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Kultur

Karl-May-Lesemarathon in Sachsen

Deutschlands meistgelesener Schriftsteller ist seit 99 Jahren tot und heißt: Karl May. Studenten in Mittweida machten nun wieder auf May aufmerksam: Sie lasen sein Gesamtwerk - rund um die Uhr, sieben Wochen lang.

Karl May (Foto: dpa/Deutsches Historisches Museum)

Karl May saß in Mittweida im Knast

Mittweida ist eine kleine Stadt in Sachsen mit 15.000 Einwohnern, einer Hochschule und einer schmucken Altstadt. Einen Steinwurf vom historischen Marktplatz entfernt steht das ehemalige Gefängnis, fünf Stockwerke hoch mit vergitterten Fenstern. Statt der gewöhnlichen Stille herrscht hier seit einigen Tagen rege Betriebsamkeit. Unter dem Titel "Gefangene Visionen" wird das Gesamtwerk von Karl-May verlesen. Tag und Nacht haben Studenten seit dem 14. März aus seinen Büchern gelesen und das Spektakel live im Internet übertragen. An diesem Dienstag (03.05.2011) endet die Veranstaltung - nach genau 51 Tagen.

Denn so lange saß der später gefeierte Karl May in Mittweida in Untersuchungshaft, in einer kleinen Zelle im ersten Obergeschoss. In genau dieser Zelle liest Semantha Günther einen Abschnitt aus "Allah il Allah". Die 19-Jährige mit den langen schwarzen Haaren studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida. Karl Mays Bücher kannte sie zwar schon von ihrem Großvater, aber so richtig wollte sie nichts von dem Schriftsteller wissen. Das änderte sich erst mit ihrer Teilnahme an dem Leseprojekt. Jetzt kann sie sich von den Geschichten kaum mehr losreißen - und ist damit nicht alleine.

Karl Mays Weltruhm ist bis heute ungebrochen

Karl May-Fans als Indianer verkleidet (Foto: Deutsches Historisches Museum)

Karl May-Fans um 1900

Rund 100 Millionen Bücher von Karl May wurden in den vergangenen 130 Jahren in Deutschland verkauft, noch einmal so viele im Rest der Welt. May wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Bis heute haben seine Abenteuergeschichten nichts von ihrem Zauber verloren. Jedenfalls seien die Vorleser in Mittweida verzaubert, stellt Mitorganisatorin Stephanie Walter fest. "Manche haben nach dem Vorlesen ein schelmisches Lächeln auf den Lippen", beobachtet sie.

Stephanie Walter wirkt etwas übernächtigt. Die "gefangenen Visionen" verlangen dem Projektteam einiges ab. Es ging schon bei der Vorbereitung los: 1500 Meter Kabel wurden verlegt und auch Teppichboden; die Wände wurden gestrichen, die Internetseite gestaltet. Die Idee zu dem studentischen Projekt im Bereich Medienpraxis/Event hatte Professor Ludwig Hilmer. Der Rektor der Hochschule Mittweida, Lothar Otto, erklärte die Lesung mit dem Untertitel "Ein Weltrekord hinter Gittern" zur Chefsache.

Ein Projekt für die ganze Uni

Stephanie Walter und Marc Simon (Foto: DW)

Projektorganisatoren Stephanie Walter und Marc Simon

Alle Fakultäten der Universität arbeiteten mit. Die Maschinenbauer zum Beispiel steuerten das "May-O-Meter" bei. Das Aufbewahrungssystem für die Kopien des gesamten Werks von Karl May steht auf dem Marktplatz. Dort holen die Vorleser ihre Manuskripte ab. Lothar Otto freut besonders, dass durch Karl May die Stadt und die Hochschule enger zusammengerückt sind. Das Projekt sei die erste interaktive Zusammenarbeit zwischen den Bürgern und der Hochschule, erklärt er. "Die Bürger stehen Schlange, um Lesetermine zu bekommen."

Die Vorleser stammen aus allen Altersklassen. Die jüngsten waren um die zwölf Jahre alt, der älteste Leser 85 Jahre, sagt Marc Simon. Der 26-jährige Student hat das Projekt mit auf den Weg gebracht. Die 88 Bände wurden in 3300 Abschnitte unterteilt, zu je 20 Minuten. Viele Unterstützer lesen mehrfach. Am Ende werden zwischen knapp 2000 Leute vor Mikro und Kamera gesessen haben, schätzt Simon.

Prominente Unterstützung

Gefängniszelle Karl Mays in Mittweida (Foto: DW)

Gefängniszelle Karl Mays

Dazu zähen auch Prominente: Schauspieler, Musiker, Fernseh und Radiojournalisten aus ganz Deutschland. Die Fernsehmoderatorin Barbara Dieckmann etwa erzählt, dass sie sich als Kind gar nicht von den Abenteuerromanen losreißen konnte. Sie las heimlich nachts, wenn sie längst schlafen sollte. Dieckmann ist begeistert davon, Karl May im Gefängnis zu lesen, "wo er ja sehr häufig war". Die wenigsten wüssten, so betont sie, dass er ein Dieb, Hochstapler und Kleinkrimineller gewesen sei.

Insgesamt sieben Jahre hat Karl May in Gefängnissen verbracht. In den Gefängnisbibliotheken vertiefte er sich in die damalige Reiseliteratur. Viele seiner detaillierten Schilderungen von exotischen Schauplätzen stammen aus Nachschlagewerken und Reiseberichten. Dennoch hat May mit seinen Schilderungen über Jahrzehnte hinweg das Bild der Deutschen vom Orient und von Amerika geprägt. Dem kometenhaften Aufstieg Mays vom Zuchthäusler zum Superstar entspricht der Abschluss der Lesung: Ein Raumfahrer nimmt aus der Enge der Zelle ein Andenken mit und transportiert es anlässlich des 100. Todestags Mays im kommenden Jahr in die Weite des Alls, zur internationalen Raumstation ISS.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Sabine Damaschke

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