Karriere mit Handicap | Deutschland | DW | 02.06.2013
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Deutschland

Karriere mit Handicap

Ein Manager im Rollstuhl? Für viele ein ungewohntes Bild. Obwohl sie oft gut qualifiziert sind, arbeiten nur wenige Menschen mit Behinderung in Führungspositionen. Daran hat sich trotz aller Bemühungen wenig geändert.

"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." So steht es seit 1994 in der deutschen Verfassung. Und dennoch ist der Weg in ein selbstbestimmtes Leben in unserer Gesellschaft für viele Menschen mit Behinderung bis heute sehr steinig und eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben nur schwer möglich.

Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges zum Positiven entwickelt hat, so sind noch immer viele öffentliche Einrichtungen, Arbeitsstätten, Verkehrsmittel und Schulen nur mangelhaft auf die Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen eingestellt. Erst langsam entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, dass gesellschaftliche Teilhabe kein nettes Zugeständnis, sondern ein Grundrecht ist.

Vom Spitzensportler zum Coach

Eine behinderte Schülerin sitzt im Rollstuhl in einer Schulklasse (Foto: picture-alliance/dpa)

Nicht immer werden behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet

Es gibt jedoch Menschen, die sich durch diese Widrigkeiten nicht bremsen lassen. Boris Grundl, Coach und Berater für Manager und Führungskräfte, ist querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Mit Mitte 20 war er ein hoffnungsvoller Spitzensportler, arbeitete als Tennistrainer. Im Dezember 1990 war er im Urlaub in Mexiko, als es passierte. Grundl sprang von einer Felsklippe in eine Lagune im Dschungel und brach sich die Wirbelsäule. Ein Freund zog ihn aus dem Wasser, 90 Prozent seines Körpers waren fortan gelähmt.

Zurück in Deutschland lebte er zunächst von Sozialhilfe, beim Arbeitsamt überlegte man, wo man ihn "unterbringen könnte". Doch Grundl will nicht untergebracht werden. Dank seines eisernen Willens bekommt er eine Stelle im Vertrieb und arbeitet sich bis ins Management hoch. Mittlerweile ist er selbständig, berät Führungskräfte und gibt Motivationsseminare.

Behinderte haben es schwerer

Boris Grundl sitzt im Rollstuhl auf der Bühne (Foto: privat)

Boris Grundl coacht heute Führungskräfte

Aus seiner Sicht haben es Behinderte zunächst schwerer als Nicht-Behinderte, beruflich aufzusteigen. "Wenn sie in einer Randgruppe sind - ich als Behinderter bin das ja - und wollen Erfolg haben, dann müssen die Ergebnisse besser sein, als die der Nicht-Randgruppen-Mitglieder." Grund dafür seien die Bilder in den Köpfen, die man verändern müsse. "Wenn Sie mich als Rollstuhlfahrer sehen, ist es schwierig zu verstehen, dass der Impuls Stärke da ist."

Mit viel Kraft und Ausdauer sei es jedoch möglich, solche Bilder zu drehen. In seinen Seminaren versucht er daher, an die Selbstverantwortung und den Willen der Teilnehmer zu appellieren: "Die Konsequenz eines Behinderten, der seinen Weg geht, heißt: Es gibt keine Ausreden."

Behinderungen sind vielfältig

Nach offiziellen Zahlen haben knapp zehn Prozent der Deutschen eine Behinderung, 6,7 Millionen Menschen haben sogar einen Behinderungsgrad zwischen 50 und 100 und gelten damit als schwerbehindert. Nicht immer sind sie im Alltag so leicht wahrnehmbar wie Boris Grundl in seinem Rollstuhl. Wer zum Beispiel Lernschwierigkeiten hat oder mit Depressionen kämpft, wird oft übersehen.

Roland Weber ist heute auch eine Führungskraft, allerdings innerhalb des Systems der Behindertenarbeit. Er ist als Vorsitzender der Bundesvereinigung der Werkstatträte oberster Interessenvertreter der Beschäftigten in Behindertenwerkstätten.

Jobverlust wegen Depression

Roland Weber sieht man seine Behinderung nicht an. Wie Boris Grundl hat auch er den ersten Teil seines Lebens als Nicht-Behinderter verbracht. Nach einer Lehre als Maurer war er in verschiedenen Berufen tätig, leitete nach einer weiteren Ausbildung eine Pflegeabteilung. Doch dann wurde er depressiv, konnte nicht mehr arbeiten, und sein Leben geriet mehr und mehr aus den Fugen. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie war er mit Anfang 50 auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zu vermitteln.

Mann arbeitet an einer Maschine in einer Behindertenwerkstatt (Foto: DW)

Viele Behinderte arbeiten in speziellen Werkstätten und schaffen es nicht auf den ersten Arbeitsmarkt

Weber fand schließlich eine Anstellung in einer Behindertenwerkstatt. Die Arbeit machte ihm Spaß, auch wenn er anfangs nur schwer damit klarkam, in einer Einrichtung für Behinderte zu arbeiten. "Es war für mich eine große Scham, dieses Versagen in meinem vorherigen Leben." 2005 wurde er dann gefragt, ob er sich vorstellen könne, Werkstattrat zu werden. Von da an ging es hinauf bis auf die Bundesebene.

Schwierige Integration in den ersten Arbeitsmarkt

Heute setzt sich Weber dafür ein, dass mehr Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Aus Gesprächen weiß er, dass viele Arbeitgeber den besonderen Kündigungsschutz scheuen, den Behinderte genießen. Doch oft seien die Unternehmer einfach schlecht informiert: "Jeder Arbeitsplatz ist wieder kündbar. Das ist dann eine Vereinbarung zwischen dem Integrationsamt, dem Betroffenen und dem Arbeitgeber."

Noch ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Schwerbehinderte unbefriedigend. So profitieren sie laut Arbeitsagentur nicht so stark wie die anderen Menschen vom Aufschwung am Arbeitsmarkt. Außerdem sind unter den schwerbehinderten Arbeitslosen mehr Fachkräfte als unter den nicht schwerbehinderten. In Zukunft könnte jedoch der demographische Wandel dazu beitragen, dass Arbeitgeber behinderte Bewerber nicht mehr so einfach außer Acht lassen können.

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