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Kultur

Kartoffel mit Gardemaß gewünscht

50 Prozent unserer Lebensmittel landen auf dem Müll. Jedes fünfte Brot, jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel. Sie haben nicht die Maße, die der Handel vorschreibt. Ein Tabu-Thema, wie nun ein Film zeigt.

Kartoffeln mit Macken (Foto: DW/ Miriam Klaussner)

Kartoffeln mit Macken, nicht verkaufswürdig

Der Kartoffelroder sieht aus wie ein gigantisches Monster: die Räder so groß wie ein Mensch, gläsernes Cockpit, im Schlepptau ein Anhänger mit Schaufel. Bahn für Bahn wühlt sich die Maschine durch das Feld. Die Schaufel durchkämmt den Boden, greift die Kartoffeln und schmeißt sie auf das Förderband auf dem Anhänger. Landwirt Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf schirmt die Augen ab und zeigt vom Feldrand aus auf die zwei jungen Leute auf dem Anhänger.

Wilhelm Graefe zu Baringdorf (Foto: DW/ Miriam Klaussner)

Landwirt Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Biobauer aus Bielefeld

"Meine Kollegen dort oben sortieren Kartoffeln aus, die Macken haben. Die werden dann sofort wieder aufs Feld geschmissen", erklärt der Biobauer. Selbst aus der Distanz sieht man wie ihre Hände über die Kartoffelmassen auf dem Förderband wirbeln. Im Sekundentakt werfen die zwei Sortierer die Kartoffeln zurück auf das Feld.

Bauer zu Baringdorf bückt sich nach einer, die gerade in hohem Bogen vom Anhänger geflogen kam. "Sehen Sie, diese Kartoffel hat hier einen Spalt, oder diese ist unförmig. Man kann diese Kartoffeln natürlich essen, keine Frage. Da sie aber eine kleine Macke vom Roder oder von einem Stein haben, sind sie eben nicht mehr marktfähig."

50 Prozent raus – "das ist bitter"

Der ältere Herr klopft die Hände an der grünen Cordhose ab und stapft auf riesige Holzkisten am Wegrand zu. Eine Kiste fasst eine Tonne Kartoffeln. "Wir haben hier fünf Kisten – das macht fünf Tonnen. Allerdings, von den fünf Tonnen bleiben nur 2,5 Tonnen als verkaufsfähige Ware", erklärt zu Baringdorf schulterzuckend. Und die übrigen 2,5 Tonnen? Die fliegen raus: Die Hälfte seiner Kartoffeln muss der Landwirt wegwerfen. Prädikat "nicht marktwürdig". Diese Früchte sind nicht etwa schlecht oder faul, sie haben lediglich eine kleine Macke und entsprechen so nicht der Norm.

Strikte Handelsnormen

"Nicht die Käufer sind wählerisch, sondern Handel", seufzt der Landwirt. "Vor allem unsere Biokunden wissen, dass unförmige Kartoffeln qualitativ völlig in Ordnung sind. Aber der Handel will sie nicht. Wir sortieren rund 50 Prozent aus, das ist bitter."

Kartoffelroder (Foto: DW/ Miriam Klaussner)

Schon der Kartoffelroder sortiert

Aber der Kartoffelbauer ist nicht der Einzige, der einen großen Teil seiner Ernte wegwerfen muss. Auch jeder zweite Kopfsalat oder jedes fünfte Brot landen auf dem Müll. Experten schätzen, dass über zehn Millionen Lebensmittel pro Jahr alleine in Deutschland weggeworfen werden - das sind 500.000 LKW-Ladungen! Exakte Zahlen gibt es keine, denn die erhebt das Statistische Bundesamt nicht. Die Amerikaner, Österreicher, Schweizer oder Engländer hingegen haben Zahlen vorliegen. Untersuchungen in diesen Ländern zeigen, dass 30 bis 50 Prozent aller Lebensmittel auf dem Müll landen. In England sind das zum Beispiel rund 500 Millionen Joghurts oder fast drei Milliarden Scheiben Brot pro Jahr. Aus den gleichen Gründen wie bei Kartoffelbauer zu Baringdorf: weil sie nicht der Norm entsprechen und somit nicht marktwürdig sind. Allerdings spricht kaum einer gerne darüber, geschweige denn, lässt sich gerne beim Wegwerfen von Essen filmen.

Mit der Kamera auf den Spuren des Lebensmittelmülls

Das hat auch der Kölner Filmemacher Valentin Thurn erfahren. Er hat gerade den Film "Frisch auf den Müll" gedreht, eine Dokumentation über die globale Lebensmittelverschwendung. Der Film läuft zur Zeit weltweit im Fernsehen und kommt 2011 auch als Kinofassung heraus. "Menschen vor die Kamera zu bekommen, die über dieses Thema sprechen, war ein echter Kampf", erzählt er, während er auf seinem Computerbildschirm das Material sichtet. Kartoffelbauer zu Baringdorf war da eine Ausnahme. Er hat sich filmen lassen und vor der Kamera seinem Frust über die strikten Normen Luft gemacht. "Aber er war ungefähr der fünfzehnte Bauer, den wir angefragt haben. Alle anderen haben sich nicht getraut, vor der Kamera etwas zu erzählen. Sie hatten Angst vor einem schlechten Image, wenn rauskommt, was sie alles wegschmeißen müssen."

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