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Fußball

KAS Eupen: Die Katar-Fußball-Fabrik

Was hat ein Fußballverein in einer kleinen deutschsprachigen, belgischen Stadt mit Katar zu tun, wo nach einer umstrittenen Wahl die WM 2022 ausgetragen wird? DW-Reporter Matt Ford hat die KAS Eupen besucht.

Belgien ist ein Land, in dem mehr als eine Sprache gesprochen wird. Französisch und Flämisch haben lange um die Vorherrschaft gekämpft. Und Besucher werden lange suchen müssen, um irgendjemanden zu finden, der in der geschäftigen Hauptstadt Brüssel kein Englisch spricht. In der kleinen Stadt Eupen, östlich von Lüttich, sprechen die Bewohner aber Deutsch. Und an einem Tag im Juni 2012 kam eine Gruppe Arabisch sprechender Männern dort an.

Sie haben die sogenannte Aspire Zone Foundation repräsentiert. Diese Stiftung ist für die Förderung des Amateur- und Profisports in Katar verantwortlich. Sie hat die kleine belgische, deutschsprachige Gemeinde als idealen Platz auserkoren, um einen Fußballverein zu kaufen.

Seit ihrer Gründung in Afrika 2007 hat die Stiftung mit ihrem Programm "Aspire Football Dreams" mehr als 3,5 Millionen junge Fußballer in 17 Ländern gesichtet. Die ausgesuchten Spieler besuchen die "Aspire Academy" in Doha. Dort bekommen sie eine private Ausbildung, Coachings und werden medizinisch unterstützt, während sie internationale Freundschaftsspiele bestreiten. Was jedoch fehlte, ist der echte Wettstreit. "Aspire" brauchte einen Fußballverein und die Königliche Allgemeine Sportvereinigung (KAS) Eupen passte da offensichtlich voll ins Konzept.

Willkommen in Eupen

2012 hatte die zweite Belgische Liga Schulden von rund vier Millionen Euro und stand kurz vor der Insolvenz. Aber die Liga war auch Mitten in Europa und hatte insgesamt nur sechs Spieler in ihren Teams, die tatsächlich aus Belgien kamen.

Außerdem mag Eupen eine deutschsprachige Stadt sein, aber viele Bewohner sprechen auch Französisch - eine Sprache, die von vielen jungen afrikanischen Fußballern gesprochen wird. Anders als in Frankreich können immigrierte Spieler nach nur drei anstatt fünf Jahren einen Belgischen, also europäischen Pass beantragen. Und anders als in Deutschland gibt es nicht die 50+1 Regel, nach der es Kapitalanlegern nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profi-Mannschaften ausgegliedert haben.

Genau deshalb ist Eupen perfekt. Das findet auch Christoph Henkel. Der frühere Chef des 1. FC Köln-Leistungszentrums ist seit 2012 der Vereinsvorsitzende der KAS Eupen.

"Der Reiz für mich war, noch mal einen beruflichen Schritt machen zu können, etwas anders, etwas Neues nochmal kennenzulernen, mit Spielern zusammenzuarbeiten, die auf einem sehr hohen Niveau talentiert sind und an dieser Entwicklung teilzuhaben", sagt Henkel, der jeden Morgen von seiner Heimatstadt Köln über die Grenze nach Eupen pendelt. "Dazu kam natürlich auch die Internationalität. Dass man hier in Ostbelgien verschiedene Sprachen spricht. Die Vielsprachigkeit war für mich ein auch ein Reiz. Das ist für mich persönlich eine Bereicherung gewesen."

Seit Henkel beim KAS Eupen ist, haben Dutzende "Aspire"-Absolventen  die verschlafene belgische Stadt durchlaufen und der KAS ist zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Erstklassigkeit aufgestiegen. Der Aufstieg jedoch wurde zunächst misstrauisch beäugt.

"Die Menschen waren zuerst skeptisch, weil die Historie in Eupen ein paar Begleitumstände hatte, die nicht so erfreulich waren", sagt Christoph Henkel. "Es gab schon Investoren, die kamen und gingen." Und deshalb: "Das war für uns wichtig, dass wir hier mit einer sehr integrativen Arbeit dafür sorgen, dass Vertrauen geschaffen werden kann. Dass die Leute sehen, das ist nicht nur für eine Saison. Wir sind nicht nur hier um ein paar Spieler zu verkaufen und Geschäft zu machen. Nein, das ist ein Konzept zur Förderung von jungen Talenten mit einer sehr langfristigen Perspektive."

Erfolgsgeschichte

Das Konzept hat sichtlichen Erfolg. Nach vier Jahren "Aspire", gefolgt von zwei weiteren Jahren in Eupen, hatte der senegalesische Mittelfeldspieler Diawandou Diagne einen Dreijahresvertrag mit der zweiten Mannschaft des Barcelona, außerdem 27 Auftritte in der spanischen "Segunda Division" und einen Anruf beim ersten katalanischen Team für ein „Copa- del-Rey-Spiel". Jetzt ist er wieder ausgeliehen an Eupen.

Henkels größter Erfolg: Der 20-Jährige Angreifer Henry Onyekuru aus Nigeria. Der brachte ihm nach einem Transfer zum FC Everton acht Millionen Euro. Everton hat ihn an den belgischen Meister Anderlecht ausgeliehen.

Die "Aspire"-Spieler lernen bei der Akademie alle mit eine bestimmte Spielweise, eine Fußball-Idee, die Henkel als hochgradig "spanisch beeinflusst" bezeichnet. "Wir haben schon eine sehr offensive Spielweise. Wir sind schon von spanischen Spielideen geprägt. Nicht nur von Spanien aber wir haben ein spanisches Trainerteam [unter Jordi Condom Auli], unser Sportdirektor ist Spanier [Joseph Colomer], kam von Barcelona. Das gesamte Projekt "Aspire Football Dreams" ist in der Entwicklung der Spieler spanisch geprägt." Und: "Die Spieler, die hier hinkommen, sind sehr schnell, sehr wendig. Technisch sehr versierte Spieler, die vor allem im Kurzpassspiel geschult sind und dort sicherlich ihre Stärke haben. Aber sie kommen hier ohne Wettkampferfahrung her."

"Es ist die Fähigkeit, ein Spiel in der 85. Minute bei einer 1:0-Führung wirklich zu gewinnen. Diese Wettkampf-Stabilität, die 100-prozentige Konzentration in der entscheidenden Sekunde. Das bringen wir den Spielern hier bei."

Versteckte Beweggründe

Für die Spieler sind die Möglichkeiten klar. Aber was ist drin für Katar? Einem Land mit rund 2,6 Millionen Menschen, von denen 2,3 Millionen ausgebürgerte Arbeiter sind?

Viele haben den Verdacht, dass Katar letztlich bezweckt, Fußballer einzubürgern, um das Land bei der Weltmeisterschaft 2022 zu repräsentieren. Aber, so stellt Henkel klar, die Spieler müssen in dem Land wenigstens für die letzten fünf Jahre gelebt haben, bevor sie für ihr neu gewähltes Land spielen dürfen. Diese Frist aber ist jetzt abgelaufen. Denn wer 2022 für Katar spielen will, hätte sich bis zum frühen Sommer 2017 eingebürgert haben müssen.

"In jeder Nationalmannschaft spielen andere Nationalitäten", sagt Henkel. „Die deutsche Nationalmannschaft, die U21, wirbt damit, dass sie eine große Familie für viele internationale Spieler ist! Das hat eine total positive Bewertung, wenn es so stattfindet. In unserem Fall, wird es ein ganz großes Unding, ein Verbrechen, oder was auch immer, gesehen, aber wir machen das überhaupt nicht! Sie machen's nicht so. Insofern frage ich mich manchmal ob wir mit unserer Bewertung der Dinge dann auch ganz richtig liegen oder nicht."

Aber was sind dann Katars Beweggründe hinter der "Aspire Academy"? Ist es ein rein humanitäres Projekt?

"So edel muss man nicht sein, zu sagen, man macht das alles nur aus humanitären Gründen. Tun wir hier in Europa auch nicht. Es ist aber durchaus erlaubt, auch andere Ziele zu verfolgen. Ich glaube, dass die humanitären Aspekte eine sehr wichtige Rolle spielen. Aber es ist klar, dass das gesamte Projekt auch andere Vorteile für Katar mit sich bringt. Die Vorstellung ist, ein global Player im Fußball sein zu können. Es gibt ja die staatliche Vision "Qatar 2030" wobei Gesundheit, Bildung & Sport mit klaren Zielen versehen sind, die man erreichen möchte. Hier hat man einen Baustein, den Fußball, aber das muss ja immer ins gesamte Bild passen und in die gesamte Vision passen."

Menschenrechte

Katar hofft, international größeres Ansehen durch den Sport zu erlangen. Das Land war 2015 Gastgeber der Handball-Weltmeisterschaft und wird 2022 Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft. Außerdem bewirbt sich Katar um die Austragung der Basketball-Weltmeisterschaft 2023. Eine Absage hat Katar für die Olympischen Spiele 2020. "Qatar Sports Investment" (QSI) gehört der französische Gigant Paris Saint-Germain während Barcelona von Katar Airways gesponsert wird. "Aspire" ist ein teil der Vision, Spieler zu entwickeln, die den Namen "Katar" raus in die Fußballwelt tragen.

Aber die Ambitionen des Landes sind nicht frei von Kontroversen. Beinahe neun von zehn Bürgern Katars sind ausländische Arbeiter aus Ländern wie Indien, Neapel, Bangladesch und Ägypten. Da gibt es Anschuldigungen wie verletzte Menschenrechte und unbezahlte Arbeit.

Henkel reist regelmäßig nach Katar. Und er hat großes Vertrauen in die handelnden Personen, wie er sagt. "…, dass dort sehr gute Visionen bestehen und, ja, dass der Wille da ist, das Land zu entwickeln, weiterzukommen und gute, positive Ziele zu erreichen. Aber ich verstehe, wo die Skepsis herkommt. Auch in den Medien."

Die "Aspire Academy" ist letztendlich ein Üben in Öffentlichkeitsarbeit, auch um das internationale Image aufzupolieren. Es mag kein reines humanitäres Projekt sein. Aber zumindest schaffen Christoph Henkel und sein Team von KAS Eupen auf lokaler Ebene eine Plattform für junge talentierte Spieler, einen Weg in den europäischen Fußball zu bahnen.

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