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Indien

Kastenunruhen in Indien: Vom Reiz der Rückständigkeit

In Indien mehren sich Proteste gegen das herrschende Fördersystem für Angehörige der unteren Kasten im öffentlichen Dienst und Bildungswesen. Letztendlich könnten sich dadurch die Kasten-Rivalitäten weiter zuspitzen.

In der Morgenhitze halten sich die Männer an den Händen. Ordentlich aufgereiht lässt sich die Menschenkette von Freiwilligen über die Hauptstraße von Kolhapur führen. Ihre Frauen sitzen in stummen Reihen auf dem Asphalt. Während aus den Lautsprechern Hinweise auf Parkmöglichkeiten und Wasserstellen dröhnen, drängen Horden von Demonstranten auf den runden Platz. Langsam verwandelt sich die Stadt in ein Meer aus Flaggen, Kappen und Schärpen in Safran. Safran ist die Farbe des Maratha-Königreichs - und auch die des Hinduismus. Medien werden später von 1,5 bis 4,5 Millionen Menschen berichten. Es ist die bisher größte Ansammlung der Marathas, eine der bevölkerungsstärksten Kasten im Staat Maharashtra. Das Kastenwesen diente ursprünglich als soziale Gruppenbildung zur Arbeitsteilung und bildet noch heute einen der wichtigsten Identitätskriterien der indischen Gesellschaft.

Marathas gehören im hinduistischen Hierarchiesystem zu der zweit-höchsten Kaste der Krieger – den Kshatriyas. Durch die Zusammenlegung mehrerer Untergruppen infolge der britischen Kolonialisierung aber sind viele von ihnen heute in der Landwirtschaft tätig.

Seit Anfang August durchziehen ihre Proteste die westindische Region. Im November sollen sie in Maharashtras Hauptstadt Mumbai ihren Höhepunkt erreichen. Obwohl sie offiziell als eine der dominanten Kasten im Staat und in der hinduistischen Hierarchie gelten, wollen sie als bedürftig anerkannt werden, um vom Fördersystem des Staates zu profitieren.

Geltendes System seit Jahrzehnten

Demonstration der Maratha-Kaste in Kolhapur (DW/J. Wadhawan)

Die Marathas kämpfen dafür, offiziell als benachteiligt anerkannt zu werden - allerdings stehen sie in der Hierarchie des Kastensystems weit oben

Denn wenn man offiziell als benachteiligt gilt, zahlt sich das in Indien aus. Ein seit 1950 existierendes Quotensystem reserviert den am stärksten diskriminierten Bevölkerungsgruppen im Land einen bestimmten Prozentsatz an Studienplätzen und Stellen im öffentlichen Dienst. Hierunter fallen so genannte Adivasi-Stammesvölker sowie die auf der untersten Stufe der hinduistischen Kastensystems stehenden Dalits. Letztere werden in der hinduistischen Hierarchie auch "Unberührbare" genannt, weil sie religiös bedingt als unrein gelten. Mitglieder höherer Kasten würden nichts anfassen, was zuvor in Kontakt mit Dalits gekommen ist. Diese Praxis ist offiziell zwar verboten, wird aber im Alltag zum Teil noch immer verfolgt.  

Weil das Land der vielen Minderheiten darüber hinaus jede Menge unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen beherbergt, wurde das Fördersystem in den achtziger Jahren auf sogenannte "Other Backward Castes" (OBC) ausgeweitet. Die Folge: Heute fällt rund die Hälfte der indischen Bevölkerung unter eine Quote.

Gefangen in der Mitte

In der übrigen Hälfte nimmt der Kampf um Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu. Das schürt Frustration und Kastenrivalitäten im ganzen Land. Neben den Marathas kämpfen etwa die Kaste der Patels in Gujarat oder die Jats in Haryana um die Anerkennung als OBC. Während die Aufmärsche in anderen Staaten bisweilen Tote forderten, verliefen die Märsche der Marathas bislang noch friedlich. Als "stille Proteste" und politisch führungslos vermarktet wollen sie ihren Forderungen besondere Kraft verleihen.

Dileep Patil (DW/J. Wadhawan)

Dileep Patil ist einer der Köpfe hinter den Demonstrationen

"Unsere Stärke ist unser Schweigen", sagt Dileep Patil. Der Chef der Kshatriya Maratha Chamber of Commerce ist einer der Fädenzieher hinter den Demonstrationen, die von einem 25-köpfigen Komitee und mehreren Initiativen organisiert werden.

Sein runder Bauch spannt unter einem gestärkten, kurzärmligen Hemd, das goldene Smartphone schimmert in der linken Brusttasche. Patil besitzt mehrere Stahlwerke und scheint alles andere als rückständig. Doch dahin zu kommen, sagt er, sei im indischen System ein weiter Weg. "In der privaten Wirtschaft herrscht eine Lobby der oberen Kasten. Im öffentlichen Dienst herrscht die Quote für untere Kasten. Wir in der Mitte stecken fest."

Neid heizt den Konflikt an

Viele derjenigen, die am vergangenen Wochenende auf die Straßen gingen, denken wie er. Sie fühlen sich von der Politik in ihrem Staat ignoriert und in ihrer Kastenzugehörigkeit gefangen. Ihr Unmut erzählt nicht zuletzt von der anhaltenden Agrarkrise im Land.

Demonstration der Maratha-Kaste in Kolhapur im indischen Bundesstaat Maharasthra (DW/J. Wadhawan)

Im November soll es in Mumbai zur größten Protestaktion der Marathas kommen

Traditionell waren Marathas – wie auch Patels in Gujarat oder Jats in Haryana – Landbesitzer und Bauern. Der Wachstum der Bevölkerung aber hat dazu geführt, dass die Länderein unter immer mehr Besitzern aufgeteilt wurden, so dass die meisten heute nur noch wenig bis gar kein Land besitzen. Die Agrarkrise und anhaltende Dürren brachte zusätzlich viele in Not. Sie veräußerten ihr Land oder verschuldeten sich. Ein Großteil der Bauern-Selbstmorde von Indien fand in Maharashtra statt. Zu den wichtigsten Forderungen der Demonstranten gehören daher feste Preisraten und Mindestlöhne auf dem Land.

Die heranwachsenden Generationen aber zieht es ohnehin in die Städte. Sie wollen den urbanen Traum leben, doch das Kastenwesen versperre ihnen den Weg zur nötigen Bildung. "Mein Sohn erreichte in seiner Aufnahmeprüfung für die Universität 90 Prozent und kam trotzdem nicht rein", beschwert sich einer der Demonstranten. "Aber ein Schüler mit nur 65 Prozent darf Medizin studieren, weil er zu einer OBC gehört." Wer trotzdem in die guten Universitäten will, brauche Bestechungsgeld oder bleibe zurück. Die Frustration der vergessenen Mitte entlädt sich dabei in Neid auf die größten Profiteure des Systems – und droht das verhasste Kastendenken weiter anzuheizen.

Der Frust auf das System festig Kastenidentitäten

Vor allem Dalits bekommt das zu spüren. Bereits bei Protesten in anderen Staaten wurden Anti-Dalit-Slogans laut. Als Auslöser der Maratha-Proteste gilt außerdem ein Vergewaltigungsfall, bei dem sich drei Dalit-Jungen an einem Maratha-Mädchen vergriffen haben soll. Der Fall Kopardi wird von Marathas seither als Mobilisierung der Massen genutzt.

Proteste gegen Benachteiligung von niedrigen Kasten: Polizisten versuchen, mehrere auf dem Boden liegende Menschen wegzuzerren (Reuters/A. Dave)

Ende September protestierten in Ahmedabad Angehörige der Dalits - Sicherheitskräfte versuchen, Demonstranten festzunehmen

Lautstark fordern sie die Reform des so genannten "Prevention of Atrocities Act" (POA). Das 1989 in Kraft getretene Gesetz soll Dalits und Adivasis vor noch heute alltäglichen Gewalttaten schützen. Wer sich an ihnen vergreift, kann ohne Anhörung zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Die Opfer bekommen Entschädigungsgelder. Während Dalits und Adivasis noch immer zu den ärmsten Bevölkerungssgruppen im Land gehören, werfen die Demonstranten von Maharahstra ihnen vor, den POA ausnutzen. "Sie bestehlen uns und belästigen unsere Frauen. Und wenn wir uns wehren, kommen wir ins Gefängnis", empört sich ein Versicherungsverkäufer aus einem Dorf im Umkreis von Kolhapur. Von eigenen Erlebnissen können indes die wenigsten berichten. Sie sehen vor allem den Fall Kopardi als emotionale Grundlage für ihre Forderungen.

Dabei kämpfen Dalits auch heute noch erheblich mit Diskriminierung. Aufmerksamkeit erregten unlängst brutale Übergriffe in Gujarat. Vier Dalits wurden dort an ein Auto gefesselt und ausgepeitscht, weil sie angeblich ein Rind getötet hatten, was dort offiziell verboten ist. Das Video machte über soziale Medien die Runde. Im Staat Haryana, nördlich von Neu Delhi, führte zudem der Selbstmord eines Dalit-Studenten Anfang des Jahres für eine erneute Debatte über die gesellschaftliche Diskriminierung der untersten Kasten.

Die lange Liste der drängenden Probleme

Demonstration von Angehörigen der niedrigen Dalit-Kaste am Tag der Unabhängigkeit am 15. August 2016 (UNI)

Auch Angehörige der niedrigsten Kaste, der Dalits, gehen immer wieder auf die Straße und protestieren gegen Morde und Gewaltverbrechen gegen Dalits

"Es ist eine Frage der Machtverteilung", sagt indes Suhas Palshikar, Professor für Politikwissenschaft an der Savitribai Phule Universität in Pune. "Jede Gemeinschaft fordert ihren Platz im System ein." Während sich der Frust gerade gegen jenes System richtet, werden Revolten wie die der Marathas die Kastenidentitäten weiter festigen, so Palshikar.

Gegendemonstrationen von Dalit-Gruppen in Latur, einem Bezirk in Maharashtra, machten das am Wochenende deutlich. Die Demonstranten forderten ihrerseits die strikte Einhaltung des POA, der in ihren Augen viel zu häufig keine Anwendung findet.

Eine Entspannung der Kastenrivalitäten ist Palshikar zufolge abhängig von der Handhabung der drängendsten Probleme im Land: der Agrarkrise, dem mangelhaften öffentlichen Bildungswesen sowie fehlender Jobs im Privatsektor. In Indien drängen monatlich um die eine Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt, der laut indischem Arbeitsamt im vergangenen Jahr gerade mal 135 000 neue Stellen schaffte. "Die Kastenfrage", sagt Palshikar, "wird maßgeblich davon bestimmt, wie Indien diese Probleme in den Griff bekommt."