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Politik

Katalanisch: "Säule der Identifikation" im Streit um Unabhängigkeit

Beim Wunsch nach Unabhängigkeit spielt auch die Freiheit der Sprache eine Rolle. Lange wurde Katalanisch unterdrückt, dann gefördert. Heute wünschen sich viele Einwohner der Region dennoch mehr sprachliche Anerkennung.

Die Hand der Bibliothekarin streicht über ein kleines Büchlein. "Das ist die Kopie des ältesten ausgearbeiteten katalanischen Textes", sagt Mercé Comas Lamarca. Über ihr erstreckten sich mehrere Torbögen in rund acht Meter Höhe. Von hinten dringt weiches Licht durch ein blaues Kirchenfenster in den Raum. In der Nationalbibliothek Kataloniens lagern die Schätze der katalanischen Sprache. Die älteste schriftliche Wortsammlung stammt aus der Zeit zwischen 1000 und 1050.  "Die Sprache ist für uns eine der wichtigsten Säulen der Identifikation", sagt Lamarca - in astreinem Spanisch.

Spanien Barcelona - Nationalbibliothek Kataloniens (DW/N. Martin
)

Bibliothekarin Lamarca: "Wir sitzen hier an der Quelle"

In vier unterirdischen Stockwerken lagern insgesamt vier Millionen Bücher. "Hier lagert alles, was in Katalonien geschrieben wird, und davon ist auch vieles in spanischer Sprache."

Gnadenlose Unterdrückung

Für die 41-Jährige ist ihr Job mehr als Broterwerb: "Wir sitzen hier an der Quelle von wichtigen Dokumenten unserer Kultur", erklärt sie vergnügt und zeigt einen Schriftsatz mit ausgeblichener Tinte auf Leder.

Spanien Barcelona - Nationalbibliothek Kataloniens (DW/N. Martin
)

Vier Millionen Bücher lagern in der Nationalbibliothek Kataloniens

Lamarca ist 1976 geboren - in dem Jahr, als die Demokratie in Spanien Einzug hielt. Nach dem Tod des Generals Francisco Franco konnten die Katalanen wieder aufatmen. Ihre Sprache war in der fast 40-jährigen Diktatur Francos gnadenlos unterdrückt worden: Straßenschilder, Medien und Literatur durften nur auf Spanisch erscheinen. Ihre Verwandten hätten zu Hause weiter Katalanisch gesprochen, erzählt die 41-Jährige. "Sprache war Widerstand", erinnert sich Lamarca an die Erzählungen ihrer Eltern.

1976 erschien dann wieder die erste Zeitung auf Katalanisch und mit der Rückerlangung der Autonomie ein Jahr später sei dann die Sprache wieder verstärkt gefördert worden, erklärt der Historiker Lluís Duran. "Es hat drei Jahre gedauert, dann gab es auch wieder Katalanischunterricht an allen Schulen der Region", so Duran.

Danach investierte die Regionalregierung wieder massiv in die Förderung der Sprache. Katalanischkurse sind heute teilweise umsonst. Der Jurist Henry ist mit acht Jahren nach Barcelona gekommen und bezeichnet sich heute selbst als Katalanen. Schon kurz nach Ankunft lernte er Katalanisch. "Das ist wichtig, wenn Du in der Schule Erfolg haben willst." Außer Englisch und Spanisch waren damals alle seine Kurse auf Katalanisch. Henry spricht heute allerdings nur noch selten Katalanisch. "Barcelona ist so gemischt, so bunt, und meistens ist Spanisch der gemeinsame Nenner".

Wer auf dem Land in Katalonien unterwegs ist, der sollte allerdings ein paar Brocken Katalanisch im Gepäck haben. Ein "bon dia" kommt häufig besser an als ein schlichtes "hola". Zur Verabschiedung sagt man besser "adeu" und nicht "adios". Rund 30 Prozent der Menschen in der Region geben an, dass Katalanisch ihre erste Sprache ist. 

Fernando kommt von den Kanarischen Inseln und ist zum Studium nach Barcelona gezogen. "Viele Leute haben anfangs nicht mit mir geredet", erinnert er sich. Auch die Kurse an der Uni seien zum Großteil auf Katalanisch gewesen. An der Uni habe er deshalb auch direkt Nachhilfe bekommen, erklärt er. Spanisch sei ihm aber lieber, da fühle er sich sicherer.

Vorbild Kanada?

Trotz der vielfältigen sprachlichen Freiheiten schimpfen viele Katalanen aber auch immer wieder über die Dominanz des Spanischen - vor allem ärgert sie, wenn ihre Sprache als Dialekt abgetan wird. Für Zugewanderte und Außenstehende ist der sensible Umgang der Katalanen mit ihrer Sprache nicht immer ganz nachvollziehbar. Der Historiker Duran versucht zu erklären: "Katalanisch ist zwar als Sprache akzeptiert, aber nicht dem Spanischen gleichgestellt."

Spanien Barcelona - Nationalbibliothek Kataloniens (DW/N. Martin)

Lluís Duran: "Dokumentierte Fälle von Diskriminierung"

Katalanisch sei laut Gesetz nur innerhalb Kataloniens als Sprache anerkannt. "Wer aber nach Madrid geht, der muss offiziell Spanisch sprechen." Diese Haltung zeige sich bei den katalanischen Minderheiten, die nicht in der Region lebten. "Auf den Balearen und rund um Valencia gibt es dokumentierte Fälle von sprachlicher Diskriminierung".  Der Historiker zieht den Vergleich mit Kanada: "Dort wird den frankophonen Kanadiern eben auch erlaubt, außerhalb Quebecs Französisch zu sprechen." Das sei es, was sich viele Katalanen auch von der spanischen Verfassung wünschten.

Auch für die Bibliothekarin Lamarca ist dieser feine Unterschied wichtig. "Mich schmerzt es, dass Spanien unsere Sprache nicht zu 100 Prozent anerkennt", sagt sie und besteht darauf, dass dies nur ihre persönliche Meinung sei und nichts mit ihrer Arbeit in der Bibliothek zu tun habe. Sie kennt sich eben aus mit den sprachlichen Feinheiten.