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Fokus Osteuropa

Kasachstan schließt sich offiziell der Pipeline Baku-Ceyhan an

Kasachstan wird in Zukunft Öl durch die Pipeline Baku-Ceyhan transportieren – vorbei an russischem Territorium. Im Interview mit DW-RADIO nimmt Energie-Experte Roland Götz Stellung und schätzt die Folgen ein.

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Öltürme bei Baku, Startpunkt der Pipeline

Roland Götz ist Leiter der Forschungsgruppe Russland/GUS bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Lage und Entwicklungsaussichten der russischen Wirtschaft sowie die Energiewirtschaft Russlands.

DW-RADIO/Russisch: Herr Götz, die Präsidenten Kasachstans und Aserbaidschans, Nursultan Nasarbajew und Ilham Alijew, haben am 16. Juni in Alma-Ata einen offiziellen Vertrag unterzeichnet, der den Erdöl-Transport von Kasachstan über aserbaidschanisches Gebiet durch Nutzung der Pipeline Baku-Ceyhan regelt. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Roland Götz: Kasachstan steht vor einem großen Aufschwung seiner Erdölforderung, vor allem durch seine großen Felder im Norden des Kaspischen Meers. Dadurch wird es in die Lage versetzt, in den nächsten Jahren hohe Mengen an Erdgas zu exportieren. Man spricht von 100 bis 200 Millionen Tonnen pro Jahr, und zwar sind Lieferungen in verschiedene Richtungen möglich, natürlich Richtung Russland wie bisher, aber auch Richtung China und Westen. Richtung Westen gibt es bisher nur eingeschränkte Möglichkeiten, insofern wäre die Baku-Ceyhan-Pipeline eine weitere Möglichkeit, die in Anspruch genommen werden könnte. Deshalb ist der Beitritt zu diesem Projekt eine zukunftsweisende Entwicklung für Kasachstan.

Russland sieht dieses Projekt mit Argwohn. Ist die Teilnahme Kasachstans nicht ein Affront gegen Russland?

Die russische Haltung gegenüber dem Projekt hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Zunächst war Russland sehr ablehnend, weil es dieses Projekt als Konkurrenz zu seinem eigenen Pipelinesystem angesehen hat. Inzwischen hat sich die Einstellung geändert. Erstens, weil Russland vor der Realität steht, dass die Pipeline ja nun wirklich gebaut und in Betrieb genommen werden wird, und zweitens, weil sie sogar für Russland gewisse Möglichkeiten bieten würde. Russland könnte damit weitere Exportkapazitäten gewinnen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Russland in der nächsten Zeit auch diesem Projekt beitreten wird.

Heißt das, dass es in diesem Fall für Kasachstan nur um eine jetzt viel beschworene Diversifizierung der Absatzmärkte für Öl und Gas geht?

Diversifizierung ist schon eine längere Zeit im Gespräch. Das Thema ist nur deswegen aktuell, weil es eine politische Bedeutung in der Diskussion um Abhängigkeitstreben hat, und Diversifizierung ist ein Mittel dafür. Aber was Kasachstan oder Zentralasienstaaten im allgemein betrifft, haben sie immer eine Art von Diversifizierung betrieben – nicht nur in der äußeren Politik, sondern auch in ihrer Wirtschaftspolitik, weil sie nicht von Russland total abhängig sein wollten und sich nicht nur an Russland orientieren wollten. Kasachstan hat immer eine multivektorale Politik zumindest als Konzeption verfolgt, deshalb wird sich Kasachstan nicht nur an China oder an Russland orientieren, sondern wird alle Möglichkeiten nutzen, die ihm zur Verfügung stehen. Allerdings muss man realisieren, dass es Kapazitätsgrenzen gibt. Die Exporte Richtung Westen oder Richtung Europa werden sicherlich nur ein Drittel des gesamten Exports ausmachen. Deswegen kann man eigentlich nicht über einer totalen Änderung der Situation auf dem Erdölmarkt sprechen.

Das Interview führte Andrej Brenner
DW-RADIO /Russisch, 16.6.2006, Fokus Ost-Südost

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