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Deutschland

Kassenknüller aus dem Knast

Hinter den Gefängnismauern von Berlin-Tegel leben und arbeiten rund 1200 Menschen. In den Gefängniswerkstätten entstehen dabei Produkte, die inzwischen wahre Verkaufsschlager sind.

An einem nasskalten Samstagvormittag drängen sich hunderte Besucher vor einem roten Backsteingebäude des Gefängnisses Berlin Tegel. Viele sind schwer bepackt, tragen in jeder Hand mehrere Baumwolltaschen mit der Aufschrift “JVA Tegel“. Darin: Adventsgestecke, Vogelkästen, Weihnachtsgebäck.

Am Ende eines jeden Jahres veranstaltet die Justizvollzugsanstalt ihren Winterbasar. Unter den Berlinern hat sich das längst rumgesprochen. “Ich komme immer hierher, weil es so tolle Sachen gibt“, erzählt eine Rentnerin. Zwei Adventskränze hat sie gekauft, dazu eine quadratische kleine Holzkiste, die mit einer Kerze und allerlei Kugeln verziert ist. Ein Geschenk für die Enkelin.

Schon wenige Stunden nach Eröffnung des Basars sind einige Tische an den Verkaufsständen gähnend leer, so mancher Artikel ausverkauft. Vor allem bei der Weihnachtsdekoration schlagen die Besucher zu, und die gefängniseigene Bäckerei verkauft an diesem Tag Kuchen für mehrere Tausend Euro.

Arbeit strukturiert den Tag

Anja Koch (DW). Alle Fotos zeigen den Winterbasar der Justizvollzugsanstalt Berlin Tegel.

Schlange stehen vor dem JVA-Shop

Vom Adventstrubel vor den Mauern bekommen die Gefangenen nichts mit. Mehr als 1200 Menschen verbüßen hier ihre Haftstrafe – und sie arbeiten in 14 verschiedenen Betrieben, von der Buchbinderei bis zur Schuhmacherei. “Diese Tätigkeit soll vor allem einen pädagogischen Zweck erfüllen“, sagt Klaus-Dieter Blank, der in der JVA Tegel für den Bereich Arbeitswesen zuständig ist. “Wir haben viele Gefangene, die vor ihrer Inhaftierung keinen geregelten Tagesablauf hatten. Hier sollen sie Strukturen lernen, und dazu gehört eben auch, pünktlich die Arbeit zu beginnen, zu einem bestimmten Zeitpunkt Feierabend zu machen und in der Zeit dazwischen eine entsprechende Leistung zu erbringen.“ 37 Stunden pro Woche arbeiten die Häftlinge. Ihre Produkte – darauf legt Blank großen Wert – sollen qualitativ hochwertig sein. „Wir haben die Aufgabe, die Gefangenen fit zu machen für ein Leben nach der Haft, deswegen müssen sie die gleichen Kenntnisse und Fertigkeiten haben wie die Arbeiter draußen.“

Aus einem Ausstellungsraum wird ein Geschäft

Verkaufsraum in der JVA, Rechtefreies Bild von der JVA Berlin Tegel

Verkaufsraum hinter Gittern

Die Produkte wie Betten, Stühle, Holzspielzeug, gingen lange Zeit vor allem an Berliner Amtsstuben oder Kindergärten. Dann entschied die Gefängnisleitung, außerhalb der Mauern einen Ausstellungsraum einzurichten, und sie dort zu präsentieren. “Die Besucher haben dann gesagt, sie wollen die Sachen nicht nur ansehen, sondern auch kaufen, und so entstand die Idee des JVA-Shops“, erinnert sich Blank. Seit 2002 gibt es den Laden, mittlerweile kommen jede Menge Stammkunden. Die freuen sich über die günstigen Preise für Schuhe, Ledertaschen, Ritterburgen und Kaufmannsläden. Andere bringen ihre alten Stühle oder Sofas mit, um sie in der Polsterei aufarbeiten zu lassen. Weil der Andrang groß ist, muss so mancher Kunde Wartezeiten in Kauf nehmen.

Einkaufen und dabei Gutes tun

In der Tischlerei stellen die Gefangenen ganze Schrankwände her, aber auch kleinere Artikel werden hier produziert: Die Vogelkästen zum Beispiel, die auf dem Winterbasar so beliebt sind, sowie die kleinen quadratischen Holzkisten, die anschließend in der Gärtnerei weihnachtlich verziert und so zum Kassenschlager werden.

“Ich stelle am liebsten Deko-Artikel her, dabei kann ich kreativ sein“, erzählt ein Gefangener. Der 38-Jährige möchte die Arbeit in der Tischlerei nicht missen: “Für mich ist das wichtig, die Beschäftigung hilft mir, meinen Alltag besser zu gestalten.“ Vor seiner Inhaftierung arbeitete der Mann in einer Restaurantküche, nun hat er Spaß am Tischlern gefunden. Das Selbstwertgefühl der Gefangenen stärken, Lebenssinn schaffen – auch das soll die Beschäftigung in der Haftanstalt leisten. Und das wissen auch die Kunden zu schätzen. “Dann arbeiten die Häftlinge nicht umsonst, das finde ich wichtig“, sagt die Rentnerin, die außer den Weihnachtsartikeln in der Zwischenzeit auch noch Brot gekauft hat. So profitieren eben alle davon: Die Berliner vor den Mauern, die Gefangenen dahinter.

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