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Asien

Karsais Vorstoß aus Verzweiflung

Afghanistans Präsident Hamid Karsai macht sich für den schnellen Abzug der ISAF-Truppen aus seinem Land stark. Sein Vorstoß kommt einem gefährlichen Vabanque-Spiel gleich, meint Daniel Scheschkewitz.

Symbolbild Kommentar

Kommentar Deutsch

Leichenschändungen und Koranverbrennungen, zuletzt noch der Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan: Die internationalen Truppen am Hindukusch verlieren rasant und enorm an Ansehen. In kürzester Zeit hat sich der Westen durch das Verhalten der US-Militärs jeden Rest von Sympathie für die ISAF-Soldaten in der Bevölkerung verscherzt. Von daher ist der Vorschlag des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, die internationalen Truppen beschleunigt abzuziehen, nur allzu verständlich.

Verlockende Versuchung

DW-Redakteur Daniel Scheschkewitz

DW-Redakteur Daniel Scheschkewitz

Auch in den Entsendestaaten dürfte sein Wunsch auf offene Ohren stoßen. Der langwierige Einsatz in Afghanistan ist nicht nur teuer und verlustreich. Er ist angesichts der ungewissen Zukunftsperspektiven für das Land am Hindukusch in den meisten Staaten inzwischen auch enorm unpopulär. Nicht umsonst hatten die USA von sich aus erst Anfang des Jahres lanciert, die Nato-Truppen schon 2013 abzuziehen. Ein frühzeitiges Ende des Afghanistankrieges wäre für US-Präsident Barack Obama ein willkommenes Wahlkampfgeschenk.

Genauer betrachtet, sind jedoch Misstrauen und Vorsicht angebracht. Afghanische Armee und Polizei sind in ihrem momentanen Zustand noch bei weitem nicht in der Lage, die Sicherheit des Landes zu garantieren. Ihr Ausbildungsstand ist unzureichend, ihre Besoldung mittelfristig ungeklärt und ihre Struktur bietet den Taliban alle Möglichkeiten, sie zu infiltrieren.

Afghanische Sicherheitskräfte überfordert

Eine Strategie für eine geordnete Machtübergabe im Jahr 2014 ist bisher nur in Ansätzen vorhanden. Für eine komplette Übergabe der Sicherheitsverantwortung schon im kommenden Jahr, so wie sie Karsai jetzt vorgeschlagen hat, fehlt aber jede Grundlage. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Militär und Polizei in Afghanistan in der Lage sein werden, das Sicherheitsvakuum auszufüllen, das 130.000 abziehende ISAF-Soldaten hinterlassen. Ein überstürzter Abzug wäre das schlimmste aller Szenarien und könnte das Land sehr schnell in einen neuen Bürgerkrieg stürzen.

Hamid Karsais Vorschlag ist auch deswegen befremdlich, weil sich seine Macht schon seit langem auf die Anwesenheit jener Truppen stützt, die er plötzlich lieber heute als morgen loswerden will. Sein ganzes System aus Korruption und Vetternwirtschaft würde ohne die ausländische Truppenpräsenz innerhalb kürzester Zeit zusammenfallen. Sein Machtverlust wäre vorprogrammiert. Karsai steht politisch mit dem Rücken zur Wand.

Karsais Anbiederung bei den Taliban

Insofern kommt sein Vorschlag mit dem Mut der Verzweifelung daher. Der im eigenen Land wenig respektierte Staatschef versucht sich bei den Taliban beliebt zu machen, um so sein eigenes Überleben zu sichern. Er muss das böse Image, eine Kreatur ausländischer Mächte zu sein, schnellstmöglich ablegen. Sein Kalkül könnte jedoch auf einem tragischen Irrtum beruhen: Die Taliban brauchen Karsai gar nicht. Sie sind schon jetzt stark genug, um alleine mit den Amerikanern zu verhandeln und warten nur darauf, nach einem Truppenabzug die ganze Macht im Lande wieder an sich zu reißen. Der Westen stünde dann, zehn Jahre nach Beginn des Afghanistaneinsatzes, wieder mit leeren Händen da. Das aber wäre ein zu hoher Preis.