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Wirtschaft

Karneval lässt die Milliarden rollen

Für mehr als 3000 Unternehmen in Deutschland ist an 365 Tagen Karneval. Die Produktpalette reicht von Orden über Perücken bis zu Kostümen. Selbst Apotheken und Tankstellen profitieren von den tollen Tagen.

Weiberfastnacht in Köln (Foto: dpa)

Weiberfastnacht in Köln: Die fünfte Jahreszeit sorgt für rund fünf Milliarden Euro Umsatz

Der Karneval in Deutschland hat sich zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor entwickelt. So beziffert der Bund Deutscher Karneval, der Dachverband von 4.700 Vereinen mit über 2,6 Millionen organisierten Narren, die jährlichen Umsätze mit Karnevalsartikeln und -kampagnen auf über fünf Milliarden Euro. Rund 3000 Unternehmen in Deutschland leben sprichwörtlich vom närrischen Treiben. Wie die Firma Keller GmbH in Bochum-Wattenscheid, die den Handel in der sogenannten fünften Jahreszeit bundesweit mit fast einer Million Kostüme beliefert. Für Geschäftsführer Horst Krokowski dauert der Karneval im Prinzip 365 Tage: "Karneval ist ein Geschäft, das uns nicht nur drei Tage beschäftigt, sondern Karneval beschäftigt uns tatsächlich vom Einkauf, von der Kommissionierung bis zum Verkauf ein ganzes Geschäftsjahr."

Närrische Globalisierung

Verkleidete Kinder stehen am Montag, 23. Februar 2009, waehrend des traditionellen Rosenmontag Umzug an einem Motivwagen in Duesseldorf (Foto: AP)

Karnevalskostüme dürfen nicht teuer sein - deshalb kommen die meisten aus Fernost

Und das übrigens über die Grenzen hinweg, denn auch bei einem hundertprozentigen Tochterunternehmen in den Niederlanden dreht sich alles um den Karneval. Dieses Tochterunternehmen kauft die Stoffe auf, und dann kreieren die Designer die Trends für die neue Saison. Bis hin zum passenden Zubehör wie Perücken oder Strümpfe.

Und danach schwappt die Karnevalswelle nach Fernost. Aus Kostengründen. Nach dem Fall der innerdeutschen Mauer ließ die Firma Keller die Kostüme in den früheren Billiglohnländern Tschechien und Polen nähen. Doch seit einigen Jahren, so Horst Krokowski, rechnet sich das nicht mehr. Die Globalisierung macht auch vor dem deutschen Karneval nicht halt: "Seitdem können Sie nach China, Taiwan, nach Indien oder Pakistan reisen und finden dort Kostümproduzenten, die zu wesentlich verbesserten Preisen diese Artikel und dieses Sortiment für den europäischen oder den Weltmarkt anbieten."

Abgerechnet wird nach Aschermittwoch

Textilarbeiterinnen in China (Foto: dpa)

Globalisierung im Karneval: Textilarbeiterinnen in China

Knapp 60 Festangestellte beschäftigt das Unternehmen sowie zusätzlich zur karnevalistischen Hochzeit bis zu 40 Saisonarbeiter. Allesamt sorgen sie für einen millionenschweren Umsatz. Denn die Firma Keller zählt seit über 25 Jahren zu den ganz großen Lieferanten für Saison- und Festivalartikel in Deutschland. Abgerechnet, merkt der Geschäftsführer nüchtern an, wird aber immer erst nach Aschermittwoch. "Wir sind mitten in der Saison und haben noch die Nachaufträge abzuwarten, um dann Ende Februar abschließend sagen zu können: sind es 16 oder gegen die 17 Millionen Euro Brutto-Umsatz."

Von Bochum-Wattenscheid aus versorgt das Unternehmen die Top Ten des deutschen Handels mit Kostümen, von Textilketten bis zu Versandhäusern. Schließlich grassiert der Karneval mittlerweile quer durch Deutschland. "Sie wissen, dass es nicht nur den rheinischen Karneval in Köln, Mainz und Düsseldorf gibt - wir vertreiben unsere Produkte bundesweit. Die gehen in die neuen Bundesländer und die gehen sogar nach Berlin, in die Bundeshauptstadt."

Horst Krokowski, Geschäftsführer der Firma Keller GmbH in Bochum-Wattenscheid (Foto: Keller)

Für Horst Krokowski ist Karneval an 365 Tagen im Jahr

Finanzkrise hin, Finanzkrise her; Karneval hat offenbar immer Konjunktur. Dazu habe, erinnert sich Horst Krokowksi, der Firmengründer schon in den Gründerjahren lakonisch angemerkt: "Wenn's den Leuten gut geht, feiern sie sowieso. Wenn’s ihnen schlecht geht, dann erst recht.“

Gefeiert wird trotz Krise

Und bei Keller weiß man nach mehr als einem Vierteljahrhundert aus Erfahrung, welche Kostümierungen bei den Narren besonders gefragt sind. Traditionell, stellt Horst Krokowski fest, sei das einfach so, dass die Klassiker der vergangenen Jahre auch die Renner der laufenden Session seien. Neuheiten aus erfolgreichen Filmen oder Fernsehserien kämen zwar auch hinzu, aber gerade die Klassiker machen den größten Teil des Geschäftes aus. Bei Kindern ist zum Beispiel das Prinzessinnen-Kostüm für die Mädchen oder die Cowboy-Verkleidung für die Jungs nach wie vor beliebt. Nicht zu vergessen die Piraten, die seit zwei Jahren im Karneval auf einer Erfolgswelle schwimmen.

Dazu liefert die Keller GmbH das passende Zubehör: von der Augenklappe und dem Fernrohr für die Piraten-Fans bis zu den Hüten für die ewigen Cowboys oder den Kunstfederschmuck für die Indianer. Durchweg fabriziert in Fernost. Der deutsche Karneval sichert längst auch Arbeitsplätze von Designern in den Niederlanden und vor allem von Näherinnen in China. Schließlich wollen selbst deutsche Narren für ein Kostüm, das sie nur an ein paar Tagen tragen, kein Vermögen ausgeben. Das hat man beim Kostumlieferanten Keller nicht erst heute erkannt und damit die Basis für den geschäftlichen Erfolg gelegt.

Frau im Piratenkostüm (Foto: Keller)

Seit dem "Fluch der Karibik" immer beliebter: Das Piratenkostüm

Horst Krokowski macht die Rechnung auf: "Wir sind traditionell ein Vertreiber von Karnevalsartikeln in den für den Endverbraucher akzeptablen Preisklassen. Das heißt, wir bewegen uns in den Verkaufspreisen bis 20 Euro für Kinder, bis 30, 40 in der Spitze für Erwachsene." Überspitzt formuliert: Ohne Globalisierung käme die deutschen Narren ihr Verkleidungs-Vergnügen zu Karneval erheblich teurer zu stehen.

Autor: Klaus Deuse
Redaktion: Rolf Wenkel