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Fußball

Karriereziel Fußballprofi - aber mit Bildung

Erst Schule, dann Training, später Hausaufgaben: Der Alltag eines Nachwuchsfußballers kann ziemlich stressig werden, ein Zwölfstundentag ist keine Ausnahme. Sport und Bildung – kann das funktionieren?

Julian Draxler (Foto: dpa/Friso Gentsch)

Julian Draxler - gerade erst volljährig aber schon längst Profi

Dirk Lottner ist ehrlich. Der ehemalige Bundesligaprofi kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, ein ähnliches Pensum zu absolvieren wie seine Schützlinge, die er nun im Nachwuchsbereich beim 1. FC Köln trainiert. "Das wäre nicht meine Welt gewesen. Ich ziehe den Hut vor den Jungs." Es sind junge Sportler mit großen Hoffnungen – sie alle haben nur ein Ziel: Fußballprofi zu werden. Dabei müssen sie heutzutage einiges investieren und vieles entbehren. Privatleben ist fast nicht mehr möglich: Disziplin, Fleiß und Ehrgeiz stehen neben dem sportlichen Talent an oberster Stelle. "Wir können nur unser Bestes dabei tun, den Jungen unter die Arme zu greifen und zu helfen", sagt Lottner. "Damit sie – wenn sie es nicht schaffen – nicht zu tief fallen, sondern im Leben stehen. Und darum geht es."

Haifischbecken Profifußball

Andreas Rettig (Foto: dpa/ Stefan Puchnerc)

Andreas Rettig führt die Bundesliga-Leistungszentren

Augsburgs Manager Andreas Rettig kennt sich im Thema bestens aus, er ist auch Vorsitzender der Kommission der 46 Leistungszentren, also der Nachwuchsakademien der Bundesliga. Sie wurden nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2000 für alle Bundesligavereine verpflichtend gegründet, geknüpft an zahlreiche Rahmenbedingungen. Aktuell betreuen die Vereine beider Profiligen 282 Mannschaften mit 5445 Toptalenten – und setzen immer mehr auf junge Spieler: Von 2001 bis 2010 hat sich die Anzahl der in der Bundesliga eingesetzten Spieler zwischen 18 und 21 Jahren von 8% auf 16% sogar verdoppelt. Rettig kontrolliert die Arbeit in den Nachwuchsabteilungen, warnt aber auch vor dem Haifischbecken Bundesliga: "Hier werden schon 15-Jährige umgarnt. Jeder zerrt an den Jungen und gaukelt ihm vor, dass er der nächste ist, der im Profifußball landet. Ich sage nur: Vorsicht!"

Ohne Schulabschluss gehe gar nichts, sagt Rettig, der eine positive Tendenz beobachtet hat: Mehr als die Hälfte der Spieler, die in den Leistungszentren sind, bauen ihr Abitur. "Das Kreuzband ist schnell gerissen", gibt Rettig zu bedenken. Der Traum von der großen Karriere kann schnell vorbei sein. "Und deshalb bin ich ganz ehrlich: Ich war etwas erschrocken über die Aussagen des ein oder anderen Protagonisten aus dem Profifußball, der Nachwuchsspieler dazu animiert, die Schule zu schmeißen." Damit könne er nichts anfangen.

Enge Kooperation mit Schulen

Beate Weisbarth und Christopf Henkel (Foto: DW/Olivia Fritz)

Nachwuchs-Förderer Beate Weisbarth und Christoph Henkel

Für Beate Weisbarth ist die duale Ausbildung von Sport und Schule zur Lebensaufgabe geworden. Sie ist Schulleiterin einer "Eliteschule des Fußballs". Dieses Modell bietet guten Nachwuchsspielern die Freiheit, Training und Schule besser koordinieren zu können. Bis zu 35 Stunden Schulunterricht, verteilt auf den Morgen und den Nachmittag, können auf dem Stundenplan stehen. Dazwischen finden individuelle und Mannschaftstrainingseinheiten statt, sowie am Wochenende die Spiele. In Leistungszentren summiert sich die Trainings- und Spielzeit schnell auf 31 Wochenstunden. Dazu kommen Hausaufgaben und die An- und Abreisezeit. Ein straffes Programm für die Jugendlichen und eine große Verantwortung für Lehrer und Trainer, "mit dem Ziel, dass der junge Mensch, den wir in den Schulen und im Verein betreuen, auch ein junger Mensch wird, der eine Lebenskompetenz erhält." Diese definiert Weisbarth über Bildung. Dabei komme es nicht darauf an, in allen Fächern gute Noten zu schreiben, sondern eine Persönlichkeit zu entwickeln. Der junge Mensch soll Strategien entwickeln, auf dem Platz wie im Leben. Weisbarth pendelt ständig zwischen ihrer Schule und dem Vereinsgelände des 1. FC Köln hin und her. Dort tauscht sie sich intensiv mit Christoph Henkel aus, dem Chef des Kölner Nachwuchs-Leistungszentrums. "Denn die Anforderungen sind extrem hoch. Wir sprechen von einem Zwölfstundentag bei einem 15-, 16- oder 17-Jährigen", macht Henkel klar. Deswegen müssten viele Aspekte berücksichtigt werden.

Reinhold Yabo im Spiel (Foto: dapd)

Reinhold Yabo (r.)

Gemeinsam haben sie ihre Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben. "Karriereziel Fußballprofi, Bildung und Sport im Einklang". Reinhold Yabo, langjähriger Nachwuchsspieler des 1. FC Köln und Kapitän der U17-Europameistermannschaft 2009, erinnert sich gern an seine Zeit mit Henkel und Weisbarth in Köln zurück. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn es in der Schule gut lief, es sich auch auf den Sport ausgewirkt hat." Seine ehemalige Direktorin Weisbarth sei nicht nur dafür zuständig gewesen, dass es in der Schule lief. Sie war auch vernetzt mit dem Sport. "Sie wusste Bescheid, wie unsere Spiele waren, wie die Leistungen von jedem einzelnen waren, um so auch auf den Spieler spezifischer eingehen zu können." Yabo hat den Sprung ins Profigeschäft geschafft. Im vergangenen Jahr debütierte er in der Bundesliga beim 1. FC Köln, momentan ist er an Alemannia Aachen ausgeliehen. Und sollte es einmal vorbei sein mit der Fußballkarriere hat er vorgesorgt: Er ist auf dem Weg zum Abitur.

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Wolfgang van Kann

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