubauen, reichten sie bei Weitem nicht. Aber sie seien ein Signal - der Startschuss für eine Strategie, die das syrische Regime schwächen und den Iran isolieren soll. Um das Wohl der Palästinenser gehe es erst an zweiter Stelle.

Internationale Allianz

Man müsse den Besuch des Emirs in einem größeren Rahmen sehen, erklärt El-Aouni. Er sei Teil eines international abgestimmten Vorgehens. Die Akteure wollten den Nahen Osten neu ordnen - vor allem nach den Aufständen der vergangenen Jahre und insbesondere angesichts der Revolution und der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Syrien. Ziel sei es, die Hamas auf die westliche Seite und den mit ihr verbündeten sunnitischen Staaten zu ziehen, also zu den Golfstaaten, Ägypten, der Türkei und Jordanien. "Es wäre unvorstellbar, dass der Emir Gaza besucht, ohne dass die USA, Saudi Arabien und Israel dafür grünes Licht gegeben hätten. Seine Visite steht im Kontext der gesamten Nahoststrategie", meint El-Aouni.

Zwei Demonstranten tragen Masken von Mahmud Abbas und Ismail Hanija. (Foto: AP)

Vertragt euch! Demonstranten, maskiert als Fatah-Chef Abbas und Hamas-Chef Hanija

Doch diese Strategie kommt auch den Interessen der Hamas entgegen. Der Besuch des Emirs werte die Partei innenpolitisch auf, erklärt Nidal Al-Zeghier, politischer Analyst bei der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Badil. So hoffe die Hamas, dass das Geld des Emirs der Bevölkerung eine Botschaft vermittle: Dass nämlich die Hamas sehr wohl in der Lage sei, aktiv das Wohl der Bevölkerung zu fördern. Nachdem sie innen- wie außenpolitisch keine großen Erfolge habe aufweisen können, könne sie einen publicityträchtigen Besuch wie diesen gut gebrauchen. Mit ihm, so die Hoffnung, ließe sich womöglich eine Art Schlussstrich unter die jüngste innerpalästinensische Vergangenheit ziehen. Denn über Jahre stand die religiös orientierte Partei in scharfer Konkurrenz zur säkularen Fatah, die das Westjordanland regiert. Zuletzt hatte gerade Katar versucht, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. Zwar haben die ihre Animositäten nach wie vor nicht restlos überwunden. Aber auch eine kleine Annäherung könnte der erste Schritt dazu sein, wieder gemeinsam für einen eigenständigen palästinensischen Staat zu kämpfen.

Imagewechsel bei den Islamisten

Das allerdings, erklärt El-Aouni, dürfte weiterhin auf Widerstand aus Israel stoßen. Es sei kein Zufall, dass der Emir nur den Gazastreifen und nicht beide Teile der palästinensischen Autonomiegebiete besucht habe. Dass er nicht im Westjordanland war, deutet der Wirtschaftswissenschaftler als politische Konzession an Israel. "Ich glaube nicht, dass Israel da hätte mitspielen wollen. Denn das hätte den Anspruch der Palästinenser auf ein eigenes Territorium mit eigener Bevölkerung völkerrechtlich zum Ausdruck gebracht. Und das akzeptiert Israel nicht", so El-Aouni.

Der iranische Premier Mahmud Ahmadinedschad und Hamas-Führer Ismail Hanija bei einer Zeremonie in Teheran. (Foto: Isna/ParsPix)

Zerbrochenes Bündnis: Irans Premier Ahmadinedschad und Hamas-Führer Hanija

Auch außenpolitisch passe der Besuch der Hamas ins Konzept, erklärt Al-Zeghier. Die Organisation bemühe sich international um größere Legitimation. "In dieser Hinsicht ist die Verbindung zu Katar für die Hamas durchaus nützlich." Um ihren politischen Ruf aufzupolieren, habe sie Anfang des Jahres auch ihr Hauptquartier in Damaskus aufgegeben. "Dabei haben sie die Golfstaaten, Ägypten und Jordanien unterstützt. Jetzt hat sie ihren Sitz in Katar", sagt Al-Zeghier.

Veränderte Fronten

So dient der Besuch des Emirs den politischen Interessen aller Beteiligten. Durch den geographischen und damit auch politischen Abschied von Damaskus kappt die Hamas zumindest teilweise auch ihre Verbindungen zu Syriens Verbündetem, dem schiitisch regierten Iran. Stattdessen findet sie neue Ansprechpartner im westlichen und sunnitischen Lager. Das verschafft ihr eine andere Legitimität. Ihre neuen Partner wiederum wittern die Chance, die Hamas in ihrem Konfrontationskurs gegenüber Israel zu mäßigen.

Geht diese Rechnung auf, dann verlieren Syrien und der Iran in der Hamas einen Partner, der in der arabischen Welt als eine der Speerspitzen gegen Israel gilt. Von diesem Nimbus zehrten auch die Regime in Damaskus und Teheran - bis sie durch das brutale Vorgehen gegen die syrische Protestbewegung ihren Ruf verspielten. Ihre Rolle als Frontstaaten gegen Israel nehmen ihnen immer weniger Araber ab; erst recht, wenn sie die Hamas nicht mehr an ihrer Seite haben. Umgekehrt dürfte die Hamas nun versuchen, über die neue Allianz auf Israel einzuwirken, die palästinensische Sache endlich voranzubringen.

Die Revolution und deren Unterdrückung in Syrien hat die ganze Region politisch in Bewegung gebracht. Wie die Ordnung in der Zeit danach aussehen könnte, deutete sich mit dem Besuch von Scheich Khalifa al-Thanis in Gaza an.

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