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Afghanistan

Karsai: "Afghanistans Scheitern betrifft auch Deutschland"

Afghanistans Ex-Präsident Hamid Karsai spricht über die andauernde Krise in seinem Land. Im DW-Interview sagt er, dass die Zukunft des Landes in den Händen der nächsten Generation liege.

DW: Wie würden Sie die Sicherheitslage in Afghanistan nach über 16 Jahren Einsatz von Truppen der NATO und der USA beschreiben?

Hamid Karsai: Die Sicherheitslage ist leider weit entfernt von dem, was wir uns sehnlich wünschen. Bomben und Unsicherheit prägen unseren Alltag. Die Gewalt nimmt zu. Ein größerer Teil des Landes als je zuvor wird von Kräften außerhalb der Regierung kontrolliert. Nach 16 Jahren Anti-Terror-Kampf entstehen in Afghanistan neue Terror-Gruppen. Daesh (der IS - d. Red.) ist auf den Plan getreten. Wir fragen uns: Wie kann das geschehen?

Welches ist das größte Hindernis für eine friedliche Entwicklung Afghanistans?

Es gibt zwei Faktoren. Denen, die sagen, der Grund liege in Afghanistan selbst, sage ich: Nein, das ist falsch. Das afghanische Volk hat mit der internationalen Gemeinschaft umfassend und im großen Wunsch nach Frieden, Wohlstand und Demokratie zusammengearbeitet. Die entscheidenden Faktoren für die Instabilität in Afghanistan liegen außerhalb. Die Rolle Pakistans ist allgemein bekannt: Die dortigen Rückzugsgebiete, die Ausbildungsorte, die Finanzquellen (für Terroristen - d. Red.), die ideologische Unterstützung für den Terrorismus in Afghanistan. Der zweite ebenso wichtige Faktor ist die Art der Umsetzung der US-Strategie in Afghanistan. Die äußerst unsensible Vorgehensweise der Amerikaner im Krieg gegen den Terror, das heißt, die Opfer unter der Zivilbevölkerung, die Errichtung von Gefängnissen in Afghanistan, die Verletzung unserer Souveränität, unserer Kultur und Werte - all das zusammen hat zu der gegenwärtigen Situation geführt.

Afghanistan Truppen in Nengarhar näch Kämpfen mit dem IS (DW/O. Deedar)

Afghanistan: Truppen in Nengarhar näch Kämpfen mit dem IS

Ihr Nachfolger Präsident Ashraf Ghani will im kommenden Jahr Parlamentswahlen abhalten. Experten halten das angesichts der schlechten Sicherheitslage für unrealistisch. Was sagen Sie dazu?

Wir hoffen, dass die Wahlen durchgeführt werden. Es ist schon sehr spät dafür. Die Verfassung muss gelebt werden. Der starke Wunsch nach Abhaltung der Wahlen ist vorhanden. Ob sie möglich sind, ist eine andere Frage. Aber wir müssen unter allen Umständen am demokratischen Weg festhalten, und die Parlamentswahlen gehören dazu. Lasst uns alle dafür arbeiten.

Was hat aus Ihrer Sicht derzeit die oberste Priorität in Afghanistan?

Vor allem müssen wir scharf darüber nachdenken, was bei uns schiefgelaufen ist. Wo liegen unsere eigenen Fehler, wo haben die USA Fehler gemacht, wo liegt die Schuld bei unseren Nachbarn? Wir müssen die Lage analysieren und Lösungen erarbeiten. Und für diesen Zweck ist eine Loja Dschirga, die traditionelle große Versammlung Afghanistans, das beste Forum. Hier können Menschen aus dem ganzen Land, aus allen Schichten und Gruppen zusammen entscheiden, was das Land voranbringen kann. Das ist meiner Meinung nach der Weg nach vorn.

Soll eine solche große Versammlung aus Ihrer Sicht Parlamentswahlen überflüssig machen?

Keineswegs! Die Loja Dschirga soll nur die Wahlen und die Arbeit des Parlaments vorbereiten, sie soll den parlamentarischen Prozess unterstützen und nicht ersetzen, und das wird sie tun.

Afghanistan Kabul Loja Dschirga (DW/H. Sirat)

Die Loja Dschirga, die traditionelle große Versammlung (November 2014)

US-Präsident Donald Trump will die Truppenpräsenz  in Afghanistan aufstocken. Sie haben sich gegen solche Pläne ausgesprochen. 2009 hatten die Amerikaner allerdings schon einmal ihre Truppenstärke massiv erhöht. Damals waren Sie afghanischer Präsident. Was hat sich seitdem geändert?

Ich war auch damals dagegen. Der US-Botschafter hat damals nach Washington gemeldet: Karsai ist nicht unser Partner. Und er hatte Recht: Ich war nicht der Partner der Amerikaner bei der Intensivierung des Krieges, bei der Erhöhung der Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung, beim Bau von Gefängnissen, bei der Verletzung der afghanischen Souveränität und Gesetze. Wenn die US-Präsenz in Afghanistan zu mehr Sicherheit für die Bevölkerung, zu Frieden und zur Stärkung der Souveränität Afghanistans führt, dann bin sehr dafür. Es geht hier nicht um ideologische Vorbehalte, sondern um das Leben in Afghanistan: ein Leben ohne Frieden, ohne Sicherheit, ohne Hoffnung auf die Zukunft.

Genau deshalb fliehen viele Afghanen aus ihrem Land, obwohl sie teilweise wieder zurückgeschickt werden. Stimmen Sie der Einschätzung der deutschen Regierung zu, dass es sichere Zonen in Afghanistan gibt?

Ja, die Städte sind sicher. Ab und zu gibt es Bombenanschläge, aber das betrifft uns alle. Meine Kinder leben auch dort, ebenso wie Millionen von Afghanen, mit ihren Kindern. Unsere jungen Leute sollten in ihrem Land bleiben, sie sollten ihren Beitrag für ihr Land leisten und in ihrem Land arbeiten.

Deutsche Welle Bonn | Hamid Karzai, ehemaliger Präsident Afghanistans - TV-Interview (DW/F. Görner)

Hamid Karsai im Gespräch mit Waslat Hasrat-Nazimi, DW

Aber die Menschen sterben doch.

Ja, wir sterben. Trotzdem haben wir Hoffnung. Man geht nicht weg. Man verlässt nicht sein Haus und Heim, weil woanders im Land jemand stirbt. Wie haben andere Nationen ihre Länder aufgebaut? Indem die Menschen dort geblieben sind und sich für den Wiederaufbau und Fortschritt ihrer Heimat eingesetzt haben. Mein Rat an die jungen Afghanen ist: Verlasst euer Land nicht, last uns alle zusammenarbeiten, um aus unserem Land einen besseren Ort zu machen. Das Ausland kann das nicht an unserer Stelle tun.

Also sind Sie einverstanden, wenn Deutschland illegal eingereiste Afghanen nach Hause zurückschickt?

Diejenigen, die kein Asyl bekommen haben, müssen mit Stolz nach Afghanistan zurückkommen und dort ihren Platz finden. Diejenigen, die Aufnahme in Deutschland gefunden haben, müssen dort als rechtschaffene Bürger leben und zu einer gelungenen Integration beitragen. Für die deutsche Regierung habe ich auch einen Ratschlag: Sie muss zusammen mit ihren europäischen Partnern in Gespräche mit den USA eintreten. Ein Scheitern in Afghanistan betrifft auch Deutschland. Deutschland muss sich dafür einsetzen, dass die USA den richtigen Ansatz wählen, nämlich einen, der den Afghanen eine Perspektive auf Frieden und Normalität eröffnet. Deutschland kann dabei eine Rolle spielen, zusammen mit Europa, mit den USA, mit unseren Nachbarn und den großen Regionalmächten, um dieses Ziel zu erreichen, unsere jungen Leute im Lande zu halten.

Das Interview führte Waslat Hasrat-Nazimi

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