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Ostmitteleuropa

"Karikatur freier Medien"

- Freiheit des Wortes braucht in Tschechien und in der Slowakei freie Journalisten - Vereitelter Mord an Journalistin Slonkova wirft grundsätzliche Fragen auf

Prag, 31.7.2002, PRAGER ZEITUNG, deutsch, Stefan Hrib, Chefredakteur der slowakischen Wochenzeitung Domino

Die Geschichte des freien Journalismus in Tschechien und der Slowakei nach 1989, als der Versuch begann, die Freiheit des Wortes zu erneuern, endet vorzeitig mit dem verhinderten Auftragsmord an Sabina Slonkova. Dieser Einschnitt wirft unerwartet Fragen wieder auf, die eigentlich längst hätten beantwortet sein sollen: Was bedeutet die Freiheit des Wortes, was hat sie für einen Wert und welches sind die unerlässlichen Bedingungen?

Zur größten Herausforderung nach dem "billigen" Fall des Kommunismus wurde die Schaffung einer freien Gesellschaft. Übernommen wurde die Schulbuchtheorie, wonach die Medien der Wachhund der Demokratie sein sollen. Alle haben dem mechanisch zugestimmt. Die kommunistische Zensur hörte auf, Gesetze wurden geändert, einige Leute ausgetauscht.

Der erste Bruch beginnt bereits mit den Namen. Bis auf wenige Ausnahmen - die aus dem Samisdat stammenden "Respekt" oder "Lidove noviny" (Volkszeitung - MD) - behielten die Printmedien die unsinnigen Bezeichnungen aus dem Realsozialismus: "Rude pravo" (Rotes Recht – MD), "Pravda" (Wahrheit – MD), "Prace" (Arbeit – MD), "Smena" (Schicht - MD) oder "Mlada fronta" (Junge Front – MD). Keiner wollte den Verlust von Lesern riskieren. Die problemlose Übernahme von kommunistischen Eigentümern und Journalisten nach der Wende war bloß eine logische Folge der feigen Einstellung.

Der zweite Bruch, welcher die Entstehung eines freien Journalismus gebremst hat, war paradoxerweise mit der medialen Unterstützung der notwendigen Veränderungen verknüpft. In Tschechien setzte diese Katastrophe nach 1992 ein, als Klaus vergöttert wurde, in der Slowakei nach 1995, als die Opposition verhätschelt wurde.

In beiden Fällen wollten die Journalisten bei der Schaffung eines freien Kapitalismus helfen. Nur dass gerade mit dieser Gründerzeiteinstellung die Journalisten zugegeben haben, dass sie nicht darüber schreiben, was sie sehen, sondern darüber, was sie sehen wollen. Die Politiker wurden sich dessen augenblicklich bewusst und haben das lange Jahre elegant ausgenutzt. Klaus schwamm auf der Welle als kapitalistischer Reformer, auch wenn er den Bankensozialismus im Land am Leben erhalten hat.

Als die Journalisten allmählich kritischer wurden, war es schon zu spät. Zu sehr hatte man sich daran gewöhnt, dass die Medien aus der Hand fressen.

Als Zeman über Journalisten als Pöbel redete, als Klaus sie als Feinde der Menschheit bezeichnete, oder als Dzurinda unlängst bei der Aufdeckung der Affäre um seine Partei den Begriff "Komplott" benutzt hat, geschah das nicht nur aus Charakterschwäche. Politiker haben damit bloß die eigenen Erfahrungen mit der Unterwürfigkeit "ihrer" Journalisten formuliert.

Zum überhaupt schwersten Schlag gegen die Freiheit des Wortes wurde nach und nach das Boulevard-Fernsehen. Das tschechische "NOVA" und das slowakische "Markiza" haben den Begriff "freie Medien" auf ein unerträgliches Maß reduziert. Durch deren Massenwirksamkeit und auch den politischen Einfluss haben sie die Grenzen des guten Geschmacks heruntergeschraubt und so fast den seriösen Journalismus zerstört.

Es ist bizarr, dass nach zwölf Jahren Freiheit Fälle, in denen es um Straftaten geht, die einzige Ausnahme bilden. Nur dabei haben die Medien noch ihren ursprünglichen Sinn bewahrt. In Tschechien griff Srba (Ex-Staatssekretär im Außenministerium – MD) zur Gewalt, weil ihm drohte, dass ihn Journalisten mit ihren Artikeln ins Gefängnis bringen. Das ist aber die Karikatur freier Medien, die erst dann Interesse hervorrufen, wenn bereits Verbrechen die Freiheit gefährden.

Sabina Slonkova hat darüber geschrieben, dass einer der Mächtigen stiehlt und lügt. Wenn sie allein dadurch zum Musterbeispiel des Journalisten geworden ist, stimmt etwas nicht.

Die unangenehme Wahrheit zu schreiben sollte die Verpflichtung eines jeden sein, der die Früchte der Freiheit des Wortes genießt. Die Freiheit des Wortes kommt nicht automatisch mit dem Fall des unfreien Regimes. Sie braucht zum Beispiel freie Journalisten.

Nur gerade die Ausnahme Sabina Slonkova zeigt, dass der Wert tschechischer und slowakischer Journalisten weiterhin zu niedrig ist. (ykk)

  • Datum 02.08.2002
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